„Wir haben genug für ein ganzes Album zu sagen“ – TYNA im Interview

Mitten im Crowdfunding zu ihrem zweiten Studioalbum, haben wir David und Murphy von TYNA beim Rocken am Brocken Festival getroffen.

Foto: Janis Hinz

Bremen. Erst letztes Jahr ist ihr Debütalbum „PNK“ erschienen, nun befindet sich die Hamburger Indie-Punkband TYNA schon mitten in den Planungen für ihre zweites Studioalbum. Zwischen NDW-Synthies, Punk-Gitarren und Pop-Hooks stehen TYNA für Texte mit Rückgrat, die Themen wie Rassismus, mentale Gesundheit und Empowerment behandeln. Eine hochenergetische Liveband mit zeitgeistigem, eigenständigem Sound, die in den letzten Jahren unzählige Auftritte von kleinen Clubs bis großen Festivals wie Hurricane, Deichbrand, Highfield und Open Flair absolviert hat. Beim Rocken am Brocken Festival haben wir mit David (Schlagzeug) und Murphy (Bass) über die laufende Crowdfunding-Kampagne, die musikalische Entwicklung und Verbindungen nach Bremen gesprochen.

Ihr startet in den Endspurt des Festivalsommers, jetzt stehen nochmal fünf Shows in elf Tagen an – wie waren die letzten Wochen für euch?

Murphy: Es war wirklich cool! Ich muss dazu sagen, dass die letzten beiden Jahre echt krass waren und wir unfassbar viele Festivals gespielt haben. Diesen Sommer sind wir gestartet und hatten eigentlich etwas weniger Daten. Es ist ganz angenehm, auch mal ein Wochenende durchzuatmen. Trotzdem haben wir, auch durch zwei oder drei spontane Anfragen, immer noch recht viele Festivals gespielt. Hier am Brocken sind wir auch relativ kurzfristig reingerutscht. Insofern hat es gut gepasst, es war etwas entspannter und wirklich schön. Bislang hatten wir auch mit dem Wetter überwiegend Glück.

David: Naja, wir wurden zweimal evakuiert. Es ist nichts ausgefallen, aber Gewitter hatten wir schon.

Murphy: Ein Wochenende war die ganze Zeit Scheißwetter und diverse Acts mussten ausfallen. Wir konnten immer normal spielen, also hatten wir da trotz des Wetters tatsächlich das Glück, zufällig die richtigen Slots erwischt zu haben.

Die letzten Shows im Festivalsommer bedeuten auch, dass es kleiner Umbruch bei euch langsam bevorsteht. Freddy hat sich entschieden, bei TYNA auszusteigen und ist nach den jetzigen Shows nicht mehr dabei. Macht ihr zu viert weiter, oder wird eine fünfte Person neu hinzukommen?

David: Da sind wir gerade in der Findungsphase, auf jeden Fall wird es ja weitergehen, das ist klar! Die Besetzung wird sich zeigen. Ein Abschied ist immer schmerzhaft und eine Veränderung kann auch Unruhe auslösen. Aber wir freuen uns alle auf die Zukunft und die kommenden, neuen Kapitel.

Murphy: Es geht auf jeden Fall direkt mit den nächsten Schritten der Band weiter, aber die Veränderung für uns ist natürlich schon krass. Wir waren echt sehr lange in der jetzigen Formation zu fünft unterwegs. Es ist schön, die fünf Shows jetzt noch gemeinsam zu spielen und danach starten wir sozusagen neu durch.

Ihr blickt zielstrebig in Richtung eures zweiten Studioalbums. Wann plant ihr, neue Musik zu veröffentlichen?

David: Gerade sind wir mitten im Crowdfunding für unser zweites Album – checkt das gerne mal aus! Gleichzeitig schreiben wir schon und produzieren einige Songs vor, damit wir alles zügig umsetzen können, sofern wir unsere Ziele beim Crowdfunding erreichen. Dazu können natürlich alle Lesenden hier sehr gerne ihren Teil beitragen. Bisher haben wir schon viel Support bekommen und es läuft sehr gut an, darüber freuen wir uns und sind sehr dankbar. Wenn das Crowdfunding am Ende erfolgreich ist, sollte es relativ bald neue Musik von uns geben. Ich glaube und hoffe, es wird dann alles ganz fix gehen.

Voraussichtlich veröffentlicht ihr also euer zweites Album relativ schnell nach eurem Debütalbum. Viele Bands denken aktuell eher in einzelnen Singles, was war ausschlaggebend dafür, euch in Richtung des zweiten Albums zu entwickeln?

Murphy: Wir hatten schnell wieder so viele Ideen, dass es sich lohnt, daraus ein ganzes Album zu machen.

David: Wir haben genug für ein ganzes Album zu sagen. Singles sind immer wichtig für das Marketing und gehören natürlich auch dazu. Ein Album bietet noch viel mehr Raum, sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln und verschiedene Facetten zu beleuchten. Die Lust darauf war einfach da. Wir haben sehr schnell nach dem ersten Album wieder angefangen, neue Songs zu schreiben. So entwickelt es sich jetzt quasi unweigerlich in diese Richtung. Wir haben kurz überlegt, zuerst eine EP zu machen, aber nach unserem Gefühl spricht nichts dagegen, einfach direkt Nägel mit Köpfen zu machen.

Murphy: Ein Album bietet zudem die Möglichkeit, ein paar experimentellere Dinge zu probieren, das ist uns sehr wichtig. Wenn du nur Singles veröffentlichst, müssen sie dich kernmäßig repräsentieren. Auf dem letzten Album sind locker zwei oder drei Songs rausgefallen, weil es einfach die Chance dazu gab. Dort können wir solche Momente unterbringen und wenn das Album seinen roten Faden trotzdem behält, wird es einfach cool und abwechslungsreich. Zusammen wirkt es gut und stimmig, aber isoliert betrachtet würden sich viele wundern, weil wir eben anders klingen. Das wäre schwierig! Das mag ich am liebsten an Alben – es müssen nicht alle Songs klassische TYNA-Songs sein, sondern wir können auch ausbrechen, ausprobieren und Risiken eingehen. Und natürlich will ich eine Schallplatte im Schrank stehen haben.

Euer Crowdfunding steht zum Zeitpunkt des Interviews bei etwa 80% – es läuft also gut und vielversprechend. Was hat euch dazu bewegt, diese Art der Finanzierung zu wählen?

Murphy: Zum einen hat unsere Sängerin Tina mit einer früheren Solo-EP schon gute Erfahrungen mit Crowdfunding gemacht. Zudem waren wir, wie anfangs kurz erwähnt, in den letzten Jahren wirklich richtig viel unterwegs, haben sehr viele Leute kennengelernt und neue Fans dazugewonnen. Das hat uns ein gutes Gefühl für ein Crowdfunding gegeben. Für uns ist es super schön, weil wir uns niemandem gegenüber zu etwas verpflichten. Es sind einfach unsere Fans, die in Vorkasse gehen und dafür etwas Schönes bekommen. Diese Gruppendynamik finden wir ein cooles Konzept. Ich finde es einen schönen Gedanken, dass nicht nur wir vier das zweite Album machen, sondern wir alle in dieser großen Community gemeinsam.

David: Wie Murphy schon gesagt hat, ermöglicht uns diese Art der Finanzierung, unabhängig von Majorlabel-Interessen, Agenturen oder sonstigen großen Playern der Musikindustrie zu bleiben. Zudem werden die Fördertöpfe des Staates leider immer kleiner und viele Bands und Solokünstler bemühen sich darum. Wir haben uns für ein Crowdfunding entschieden, um unser Album kompromisslos umsetzen zu können und dabei unabhängig zu bleiben. Ich habe das Gefühl, in der TYNA-Community gibt es einen sehr guten Zusammenhalt und gegenseitigen Support. Die Fans können schon jetzt in das zukünftige Album als physischen Tonträgen investieren, es sozusagen vorbestellen, es gibt aber auch ganz viele coole Goodies zu erwerben – beispielsweise Shirts oder sogar eine Reeperbahn-Führung mit Murphy als Tourguide. Wir haben uns einige lustige Dinge überlegt.

Murphy: Mit dem Erreichen bestimmter Schwellen wurden zusätzlich neue Goodies im Laufe der Zeit freigeschaltet. Das hält es spannend und ist gefühlt wie in einem Videospiel. Es kann ja passieren, dass wir uns einige Dinge ausdenken, jemand anfangs vielleicht dennoch nichts Passendes findet, dafür aber später eines der neuen Goodies mag und sich beteiligt. Außerdem macht es Spaß und ist lustig, sich Dinge auszudenken. Plötzlich sitzt du zusammen und jemand schmeißt durch den Raum, „du machst eine Kiezführung“. Das war jetzt nicht meine Idee, sondern wurde mir sozusagen nahegelegt – ich hätte natürlich ablehnen können, finde es aber eine lustige, gemeinschaftsfördernde Sache. Die Gruppe von Leuten kennt sich untereinander anfangs ja nicht, aber alle sind motiviert und haben mit unserer Musik direkt ein verbindendes Element. Es ist ein schöner Gedanke, dass daraus vielleicht sogar Freundschaften entstehen können.

In den Informationen zum Crowdfunding schreibt ihr, ihr möchtet gerne neue musikalische Wege ausprobieren und gehen. Wie könnten diese Wege aussehen?

David: Wir sind zwar noch lange nicht fertig, können aber schon andeuten, dass wir viele interessante und inspirierende neue Artists gefunden haben, im elektronischen Bereich wie auch im Metal, Indie oder Punk – auch internationale Acts, die wir cool finden. Auf unserem Debütalbum „PNK“ gibt es schon Hinweise durch Songs, die etwas aus dem Raster fallen und Elemente haben, die für eine Punkband wie uns eher untypisch sind. Das könnte ein Startpunkt sein, von dem wir uns weiterbewegen.

Weiter schreibt ihr, euren Kern nicht verlieren zu wollen. Was würdet ihr als euren Kern definieren?

Murphy: Großmäuligkeit (lacht).

David: Es ist komisch, das über sich selbst zu sagen, aber ich würde behaupten, unsere Texte sind sehr authentisch. Wir werden unsere Direktheit auf jeden Fall beibehalten.

Murphy: Grob gesagt, gibt es ein paar Themenkomplexe, die leider präsent bleiben, und die wir entsprechend auch weiter beackern. Ganz viel von unserem Kern steckt im Inhaltlichen. Ironischerweise ist tatsächlich die Idee da, etwas synthlastiger zu werden – mal schauen, wie wir das ohne Freddy jetzt machen. Auf alle Schultern verteilt, wird es aber garantiert irgendwie funktionieren.

Ihr gebt an, mit drei verschiedenen Produzent*innen arbeiten zu wollen – habt ihr da schon konkrete Namen oder Wünsche?

Murphy: Die Anzahl ist unser Anhaltspunkt, weil wir nicht mit zu vielen verschiedenen Leuten am Album arbeiten, aber gerne verschiedene Inputs bekommen möchten. So zwischen zwei und fünf verschiedene Produzent*innen von Songs werden es letztlich wohl werden. Über unsere eben angesprochenen Inspirationen, haben wir ein paar konkrete Ideen und sind teilweise auch schon mit Leuten in Kontakt. Zudem haben wir in den letzten Jahren viele Menschen kennengelernt und sind jetzt noch besser vernetzt. Wir möchten etwas wagen und unerwartete Dinge probieren. Auf keinen Fall wollen wir mit dem zweiten Album schon anfangen, auf der Stelle zu treten. Das wäre wirklich traurig.

Ihr spielt beide noch in anderen Bands. Wie lässt sich das zeitlich koordinieren, gerade im Festivalsommer?

Murphy: Mit einem sehr rigiden Sperrkalender (lacht). Es funktioniert, weil wir viel koordinieren und uns abstimmen. Natürlich macht es das etwas kompliziert, aber glücklicherweise sind viele Planungszeiträume mittlerweile sehr weit im Voraus. Gerade bei TYNA bekommen wir durch unsere Bookingagentur (The Living Proof Agency) frühzeitig zumindest Optionen vorgeschlagen. Damit können wir uns langfristig auf Termine einstellen und so klappt es dann. Natürlich können wir Anfragen manchmal auch nicht annehmen, weil jemand nicht kann – aber das ist ja bei jeder anderen Band genauso.

Am 15. November spielt ihr mit Le Fly in Bremen im Schlachthof. David, wie ist es für dich als gebürtiger Bremer, dorthin zurückzukehren?

David: Ich freue mich drauf! Leider verbringe ich viel zu selten Zeit in Bremen, also freue ich mich über jeden Anlass, zurückzukehren. Es ist immer schön, mit dem Auto in die Stadt zu fahren und zu sehen, was sich verändert hat. Ich freue mich, ein paar bekannte Gesichter zu sehen und im Schlachthof ist es ja sowieso immer geil. Das wird super!

Was verbindest du mit dem Schlachthof?

David: Dort habe ich mit meiner damaligen, ersten Band eines meiner ersten Konzerte als Teenager („Fünf Bands, ein Abend“ im Februar 2014) gespielt. Unten im Magazinkeller habe ich mich mit 15 Jahren auf Partys geschmuggelt und jemand aus unserer Freundesgruppe hat mir den Muttizettel unterschrieben. Das war eine schöne, gute Zeit! Ich erinnere mich immer gerne daran.

Was verbindest du, seit vielen Jahren in Hamburg lebend, mit der Bremer Band- und Musikszene?

David: Vor allen Dingen natürlich meine erste Band Mohawk und die anderen Bands aus der damaligen Zeit vor gut zehn Jahren. Viele Leute sind immer noch am Start, wie z.B. die drei Jungs von The Eternal Spirit (heute u.a. bei Paloma & The Matches und Grillmaster Flash), Paul Post und Paul Richter (damals Profilers und PAUL, heute Wrong Chat und WEZN), wobei der zweite ja nach Hannover gezogen ist und dort Musik macht. Viele Freunde von damals haben ihre Projekte aus der Zeit weiterentwickelt und sind immer noch am Start, da freut mich zu sehen. Einige sind heute in anderen Städten unterwegs – ich habe immer das Gefühl, Bremen ist eine schöne, familiäre Brutstätte, von der die Leute manchmal weiterziehen und oft aber auch wieder heimkehren.

Viele Bands haben sich in den letzten Jahren in Bremen gefunden und ihren Start hier als Sprungbrett für die weitere Entwicklung genutzt. So wie auch die Jungs in der Pagode nebenan. (Raum27 haben am gleichen Tag beim Rocken am Brocken Festival gespielt.)

David: Bremen hat nur eine überschaubare Anzahl an Venues, aber dafür passiert in der Musikszene sehr viel. Bands wie Raum27 oder Team Scheisse haben Bremen gefühlt wieder auf die Karte gebracht. In den letzten Jahren hat man viele Bands oder Acts aus z.B. Hamburg, Berlin oder München wahrgenommen und sie mit den Städten verbunden, auch international. Das kommt gefühlt immer phasenweise. Gerade ist Bremen wieder mehr am Start!

Murphy: Für die Größe der Stadt finde ich Bremen gar nicht schlecht bestückt, gerade mit mittelgroßen Bands. Mantar kommen ja auch daher. Für eine, verglichen mit Berlin oder Hamburg, relativ kleine Stadt, finde ich das schon sehr ordentlich. Ich bin auch immer gerne in Bremen, finde es schön dort und habe einige Freunde in der Stadt.

Wenn alles wie geplant klappt mit eurem Album, ist nach der Support-Tour im November ja die unweigerliche Frage nach einer eigenen Tour im Frühjahr da. Wann kommt ihr mit einer eigenen Headline-Show nach Bremen?

Murphy: Das wäre dann natürlich schon richtig und wichtig! (lacht)

David: Da sollte man demnächst vielleicht die Augen offen halten für Neuigkeiten. Gerade ist bei uns natürlich viel los, aber ich bin mir sicher, da wird etwas stattfinden im nächsten Jahr. Für diejenigen, die es nicht erwarten können, spielen wir am 9. Januar im Knust Hamburg unsere große Hometown-Jahresauftaktshow – das TYNA-Sportfest. Das machen wir jedes Jahr, es macht super viel Spaß und ist von Bremen doch fix mit dem Zug erreichbar.

Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne, die noch bis zum 22. August läuft!

Hier gibt es Tickets für das Konzert am 15. November mit Le Fly im Bremer Schlachthof, sowie Karten für das TYNA-Sportfest am 9. Januar im Hamburger Knust.

 


Mehr Beiträge aus" Interviews" zur Startseite

„Wir haben genug für ein ganzes Album zu sagen“ – TYNA im Interview teilen auf: