Shitney Beers – Amity Island, GHvC 2024
13 Stücke sind auf Amity Island, viele davon traurig oder zumindest nachdenklich, und am Ende bleibt trotzdem das Gefühl von Freude. Warum das so ist, steht hier:

Tatsächlich schon wieder zwei Jahre ist es her, seit Shitney Beers „This is Pop“ veröffentlichte. Wo ist nur die verdammte Zeit geblieben? Fast auf den Tag genau steht mit „Amity Island“ das Nachfolgewerk bereit. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Aber Maxi Hauk a.k.a. Shitney Beers (die mittlerweile eine Band und kein Soloprojekt mehr sind) stöhnt erstmal. So beginnt jedenfalls das neue Album – mit einem herzhaften Stöhnen. Nach dem Motto: „Geht der Scheiß schon wieder los? Und warum habe ich ein Banjo in der Hand?“ Das scheint sie sich zu fragen. Wenn doch eh keiner zuhört! „Halt! Stopp“, möchte ich rufen. „Ich bin doch da. Spiel was!“ Und Maxi kann gar nicht anders. Wenn der Typ schon mal da ist, scheint sie sich zu denken, und dann auch noch fragt. Dann mache ich es halt. So ist das mit dem ernsthaften Musikmachen. Musik ist immer da und Geschichten müssen aufgeschrieben, vertont und aufgenommen werden. Also, was soll’s? Das Banjo ertönt. „No more selfharm“, singt Maxi. Ja, bitte. Das wäre doch toll. Einfach mal über dem Scheiß stehen und sich nicht selber immer so fertig machen. Einfach mal sein. Ohne Grund, ohne Sinn. Und Maxi scheint langsam Spaß daran zu finden. Kommt immer mehr in Schwung und haut anschließend einen Sommer-Indie-Hit namens „Maya Hawk“ raus. Spaß kommt beim Machen. So einfach ist das. Hallo MTV, hallo 90er, hallo Welt, als alles noch etwas leichter und schöner war. Ist natürlich nicht so. Nur in einem zweieinhalbminütigen Popsong. Das Gefühl wird auch nicht von den vielen Fucks und fucking’s auf diesem Album weggewischt. Kann manchmal ja auch was Schönes sein.
Amity heißt auf Deutsch Freundschaft. Eine Insel der Freundschaft also. Ein Stück Land, nur mit den guten Leuten. „Du und ich und sonst noch die paar Leute, wir sind auf der guten Seite“, sangen einst die Sportfreunde Stiller. Und Tomte ergänzten später: „Das ist alles andere als die gute Seite.“ Und irgendwo dazwischen ist „Amity Island“ zu verordnen. Auf der einen Seite die Freunde, die guten Menschen, auf die sich verlassen werden kann. Und trotzdem ist längst nicht alles gut und toll. Da ist zu viel Schmerz und Leid und Hass in der Welt, dem begegnet wird. Ja, in manchen Momenten sogar begegnet werden muss. Da darf schon mal gestöhnt werden. Oder auch ein lautes (oder leises) Fuck gerufen werden. Schließlich gibt es genug Gründe, wütend zu sein: Misgendering, der richtige Crush zur falschen Zeit, festklammern an Dingen, die losgelassen werden wollen.
Habt Ihr schon mal Urlaub auf einer Insel gemacht? Ich meine jetzt nicht Mallorca oder so. Sondern eine Insel, auf die nur mit einem Boot gelangt werden kann. Bestenfalls noch ohne Autos. Die an einem Tag umrundet werden kann. Es gibt nichts Erholsameres. Die Sorgen und der Alltag bleiben am Festland zurück. Was zählt, ist nur der Moment. Handy und Gedanken aus. Nur noch Musik, Dünen, Wasser, Wellen und bestenfalls Sonne. So ungefähr ist „Amity Island“ auch. Eine Insel im Wahnsinn des Alltags. Ein Album, das einen an die Hand nimmt und irgendwohin führt, wo es schöner ist. Die Traurigkeit verschwindet so nicht. Aber sie ist leichter zu ertragen.
Dass Shitney Beers nun eine Band geworden sind, kann „Amity Island“ ebenfalls angehört werden. Der Sound ist nun voller geworden und es gibt weniger Solosongs. Es „rockt“ mehr, mehr E-Gitarren, mehr Drums, einfach mehr Band. Und „rockt“ natürlich in einem Indie-sinn, laut/leise, hier und da mal ein Gitarrensolo. Sogar tanzen geht dazu. Nur vielleicht nicht zum letzten Song. Das ist eine Klavierballade. Ein Song über gelogene Nähe und dem Abschied davon. Das Schlechte muss über Bord geworfen werden. Das Ende muss nicht immer bitter, sondern darf auch versöhnlich sein. Und dann ist da etwas am Horizont. Erst „bababa“-Chöre, dann, am Ende des Stückes, Gelächter und schließlich: Letzter Song, „We are gonna need a bigger boat“. Wieder mit Banjo. Wie eine Klammer.
13 Stücke sind auf „Amity Island“, viele davon traurig oder zumindest nachdenklich, und am Ende bleibt trotzdem das Gefühl von Freude. Und der Hoffnung, dass das alles überwunden werden kann. „So I’m stuck on amity island with you“ – gerne doch!
„Amity Island“ erscheint am 13. Dezember bei Grand Hotel van Cleef
Am 19. Februar 2025 treten Shitney Beers im Bremer Schlachthof auf.
Mehr Beiträge aus" Musik" zur Startseite


