Alben des Jahres 2024 – von Claas

Was bewegte dieses Jahr? Und was nicht? Ein komisches Musikjahr war das für mich. Vielleicht sowas wie eine Reflexion.

So viel kann schon mal verraten werden. So wenig Musik gehört und konsumiert wie in diesem Jahr habe ich wohl nie. Und das, was ich wirklich toll fand, habe ich eher zu wenig als zu viel gehört. Außerdem gaben dieses Jahr bei mir vor allem deutschsprachige Musik und Texte den Ton an. Das kam bisher eher selten vor. Vielleicht, weil ich eh zu wenig Zeit hatte, um mich mit englischen Texten auseinanderzusetzen. Denn nach wie vor ist es so, dass der Lyrik-Anteil in einem Song für mich mindestens gleichbedeutend mit der Musik sein sollte. Fangen wir einfach mal an. Dieses Jahr, so einfallslos bin ich schon geworden (pfa wird es freuen), tatsächlich mit so was wie einer Liste (oder Reihenfolge)

Beth Gibbons – Lives Outgrown
Ein Herbstalbum rüttelte im Sommer an der Stimmung. Und traf sie. Die Schönheit der Hoffnungslosigkeit, las ich über das Album. Eine Stimme, die mich seit über 20 Jahren begleitet, obwohl in der Zeit lediglich fünf Alben (plus/minus) mit Beth Gibbons als Sängerin erschienen sind. Songs übers Älterwerden, Einsamkeit, Melancholie. Untermalt von Geigen, Cello, Flöten und allerlei Küchenutensilien. Darüber schwebt Beth Gibbons Stimme und berührt Herz und Seele. Hier mal exemplarisch in einer Liveversion „Floating On A Moment“.

 

Waxahatchee – Tigers Blood
Da soll noch jemand sagen, Streaming sei doof. Irgendwas gehört, der Anbieter spielt „ähnliche“ Musik weiter. Und dann war da plötzlich „Right Back To It“. Genug gesagt! Oder nur noch das hier, so würde vielleicht Taylor Swift klingen, wenn sie kein Popstar wäre, sondern Musik in der Garage machen würde. Country, Folk, Indie, alles zusammen, zart und doch rau, dreckig und doch klar.

 

Chartreux – Fatigue
Noch so ein komischer Name. Waxahatchee, Chartreux, ich hab’s ja wohl damit. Gut, behauptete ich am Anfang, fast nur deutschsprachig gehört zu haben, waren bisher nur englischsprachige Songs vertreten, aber nur die Ruhe, das ändert sich gleich. Stellvertretend für die vielen (vielen, vielen, vielen) Gunner Records Veröffentlichungen dieses Jahr, möchte ich an dieser Stelle dringend die Lieblingspunker von Chartreux aus Leipzig in meiner Liste wissen. Album, Minialbum, EP, keine Ahnung. Zwanzig Minuten irgendwas auf Vinyl gepresst. So wie Punk mal gedacht war, zumindest in meinen Augen.

 

Affenmesserkampf – Förde Runs Red
Wenn wir schon bei Gunner Records sind, dann möchte ich dieses Album auch in meine Aufzählung aufnehmen. Songs über (gegen) Gentrifizierung, Reichsbürger, weiße Männermachenschaften und so viel mehr. Auch Bremen wird in dem Titelsong entsprechend gewürdigt. Hört einfach mal hin.

 

Hot Water Music – Vows
Tja, das kam dann doch etwas überraschend, ein würdiges Alterswerk, welches gleichzeitig frisch klingt. Das mag vielleicht auch an den vielen Gästen liegen. Oder an Chris Cresswell als neues (festes) Bandmitglied. Es fällt mir schwer, hier einen Song auszuwählen. „Chewing On Broken Glass“ oder „Much Love“ sind auch tolle Stücke und gehören vielleicht sogar zu den Lieblingsliedern des Jahres. Aber hier mal lieber etwas mit Bewegung. Auch, weil Chris Wollard sonst nicht mehr so in Erscheinung tritt.

 

Kettcar – Gute Laune ungerecht verteilt
Ein Album zur richtigen Zeit. Der Song „München“ wurde an dem Wochenende veröffentlicht, an dem Millionen von Menschen auf die Straße gingen, um gegen Rechts zu protestieren. Eine Bewegung, die auch wieder in sich zerfallen ist. Was an uns allen liegt. Ein Album, auf dem der wohl beste Kettcar-Song aller Zeiten auf der B-Seite versteckt ist („Was wir sehen wollten“). Ein Album, auf dem die beschissene Menschheitsgeschichte in vier Zeilen zusammengefasst wird. Und über allem steht nicht Verbitterung oder Angst, sondern immer noch Hoffnung. Danke Markus, danke Reimer. Danke Kettcar.

 

Japandroids – Fate & Alcohol

Ein Album als Abschied. Dies hier ist das letzte Album der tollen Japandroids. In den Hymnen über Alkohol, verlorene Nächte und dieser einen großen Liebe, hat sich ein melancholischer Ton eingeschlichen. Es ist nicht mehr alles so rosig, wie es sich in der Jugend mal angefühlt hat. Das Leben hat eingeschlagen. Aber es nützt ja nichts. Der Kopf muss hochgehalten werden. Und die wenigen guten Momente im Leben gewürdigt werden. Mit den Japandroids fällt sowas leichter.

 

Jule – Im Regio weinen
Kaum etwas hat mich dieses Jahr so emotional aufgewühlt, wie diese sechs Songs von Jules EP „Im Regio weinen“. Seit Jahren zum ersten Mal wieder bei Musik geweint. Mehrmals. So direkt habe ich Musik schon lange nicht mehr wahrgenommen. Habe versucht, das einmal hier zusammenzufassen.

 

Nichtseattle – Haus
„Haus“ ist ein Album, welches ich noch nicht vollständig ausgehört habe. Zu viel Tiefe haben die Songs. Zu viele Themen vermischen sich in den Liedern. Da wird das Persönliche mit dem Politischen verbunden. Und das Ganze mit einer Leichtigkeit vorgetragen, als gäbe es keine andere Möglichkeit, Songs zu schreiben. Da steckt so viel drin, das es mich noch immer überfordert, darüber zu schreiben. Darum einfach (zu-)hören.

 

Belgrad – Lysis
Kaum etwas hat mich so viel Zeit wie „Lysis“ gekostet. Ein düsteres Post-Punk-Werk. Wie ich es am liebsten habe, werden auf „Lysis“ Geschichten erzählt. Wie die von Rachel und Joseph (die es wirklich gab), die mit einer alten Karre in die Wüste fahren und nie zurückkommen werden. Kapitalismuskritik, Völkerverständigung, eisige Stimmungen, harte Beats, viele Keyboards. Darüber Texte, bei denen einfach zugehört werden muss. Texte, die Bilder im Kopf erzeugen, in einer Abfolge wie ein Film. Wer sich einmal herausfordern lassen will, sollte sich mit „Lysis“ beschäftigen. Es wartet nichts weniger als das Album des Jahres.

 

Um ehrlich zu sein, habe ich auch nicht so viel mehr gehört. Frank Turner fiel bei mir unten durch. Hat mich einfach nicht gekriegt. Obwohl das hier schon gut ist. Taylor Swifts „Tortured Poets Department“ hätte es vielleicht auch verdient gehabt. Da sind jedenfalls ein paar tolle Lieder drauf. Und Shitney Beers hat dieses Jahr einfach zu spät veröffentlicht. Das hier ist trotzdem cool! Und sollte nicht unerwähnt bleiben.

Vielleicht habe ich etwas vergessen. Aber dann war es vielleicht doch nicht so wichtig. Keine Ahnung. Am Ende ist es auch (nur) Musik. Und die sollte einfach genossen werden.

Nächstes Jahr kommen Tocotronic und Turbostaat, darauf freue ich mich. Und auch aus Bremen wird es etwas Neues geben! Sonst weiß ich nicht so richtig, was uns 2025 erwartet. Kommt erstmal alle gut rein. Bleibt gesund. Und versucht, nicht allzu große Arschlöcher zu sein. Versuche ich auch. Frohes Neues!

 


Mehr Beiträge aus" Musik" zur Startseite

Alben des Jahres 2024 – von Claas teilen auf: