Von Zusammenhalt, Verlust und Weitermachen – Van Holzen im Interview

Wir haben Sänger und Gitarrist Florian Kiesling letzten Monat vor ihrem Konzert in Oldenburg getroffen.

Foto: Ilkay Karakurt

Mit Mitte zwanzig bereits auf eine zehnjährige Bandgeschichte zurückzublicken setzt vor allem eines voraus: Vertrauen ineinander. Florian Kiesling, Daniel Kotitschke und Jonas Schramm, gemeinsam Van Holzen, kündigen ihr neues Studioalbum „Solang die Erde sich dreht“ für den 12. September 2025 an. Ende Februar ist die erste Single „Gedanken neu“ erschienen, mit der sie im März und April auf großer Headliner-Tour waren. Wir haben uns vor ihrem Konzert am 15. März in Oldenburg mit Sänger und Gitarrist Florian Kiesling getroffen.

Zunächst ein kleiner Blick zurück ins letzte Jahr: Im November habt ihr endlich die schon lange geplante Tour mit Heisskalt gespielt. Wie waren die Shows für euch?

Die Tour war richtig krass! Wir hatten alle relativ hohe Erwartungen – und die wurden komplett erfüllt! Da sich unsere Fanbases durchaus überschneiden wussten wir, es kommen ein paar Leute, die unsere Musik feiern, vielleicht den Moshpit eröffnen und dazu beitragen, dass der Funke überspringt. Es war insgesamt eine richtig schöne Tour mit super Shows, die uns viel gebracht und viel Spaß gemacht haben. Generell war es mega cool, mit Heisskalt und ihrer Crew unterwegs zu sein. Wir kennen uns sehr lange und gut, sind eng befreundet, daher war es eine sehr vertraute, schöne Zeit. Nur die Strecken der Nightliner-Tour waren für uns mit dem Sprinter sehr lang und anstrengend – da musste Jonas am Steuer ganz schön ranklotzen und jeden Tag mehrere Stunden fahren.

Vor und nach der Heisskalt-Tour habt ihr euer neues Album aufgenommen. Wie lange hat der Prozess daran insgesamt gedauert?

Diesmal hat der Prozess schleichend begonnen, weil wir nach unserem letzten Album „Aus der Ferne“ (2021) im Jahr 2023 fünf einzelne Singles veröffentlicht haben. Da haben wir parallel auch schon für die neue Platte geschrieben, aus dieser Zeit sind jetzt mehrere Songs auf dem neuen Album gelandet. Also würde ich sagen, wir haben Anfang 2023 damit begonnen und so richtig gestartet mit dem Songwriting sind wir im Oktober 2023. Anschließend haben wir im Laufe des Jahres 2024 viel verfeinert, verworfen und noch mehr geschrieben. Im vergangenen Oktober sind wir ins Toolhouse Studio in Rotenburg an der Fulda gegangen und haben dort die Instrumente aufgenommen. Nach der Heisskalt-Tour ging es mit den Vocals weiter. Jetzt muss ich noch fünf Songs einsingen und dann ist die Platte fertig.

Also habt ihr den Release-Termin schon rausgehauen, bevor alles im Kasten ist?

Genau, inhaltlich steht alles für die neue Platte. Nur durch die ganze Abwechslung aus Touren, Schreiben und Aufnehmen hat alles ein bisschen länger gedauert. Im April wird alles endgültig fertig sein. Ich habe während des Albumprozesses echt gemerkt, warum einige Bands sich mal ein Jahr komplett rausziehen, ihre Platte machen und dann wiederkommen. Wir sind parallel jetzt drei Jahre super viel getourt, hatten 2023, 2024 und 2025 Headliner-Touren, die Support-Tour mit Heisskalt und Festival-Gigs. Gar nicht so leicht zu planen und koordinieren. Wir haben uns auf jeden Fall wenig Ruhezeiten gegönnt.

Philipp Koch von Heisskalt hat euer neues Album mit dir zusammen produziert. Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen, wenn ihr zu zweit daran arbeitet?

Es war super angenehm und wir konnten beide unsere Stärken einbringen. Da der Albumprozess so lang war und es für uns ein ziemlich emotionales Album ist, war es einfach gut, dass Phil und ich uns beide etwas zurücknehmen konnten, wenn es uns mal zu viel wurde und wir eine Pause brauchten. Dann hat der jeweils andere kurz etwas mehr übernommen. Durch Phil konnte ich mich mehr aufs Gitarre spielen und Vocals schreiben konzentrieren. Er ist einer meiner besten Freunde, wir sind einfach ein gutes Team und stehen uns ohnehin sehr nahe. Deshalb hat es sich sehr organisch angefühlt, dass wir uns auch beim Album jetzt gegenseitig so unterstützt und geholfen haben.

Ihr habt euch in Ulm euer eigenes Tonstudio gebaut, weshalb habt ihr das neue Album woanders aufgenommen?

Nachdem „Aus der Ferne“ zum großen Teil während Corona bei uns zu Hause entstanden ist, hatten wir diesmal wieder Bock rauszugehen und woanders zu sein. Daher wollten wir gerne wieder ins Toolhouse, das ist ein richtig geiles Studio, wo wir ganz isoliert und konzentriert aufnehmen konnten. Die Vocals haben wir anschließend vor allem in Berlin gemacht. Das war entspannt, weil wir dort mittlerweile alle wohnen und somit morgens ins Studio gehen und nebenbei noch ein normales Sozialleben haben konnten.

Euer letztes Album datiert aus 2021 und ist zum kommenden Release fast vier Jahre alt, für eure bisherige Taktung eine relativ lange Zeit. Warum habt ihr euch diesmal mehr Zeit genommen?

Es ist krass, weil es sich schon lang anfühlt, aber da wir so viel live gespielt und 2023 fünf einzelne Singles rausgebracht haben, war uns auf jeden Fall nie langweilig. Im Gegenteil, wir waren zuletzt ganz schön unter Strom, die Platte rechtzeitig fertig zu machen. Wir sind eine Band, die mit dem nächsten Album immer einen noch etwas höheren Anspruch erfüllen will und der war diesmal sehr hoch. Die Messlatte, die die neuen Songs überspringen mussten, war ganz schön krass. Deshalb haben wir extrem viel geschrieben, hatten bestimmt 30 bis 40 Ideen, die wir ganz lange ausgesiebt haben.

Zudem ist ja bei euch privat auch viel passiert in den letzten Jahren…

Seit dem letzten Album ist erst unser Manager Bobbes und dann Daniels Papa verstorben. Nach beiden Ereignissen mussten wir uns echt erstmal wieder sortieren und irgendwie klarkommen. Durch solche Dinge hat das neue Album so oft seine Richtung geändert. Was wir erlebt haben, wollten wir irgendwie ausdrücken. Dadurch waren Songs, die vielleicht ein Jahr vorher entstanden sind, gar nicht mehr aktuell. Wir haben ganz viel geschrieben und das Album immer wieder umgewälzt. Von den Songs her, ist es jetzt sozusagen ein Best-Of der letzten vier Jahre geworden. Dennoch passen sie sehr gut zusammen, weil das Album eben eine Geschichte erzählt.

Was war für euch nach den fünf einzelnen Singles entscheidend, um zurück ins feste Albumkonstrukt zu gehen und an eurem vierten Studioalbum zu arbeiten?

Das war tatsächlich schon im Vorhinein klar. Wir lieben es einfach, Alben zu machen, auch wenn es sehr viel Arbeit ist und extrem viel Geld kostet. Aber es macht einfach Bock und ich glaube, ein Album ist nach wie vor das, woran sich Fans am meisten erinnern – auch wenn andere sagen, lieber die ganze Zeit kontinuierlich Singles rausbringen. Ein Album ist immer ein Meilenstein mit Konzept, Dramaturgie und eigener Ästhetik. Wir sind große Fans davon und es stand schon 2023 fest, dass wir das wieder machen wollen.

Auch wenn der Trend in der Musikbranche zur Schnelllebigkeit geht, höre ich privat tatsächlich auch gerne Alben von Anfang bis Ende. Bands und Artists überlegen sich ja, weshalb die Songs in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Album sind und erzählen vielleicht sogar eine Geschichte. Ich finde es total schön, wenn Bands das beibehalten und weiterführen.

Ich glaube auch nicht, dass Alben aussterben werden. Es gibt genug Bands, die da Bock drauf haben!

Euer neues Album trägt den Titel „Solang die Erde sich dreht“ und erschient am 12. September. Der inhaltliche Bogen vom Namen des Albums zur ersten Single „Gedanken neu“ ist relativ leicht zu spannen. Geht es in Richtung eines Konzeptalbums mit übergeordnetem Thema?

Es grenzt ein wenig an ein Konzeptalbum. Ich habe in den letzten Tagen nochmal viel über die Songs nachgedacht und darüber, in welcher Reihenfolge wir sie auf dem Album anordnen. Es gibt ein großes, wiederkehrendes Thema: Zusammenhalt und Weitermachen – aber auch, wie man mit Verlust umgeht. Zudem kommen wie immer auch gesellschaftskritische Themen vor, was aber genauso zum Albumtitel passt. Es gibt einen roten Faden, der sehr persönlich ist. Wie gehen wir damit um, dass zwei von uns sehr früh ihre Väter verloren haben? Zudem ist unser Bandpapa und langjähriger Wegbegleiter Bobbes sehr früh verstorben. Was hat das mit uns gemacht? Gleichzeitig gibt es in unserer Musik den Blick nach außen. Es ist kein introvertiertes Album. Im Gegenteil, es ist ein sehr extrovertiertes, emotionales Album. Es steckt viel drin und ich würde es nicht als reines Konzeptalbum betiteln, aber es ist auf jeden Fall das Album mit dem größten roten Faden in unserer bisherigen Diskografie.

Wie gelingt es euch zwischenmenschlich, so beständig und intensiv seit mehr als zehn Jahren unterwegs zu sein und euch trotz immer wieder bestimmt auch aufreibender Phasen nach außen näher denn je zu stehen?

Ich glaube, man muss die Freundschaft ganz arg pflegen – gerade, wenn im Bandkontext viel ansteht. Wenn wir 60 Konzerte im Jahr spielen und ein Album rausbringen wollen, sprechen wir natürlich ganz viel über Dinge wie z.B. passende Promoideen und Tourplanungen. Sachen, die unserer Freundschaft wirklich guttun, fallen dann ganz schnell hinten runter. Deshalb nehmen wir uns bewusst Zeit, auch einfach mal außerhalb des Musikkontexts abzuhängen und zu dritt oder im gemeinsamen Freundeskreis Zeit miteinander zu verbringen. Ich glaube, es ist total wichtig, dass es nicht nur noch um das Geschäftliche oder um Musik geht. Bei uns ist es zudem glücklicherweise so, dass unsere Wertekonstrukte sehr ähnlich sind und wir uns als Typen super gut ergänzen. Es fällt uns leicht, zusammenzubleiben. Da sich unsere Persönlichkeitsprofile so gut ergänzen, können wir recht einfach Konflikte lösen. Gäbe es einen von uns dreimal, hätten wir ein Riesenproblem.

Auf eurer laufenden Tour spielt ihr in 24 Tagen ganze 18 Konzerte. Wie habt ihr euch außer Proben auf dieses sportliche Pensum vorbereitet?

Wir haben auf jeden Fall alle eine Gym-Mitgliedschaft, die wir mal mehr und mal weniger nutzen. Die letzten Wochen waren echt wahnsinnig intensiv, weil wir direkt vor der Tour noch eine Single veröffentlicht und das Album angekündigt haben. Wir haben mit Munich Warehouse ein neues Label und ein neues Team. Neben der ganzen Arbeit und Planungen, haben wir aber auch ein, zwei Cardioeinheiten durchgezogen und wie immer viel geprobt. Wir bereiten uns sehr akribisch vor – vielleicht sogar etwas zu viel. Da sind wir sehr diszipliniert. Ich glaube, manchmal könnten wir uns mehr trauen und zuversichtlicher sein, dass schon alles funktionieren wird.

Seid ihr komplett am Stück unterwegs oder auch mal eine Nacht zu Hause? Und wie verbringt ihr Offdays wie z.B. in Münster?

Ich glaube, wir sind einen Tag in Berlin und zwei Tage in unserer Heimatstadt Ulm. Da können wir zwischendurch kurz chillen und im eigenen Bett aufwachen. An Offdays wie morgen gehen wir gerne in die Sauna. Das ist bei uns immer eine gute Beschäftigung zur Entspannung an freien Tagen.

Viele Bands nutzen ein neues Album, um eine Tour anzukündigen und zu spielen, bei euch ist es gerade umgekehrt. Weshalb habt ihr euch für diese Reihenfolge entschieden?

Wir haben etwa 2023 probiert, unabhängig von einem großen Albumrelease zu touren. Natürlich wollen wir dem Publikum immer etwas Neues bieten und weiterhin Musik rausbringen, aber wir wollten unabhängig von einem neuen Album einfach unterwegs sein, eine gute Show liefern und allen eine gute Zeit machen. Das hat sich damals und auch 2024 total positiv ausgewirkt. Jetzt haben wir es nochmal gemacht und passend dazu den ersten Singlerelease geplant und das Album angekündigt.

So ist es für euch ja zusätzlich eine gute Gelegenheit, neue Songs live auszuprobieren.

Ich freue mich über jeden Like und Kommentar auf dem Handy, aber am allerliebsten bin ich bei den Menschen in den Clubs, spiele da einen neuen Song und checke, wie sie ihn finden. Ich habe gerne die direkte Reaktion, deshalb versuchen wir immer, so viel es geht unterwegs und unmittelbar bei den Leuten zu sein. Ich glaube, wir sind eine Band, die immer davon profitiert hat, wenn sie live spielt und einfach präsent ist. Wir ziehen das durch, auch wenn es manchmal natürlich körperlich anstrengend ist. Es gibt uns extrem viel Motivation und das Publikum hat auch Bock. Das sehen wir bei der jetzigen Tour wieder, die gut verkauft ist, obwohl wir kein neues Album am Start haben. Dafür können die Leute live schon einige neue Songs hören, die erst im Laufe der nächsten Monate erscheinen und schließlich im September auf dem Album sein werden.

Ihr habt euch euer Publikum ja über die Jahre auch super hart erspielt. Bei jeder Tour kommen ein paar Leute mehr. Viele, die euch gesehen haben, kommen wieder und bringen bestenfalls wiederum Freunde mit. Heute ist die umBAUbar sogar ausverkauft.

Es sind immer kleine Schritte und irgendwie finde ich es schön, dass es heutzutage noch klappt. Man ist als Band so abhängig von den Algorithmen und von der Aufmerksamkeit im Internet, aber die alte Schule geht schon noch – einfach in eine Stadt kommen, eine geile Show spielen, die Leute mitnehmen und nächstes Mal kommen dann ein paar Menschen mehr. So war immer unser Ansatz und er ist zwar aufwendiger und dauert länger, aber ich glaube, so ist es viel nachhaltiger. An so einen Abend erinnern sich die Leute und nicht an den letzten Post auf Instagram. Social Media ist natürlich auch total wichtig und wir mögen es und machen das gerne – aber alles in Maßen und nicht, indem wir so übermäßig viel Arbeit reinstecken.

Beim Blick auf euren Tourplan ist auffällig, dass viele große Städte wie Berlin, Hamburg, München, Köln und natürlich auch Bremen diesmal fehlen. Das heißt, nach Albumrelease geht es im Herbst mit der nächsten Tour direkt weiter?

Ja, ganz genau. Im Herbst geht’s weiter. Dann gehen wir mit dem Album auf Tour und kommen in Städte, die wir diesmal ausgelassen haben. Und so machen wir das einfach weiter, bis wir alt sind. Nein, ich glaube, nächstes Jahr machen wir mal ein bisschen entspannter, sodass die Leute hungrig bleiben und Lust auf uns haben. Aber dieses Jahr ist auf jeden Fall ein Tourjahr.

Vor eurem letzten Konzert in Oldenburg im Mai 2023 haben wir uns noch zufällig in der Fußgängerzone im Café getroffen. Wir habt ihr den Tag heute nach der Ankunft aus Kiel verbracht?

Von Oldenburg haben wir heute tatsächlich nicht viel gesehen. Wir hatten gar nicht so viel Zeit, weil wir in Kiel ausgeschlafen haben. Das lieben wir und es ist für uns auf Tour wenn möglich immer Priorität Nummer eins, genug Schlaf zu kriegen. Deshalb reizen wir den Check-Out im Hotel maximal aus. Wir haben auch gerne in den Clubs genug Zeit, um gemütlich aufbauen zu können. Das Routing auf dieser Tour ist wirklich super und echt Gold wert. Wir fahren meistens nur 2-3 Stunden pro Tag. Großes Shoutout an Steven und Martha von Landstreicher Booking für die Organisation.

„Solang die Erde sich dreht“ erscheint am 12. September 2025 und kann hier vorbestellt werden. Anschließend geht es für Van Holzen erneut auf Headliner-Tour. Die Termine werden in Kürze bekanntgegeben.

 


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