„Wir schwitzen Pisse und Blut für jede Show“

Donots-Sänger Ingo hat uns im Sommer Rede und Antwort gestanden, morgen tritt die Punkrock-Band im Pier2 auf.

Foto: Danny Kötter

Bremen. Nach fünf Jahren haben die Donots im Februar ihr zwölftes Studioalbum „Heut ist ein guter Tag“ veröffentlicht und damit im 30. Jahr ihres Bestehens erstmals die Spitze der Albumcharts erreicht – ein weiterer Höhepunkt ihrer zuletzt spektakulären Entwicklung. Nachdem sie im Festivalsommer eine einzige Wolke aus Staub und Euphorie hinterlassen haben, geht es für die Punkrock-Gruppe im Winter wieder in die Hallen des Landes. Ihren Ruf als eine der besten Live-Bands des Landes haben die Donots oft genug unter Beweis gestellt. Anfang August haben wir Sänger Ingo beim Rocken am Brocken Festival interviewt. Das Gespräch ist also vor gut vier Monaten entstanden und wird jetzt anlässlich des morgigen Auftritts veröffentlicht.

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Wir haben gerade eine Sache gemeinsam: Wir sind beide vom Wacken zum Rocken am Brocken gefahren. Größer könnten die Kontraste kaum sein. Wie nehmt ihr dieses Wochenende wahr?

Wir sind so sauglücklich, dass wir uns mit mittlerweile fast drei Dekaden auf dem Buckel die Freiheit erspielt haben, ein „Hippiefestival“ wie hier genauso spielen zu können, wie am Vortag ein Metal-Festival mit Gitarrengeballer und mehreren Zehntausend Menschen. Ich bin wirklich ganz glücklich darüber, dass es in beiden Konstellationen funktioniert. Es gibt viele Bands, die könntest du definitiv nicht auf ein Metalfestival buchen, es würde nicht funktionieren. Für uns war es gestern also ohne Übertreibung eine der wichtigsten Shows der letzten 30 Jahre. Wir wurden in Wacken mit so offenen Armen empfangen, das war irre. Als wir von der Bühne kamen, standen am Absperrgitter immer noch mehrere hundert Leute, die unseren Bandnamen gerufen haben, das konnten wir zuerst überhaupt nicht glauben. Wir wussten überhaupt nicht, was los ist. Also irre, einfach nur geil!

Also funktioniert Punkrock auch auf einem Heavy Metal Festival?

Ja, ich glaube ganz ehrlich, dass es da wirklich ganz viele Parallelen gibt. Egal ob Punk, Metal oder Hardcore – das ist alles Musik, mit der verbindest du mehr, als sie nur zu konsumieren. Das ist ein Lebensgefühl und für viele Leute ein Anker, an dem sie sich in schlechten Zeiten festhalten. Da sind wir uns alle gar nicht so unähnlich – höchstens in der Länge der Haare.

Hier scheint gerade endlich die Sonne, Wacken ist in den letzten Tagen komplett im Schlamm versunken. Habt ihr solche Extreme vorher schon erlebt und wenn ja, wo?

Ein paar Dinge haben wir natürlich erlebt bei der Vielzahl an Festivalsommern, die wir schon spielen durften. Auf dem Nova Rock in Österreich hat es vor Jahren so gestürmt, dass unser Auftritt abgesagt und das Backdrop an der Rückseite der Bühne abgenommen wurde, damit der Sturm sie nicht umwirft. Wir hatten uns schon traurig geknickt in einen trockenen Gin Tonic zurückgezogen, als der Stage Manager plötzlich sagte, wir könnten doch noch zehn Minuten spielen. Mit ganz viel Hackengas waren dann wenigstens noch zwei Songs drin. Solche Dinge passieren und können vorkommen. Bei Rock am Ring gab es Starkregen und Blitze sind vor der Bühne in den Publikumsbereich gedonnert. Das Konzert mit den Ärzten letztes Jahr auf dem Flughafen Tempelhof wurde aufgrund von Warnungen auch kurzfristig abgesagt. Gibt es also alles und wer da noch sagt, den Klimawandel gebe es nicht, dem gehört halt links und rechts eine geballert.

Gibt es nach dem Wacken-Erlebnis einen Festivalwunsch, der für euch noch offen ist?

Klar, alles andere wäre ehrlicherweise ganz schön traurig, dann wäre die Geschichte irgendwann auserzählt. Das darf sie aber niemals sein, solange du dich danach fühlst weiterzumachen, solltest du dir immer noch ein paar neue Highlights setzen. Es ist immer schön, wenn etwas Neues dazukommt und du nicht zum 14. oder 15. Mal an der gleichen Gießkanne anhältst. Dass wir jetzt ein Festival wie Wacken gespielt haben, gibt uns das Selbstvertrauen zu sagen, wir könnten uns auch super Auftritte beim Copenhell, Hellfest oder Summer Breeze vorstellen. Solche Festivals, auf denen eher „Baller-Mucke“ läuft, aber ich glaube, es würde auch in dem Kontext funktionieren.

Nach zehn Jahren seid ihr an diesem Wochenende zurück im Harz, habt ihr das Festival und das Gelände noch wiedererkennt?

Total, im absolut positiven Sinne. Die Essenz von allem, was das Festival damals schon so liebenswert gemacht hat, ist komplett gleichgeblieben. Die Kulisse ist atemberaubend, wir sind einfach mitten in der Landschaft. Es sind totale Urlaubsgefühle hier, das ist super entschleunigend und gefällt mir wirklich sehr gut.

Heute seid ihr Headliner, wo fühlt ihr euch persönlich wohler – in diesem Format, oder eher am frühen Abend und dafür auf einer größeren Bühne vor einem größeren Publikum, wie z.B. beim Hurricane?

Ich bin sehr froh, dass wir beides machen können. Es gibt ja z.B. Bands wie The National, die wirklich ganz hervorragend sind und die ich sehr liebe. Wenn du sie in Clubs siehst oder als Headliner auf wirklich schönen, arrivierten Festivals, ist es das tollste, was dir passieren kann. Ich habe sie aber vor Jahren auch schon auf dem Area4-Festival in Lüdinghausen gesehen, nachmittags zwischen Avail und The Mighty Mighty Bosstones. Das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert, weil die Kids alle wegen der Punkbands da waren. Ich bin echt glücklich, dass es bei uns immer funktioniert. Ich glaube auch nicht, dass es die perfekte Uhrzeit für ein Konzert gibt. Wenn du Gas gibst, könnte auch ein Konzert mittags der beste Slot aller Zeiten werden. Es ist für uns gerade total schön, im jetzt fast 30. Bandjahr die Bestätigung zu kriegen, die größten Konzerte unserer langen Laufbahn spielen zu dürfen. Es wächst weiter und wir sind zum Glück keine dieser Bands, die fünf gute Jahre haben und dann dem eigenen Schatten hinterherrennen. Darüber bin ich wirklich ganz glücklich. Ich könnte jeden Morgen heulen vor Freude, dass ich das hier machen darf. Ich werden bezahlt dafür, mich wie ein Affe zu benehmen. Das ist super!

Beim Hurricane habt ihr auf der Bühne erzählt, dass ihr morgens mit Bosse joggen wart, wie habt ihr euch dieses Wochenende bei drei Festivalauftritten fit gehalten?

Die anderen waren tatsächlich eben joggen, ich habe es heute sein lassen, weil ich mir momentan etwas den Magen verkorkst habe – keine Ahnung, welches der 35 Bierchen gestern Abend schlecht war. Deswegen habe ich es heute etwas ruhiger angehen lassen, aber ich habe meine Joggingklamotten immer dabei und wir gehen ansonsten wirklich fast jeden Tag joggen. Außer vielleicht in Wacken momentan. Da wäre es ja fast schon eine Wattwanderung gewesen.

Vorgestern ist euer neues Album „Heut‘ ist ein guter Tag“ ein halbes Jahr alt geworden. Auf euren Social-Media-Kanälen habt ihr eure Fans nach ihren Lieblingssongs davon gefragt, welche sind es denn bei euch?

Das ändert sich von Zeit zu Zeit immer. Gerade ist es bei mir „Auf sie mit Gebrüll“, weil wir damit unsere Show anfangen und mir der Song als Live-Opener sehr viel Spaß macht. „Traurige Roboter“ ist für mich auch ein sehr gutes Stück mit einer schönen Tiefe. Ehrlicherweise konnten wir bei diesem Album bisher keinen Song ausmachen, vom dem wir im Nachgang sagen, dass es ihn nicht unbedingt gebracht hätte. Wir haben sonst immer mal wieder nach ein paar Monaten gedacht, dass ein Song zwar gut ist, aber das Album nicht straffer macht. „Heut‘ ist ein guter Tag“ lässt sich echt gut in einem Flow hören und da bin ich sehr, sehr glücklich drüber.

Wie schafft man es mit DIY-Ansatz an die Spitze der Albumcharts?

Wenn ich es wüsste, würde ich es öfter machen (lacht) – hey, ohne Scheiß, wir wissen es nicht. Aber ich kann dir so viel sagen: Alex (Siedenbiedel, Gitarrist der Donots) ist ja seit einigen Jahren unser Manager. Vorher hatten wir ein externes Management und über die Jahre haben wir uns in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Dann haben wir lange überlegt, wer es machen könnte und es gab eine kurze Liaison mit Patrick Orth von den Toten Hosen. Das war aber genau zu der Zeit, als „Tage wie diese“ erschienen ist und dann hatte er natürlich ganz andere Sorgen und Aufgaben. Dann haben wir entschieden, dass Alex es macht. Seit er unser Manager ist, geschieht alles viel näher beieinander. Wir sind so viel schneller geworden in der Kommunikation. Natürlich wissen wir immer selbst am besten, wie wir präsentiert und repräsentiert werden möchten, was wir wollen und was wir vor allem nicht wollen. Alex hat wahnsinnig gute Ideen, auch für unser Marketing. Wir besprechen alles offen und Entscheidungen werden nicht über Köpfe hinweg getroffen, wir fühlen uns mit allem wohl. Wir machen das, was wir gerne mögen, zu den bestmöglichen Konditionen, weil wir keine Fuffis in den Club werfen können, wir haben natürlich nicht die finanziellen Möglichkeiten von Universal usw. Das heißt, uns bleibt gar nichts anderes übrig, als mit der Musik zu bestehen. Wir kaufen keine Reklame am Times Square, sondern müssen immer überlegen, was die günstigste und gleichzeitig effektivste Möglichkeit ist. Ehrlichkeit ist wirklich das Günstigste, was wir den Leuten verkaufen können. In unserer Release-Woche sind wir mit Blinker links an Acts vorbeigezogen, die teilweise nur dafür bis zu 400.000€ in Marketing versenkt haben. Da lachst du dich doch kaputt. Unsere Trümmerkapelle ist plötzlich auf Platz eins der Charts.

Viele „ältere“ Bands haben seit Corona Probleme mit Ticketverkäufen und ihr brecht nach fast 30 Jahren im Geschäft gerade Zuschauerrekorde – sprecht ihr in der Band darüber und wie erklärt ihr euch das?

Wir sind jede Woche geflasht, wenn wir die Vorverkaufszahlen kriegen. Auch da haben wir kein Geheimnis, für den Moment kann ich einfach nur sagen, es ist wie eine notdürftig zusammengefriemelte Maschine, bei der überall Drähte rausgucken, das Ding aber irgendwie läuft. Dann stehst du davor und berührst keinen einzigen Draht. Wenn es funktioniert, dann fummel‘ halt nicht dran rum. Uns wird sehr oft zurückgekoppelt, dass die Leute es sehr goutieren, dass wir eine ehrliche Band sind und halt wirklich für jede Show Pisse und Blut schwitzen. Das ist eigentlich das Mindeste, was du dir von deiner Lieblingsband wünschen kannst. Ich möchte als Fan sehen, wir die Band jedes Mal das beste Konzert aller Zeiten abliefert. Das ist natürlich nicht möglich, aber das muss der Sportgeist sein, mit dem du es angehst. Ganz oft sind wir wirklich selbst auch geflasht, wie sehr die Leute geflasht sind und das gibt Energien zurück usw. Was soll ich sagen, jetzt dürfen wir im fast 30. Bandjahr die Westfalenhalle in Dortmund anvisieren. Das ist einfach irre und wirklich ganz ehrlich, das haut uns voll um. Wir sind keine der Bands die denken, nach drei Dekaden muss das auch langsam passieren und die sich mit fortlaufendem Alter zu schade für Dinge sind. Wir sind auch keine Band, die schnell Erfolg hatte und auf einmal denkt, sie sind die geilsten. Ohne Scheiß, wir sind in der Hinsicht wirklich Westfalen und total Arbeitstiere, die DIY geschluckt haben und sagen, wenn du es nicht machst, dann macht es keiner für dich.

Im Herbst geht es auf Tour und am 2. Dezember tretet ihr in Bremen im Pier2 auf. Welche Erinnerungen habt ihr an die Stadt und eure letzten Konzerte hier?

Wir haben riesig Bock auf die Tour. In Bremen haben wir wirklich schon eine ganze Menge durch, verrückterweise fehlt uns noch das Modernes. Ins Pier2 haben uns vor einigen Jahren Rise Against mitgenommen, das war eine richtig schöne Show. Im Schlachthof waren wir etliche Male, immer wieder geil. Zuletzt haben wir im Aladin gespielt und in den Anfangsjahren der 90er-Jahre in der Buchtstraße. Im Tower ging 2001 unsere allererste eigene Tour zum Album „Pocketrock“ los. In der Stadthalle sind wir mit den Toten Hosen aufgetreten und 2015 beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab. Wir haben also wirklich schon eine ganz große Menge erlebt. Es ist krass, wie die Leute uns über eine so lange Zeit die Treue halten und das Publikum weiter wächst. Wir haben auch in unserer Soundcrew enge Verbindungen nach Bremen. Man nimmt dann mal ein Absackerbier im Meisenfrei oder in der Capri Bar, das hat es alles schon gegeben. Eine wirklich schöne Stadt, in der man eine gute Zeit verbringen kann.

Diesen Samstag, am 2. Dezember, treten die Donots im Pier2 auf. Resttickets für das Konzert gibt es noch im Vorverkauf.

 


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