„Wir haben keinen Zwang, etwas machen zu müssen“ – Beatsteaks im Interview
Auf dem Deichbrand Festival haben wir mit Beatsteaks-Gitarrist Bernd Kurtzke über ihren Festivalsommer, aktuelle Herausforderungen und mögliche neue Songs gesprochen.

Cuxhaven/Nordholz. Die Beatsteaks gehören seit fast drei Jahrzehnten zu den energiegeladensten und beliebtesten Live-Bands Deutschlands. Mit ihrem unverkennbaren Mix aus Punk, Rock, Pop und einer Prise Wahnsinn begeistern die fünf Berliner seit Jahren ihr Publikum. Charterfolge, ausverkaufte Touren und gefeierte Festivalauftritte sprechen für sich. Ihre Shows sind legendär – voller Spielfreude, unbändiger Energie und mitreißender Publikumsnähe, ob mit Mikro oder Surfbrett in der Menge. Gitarrist Bernd Kurtzke hat uns vor ihrem Auftritt auf dem Deichbrand Festival Mitte Juli einige Fragen beantwortet.
Bei unserem letzten Interview vor vier Jahren hast du gesagt, dein Traum ist ein Gig im Olympiastadion. Dort habt ihr am Samstag vor den Toten Hosen gespielt. Zählt das, oder ist die ganz eigene Ambition noch vorhanden?
Für mich zählt das! So, wie es dort aussah, das Stadion war ja fast voll, kriegst du dieses Bild danach nicht mehr aus dem Kopf. Mir ging es vor allem darum, einmal zu erleben, wie es sich anfühlt, in diesem Stadion zu spielen. Insofern kann ich das jetzt von meiner Bucketlist streichen. Gerade als Berliner Band ist das natürlich etwas Besonderes.
Ihr habt in den letzten Wochen ein sehr abwechslungsreiches Programm – ihr spielt eigene Festivalshows und Konzerte vor den Toten Hosen und gestern z.B. auf einer Burg in Brandenburg als Benefizgig für einen Jugendclub. Hattet ihr ein besonderes Highlight in diesem Jahr?
Die letzten Wochen waren insgesamt sehr besonders. Gestern auf der Burg lag das aber gar nicht so sehr an uns, sondern daran, dass dort eine ganze Kleinstadt zusammengekommen ist und gemeinsam ein Fest gefeiert hat. Menschen aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft und auch mit unterschiedlichen politischen Ansichten. Das hat mir unfassbar viel Hoffnung für all das gemacht, was noch vor uns liegt. Es zeigt, dass Menschen es tatsächlich schaffen können, wieder zusammenzukommen, miteinander eine schöne Zeit zu haben und aufeinander aufzupassen. Das war wie ein Demokratieexperiment, das einfach super funktioniert hat.
Ihr spielt regelmäßig auf den ganz großen Festivals, habt aber auch ein großes Herz für kleine und mittlere Festivals. Viele davon verschwinden gerade von der Karte. Wie nehmt ihr die aktuellen Entwicklungen auf dem Festivalmarkt wahr?
Wir nehmen die Entwicklung genauso wahr, viele kleine und mittlere Festivals verschwinden. Selbst das Highfield, das ja gar nicht so klein ist, findet in diesem Jahr zum letzten Mal statt. Das ist schade für die Leute, die dort hingegangen sind, für die Festivals selbst und vor allem für kleinere Bands, die dort die Möglichkeit haben, auf einen Schlag ein größeres Publikum zu erreichen und bekannter zu werden. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Manchmal hat Corona viel kaputt gemacht, manchmal passt ein Festival dem Stadtrat nicht mehr oder es gibt andere Probleme. Am Ende bleibt aber immer, dass es schade ist, wenn so etwas von der Landkarte verschwindet. Solche Festivals sind sehr erhaltenswert.
Gerade kleine Festivals mit DIY-Ansatz und ohne große Firmen oder Sponsoren werden vor Herausforderungen gestellt. Habt ihr eine Idee oder einen Ansatz, was sich strukturell ändern müsste? Oder vielleicht sogar eine Forderung an die Entscheidungsträger, um solche Festivals zukunftsfähig zu machen?
Wenn man seinen Blick beispielsweise mal nach Norden richtet Richtung Skandinavien, da wird Kultur ganz anders behandelt. Da zahlen Musiker z.B. in eine Musikerrente ein und kriegen eine Rente für das, was sie ihr Leben lang geleistet haben. Da wird das als Leistung anerkannt – Musik machen, für andere Leute da sein, das findet hier so nicht statt. Ich wünsche mir einfach einen anderen Umgang mit Kultur generell. Man muss ja verstehen, dass Menschen ohne Kultur irgendwie nur so Existenzen sind. Kultur ist doch das, was uns das Leben schön macht und ich verstehe nicht, warum das dann immer so stiefmütterlich behandelt wird.
In eurer Vita stehen eine Menge Gigs beim Deichbrand, zuletzt zum Abschluss im Regenjahr 2023. Ist euch ein Auftritt hier oder generell in eurer Bandvita besonders im Kopf geblieben?
Jeder Auftritt, den wir spielen, ist für uns auf irgendeine Art besonders – solange er nicht komplett nach hinten losgeht. Grundsätzlich ist jedes Konzert ganz unterschiedlich, auch weil das Setting immer ein anderes ist. Kein Auftritt gleicht dem anderen. Insofern bleibt es immer spannend, und ich könnte nicht wirklich einen einzelnen herauspicken. Wenn ich mich festlegen müsste, dann auf einen Auftritt, der schon sehr lange zurückliegt, beim „Haltestelle Woodstock“-Festival in Polen, umsonst und draußen. An dem Tag waren dort 350.000 Menschen, eine beeindruckende Zahl, und genauso sah es auch aus. Die Bühne war acht Meter hoch, sodass man die ersten 25 Reihen überhaupt nicht sehen konnte. Dahinter ging es den Berg hinauf und überall waren Menschen. Das war wirklich wie Woodstock und schon sehr, sehr beeindruckend. Ein ganz besonderer Auftritt.
Oft spielen Bands die großen Festival-Slots mit einem neuen Album oder Song. Fühlt es sich für euch so heute etwas befreiter an, gerade in der Songauswahl?
Wir haben inzwischen über 100 Songs, aus denen wir auswählen können. Das ist schon eine ganze Menge. Deshalb ist es für uns nicht mehr zwingend notwendig, ein neues Album im Rücken zu haben. Wir könnten so viele Lieder spielen – und wenn man ehrlich ist, wollen die meisten Leute auf Festivals ohnehin vor allem die alten Sachen hören. Und das ist auch völlig okay so!
Ihr könnt für eure Setlist aus neun Alben schöpfen – gibt es einen Song im aktuellen Live-Set, auf den du dich besonders freust? Gerade aus der Perspektive des Gitarristen?
Nicht wirklich, jeder Song in der Setlist ergibt Sinn und macht Spaß. Wenn einer von uns ein Lied nicht gerne spielen würde, dann würde es bei der großen Auswahl wahrscheinlich auch nicht im Set stehen. Deshalb könnte ich keinen einzelnen Song herauspicken und sagen, das ist mein Lieblingslied, darauf freue ich mich den ganzen Abend. Damit würde ich die anderen Stücke irgendwie abwerten.
Eure letzten Veröffentlichungen liegen jetzt gut zwei Jahre zurück. Wie steht es aktuell um Songwriting und neue Musik?
In diesem Sommer spielen wir erstmal die Shows mit den Hosen, ein paar Festivals und eigene Konzerte, das ist recht überschaubar. Danach wollen wir uns ein bisschen zurückziehen und im nächsten Jahr gar nicht live spielen. Dann schauen wir, ob wir gemeinsam musikalisch etwas zustande bringen. Falls nicht, ist das aber auch nicht schlimm. Wir gehen da völlig ergebnisoffen heran und wollen einfach sehen, was passiert. Wir haben keinen Zwang, etwas machen zu müssen. Das ist eine sehr komfortable Situation. Ich glaube allerdings nicht, dass am Ende gar nichts passiert. Spätestens, wenn der Erste einen Motivationsschub bekommt und die anderen mitreißt, wird etwas entstehen. Es muss aber nicht unbedingt ein Album sein. Solche Konzepte haben sich für unser Verständnis ein bisschen überholt. Wenn man sich anschaut, wie Musik mittlerweile veröffentlicht wird, geht es viel stärker um einzelne Songs. Vielleicht wird es also eine Single, eine EP oder etwas in der Art. Das Ganze in ein Albumkonzept zu gießen, haben wir inzwischen neunmal gemacht. Ich weiß nicht, ob wir das nochmal machen müssen.
Geht ihr mit dem Gedanken an ein Jahr Live-Pause in diesem Sommer anders auf die Bühne? Genießt ihr mehr oder saugt mehr auf?
Nein, wir sind inzwischen in einem Alter, in dem wir jedes Konzert ohnehin so gut wie möglich genießen. Man weiß schließlich nicht, was morgen sein wird. Wir sind alle über 50, und unser Schlagzeuger und ich gehen sogar schon stramm auf die 60 zu. Keine Ahnung, was nächstes oder übernächstes Jahr ist und wie gesund wir in fünf Jahren noch sein werden. Das weiß man einfach nicht. Insofern ist jedes Konzert eines, bei dem wir Spaß haben. Anders würde ich es gar nicht bewerten wollen.
Ihr seid eine Band, die lange vor Social Media groß geworden ist. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Band und Publikum und auch euer Bandalltag durch Instagram, TikTok & Co. verändert?
Für uns hat sich gar nicht so wahnsinnig viel verändert, weil wir zu einer Zeit bekannt geworden sind, als Social Media noch kein großes Thema war. Dadurch haben wir eine sehr treue Gefolgschaft, viele Fans kannten uns schon vorher und folgen uns bis heute. Trotzdem merken wir, dass es inzwischen eine andere Art von Arbeit ist. Wenn man wie wir vor zwei Jahren ein Album veröffentlicht, muss man in den sozialen Medien anders auftreten und Dinge machen, die man früher nicht gemacht hat. Für uns als Dinosaurier ist das erst einmal ungewohnt. Aber ich glaube, viel krasser ist es für junge Bands. Sie müssen heute sehr viel Zeit in diese Medien investieren, und diese Zeit fehlt möglicherweise beim kreativen Prozess. Andererseits verstehe ich natürlich, dass Social Media mittlerweile genau das Medium ist, über das man bekannt wird. Das ist ein Zwiespalt. Man muss sich einen gesunden Umgang damit schaffen, sonst kann einen diese Schnelllebigkeit verrückt machen. Auch der Umgang der Menschen untereinander hat sich verändert. Da frage ich mich manchmal schon, wo Respekt und Anstand geblieben sind.
Wie nutzt ihr heute die vielen Stunden zwischen Soundcheck und Auftritt? Gibt es eine feste Routine vor dem Gig?
Nein, das ist jeden Tag anders. Deshalb kann man eigentlich gar keine richtige Routine entwickeln. Ich habe gleich noch ein Interview, dann gibt es hier einen Physiotherapeuten. Vielleicht lässt man sich dort die Knochen geradebiegen. Danach etwas essen und sich bei diesen Temperaturen vielleicht noch einmal in den kühlen Bus legen. Dann ist es meistens auch schon Zeit, sich auf den Auftritt vorzubereiten. Und danach geht es wieder in den Bus und weiter zum nächsten Konzert. Langweilig wird einem jedenfalls nicht.
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