Furiose Erstauflage mit Wohlfühlatmosphäre – Das Amplifire Festival 2026
Die Erstausgabe des Rock- und Alternative-Festivals fand am 7. & 8. August in Hamburg-Wilhelmsburg statt. Mit Headlinern wie Biffy Clyro, Frank Turner und Bad Religion waren etablierte Größen dabei. Die Veranstalter*innen haben an diesem Wochenende das Fundament für ein neues Herzensfestival gelegt.

Hamburg. Mit dem Amplifire Festival ging am vergangenen Wochenende ein neues Festival an den Start. Die Veranstalter*innen haben mit dem Line-up ein Wochenende geplant, das ganz dem Rock, Alternative, Punk und Post-Hardcore gewidmet ist. Auf dem Gelände, das ebenfalls das MS Dockville beheimatet, spielen an zwei Tagen auf drei Bühnen nationale und internationale Acts. Auch wenn die Zahl von maximal 10.000 Besucher*innen in diesem Jahr noch nicht erreicht ist, so wird sich das Festival in den nächsten Jahren hoffentlich zu einer festen Größe entwickeln.
Auf zwei der insgesamt drei Bühnen spielen die Bands zeitversetzt und so kann man konditionell endlich mal wieder in die Vollen gehen und alle Sets hintereinander sehen. Auf der Hauptbühne Vorschot finden sich die Headliner wie Biffy Clyro, Bad Religion, Frank Turner & The Sleeping Souls und Turbostaat. Das Butterland dient als Second Stage. Dort spielen etablierte Größen wie The Get Up Kids, Fjørt, Tribute to Nothing und John Coffey. Newcomer und kleinere Bands wie Van Holzen, Das Malheur und Jools trifft man im Nest.
Mein Startschuss ins Festivalwochenende verschiebt sich wegen Zugausfällen zwischen Bremen und Hamburg leider etwas und ich verpasse die ersehnten Leto aus Hamburg. Für den angemessenen Start sorgen dann aber noch Pabst. Die drei Berliner bringen die Besucher*innen vor der Bühne mit treibenden Indie-Sounds so zum Tanzen, dass der Staub aufwirbelt. Das 45-minütige Set fühlt sich dann plötzlich viel zu kurz an.
Und ehe ich mich versehe, hat er auch schon begonnen, mein Fiebertraum der Rockmusik. Durch die direkt anschließenden Sets der zwei Hauptbühnen braucht es nur wenige Schritte, um von der einen wabernden Soundblase in die nächste einzutauchen. Und so geht es rüber zu The Get Up Kids aus Kansas City. Die fünfköpfige Kombo, die mit ihrem Sound an Bands wie The Gaslight Anthem erinnert, geht gewohnt leicht ins Ohr und bringt dann Erinnerungen an warme Sommernächte, schüchterne Schulhofknutschereien und die aufgeschlagenen Knie nach den Stürzen auf der Halfpipe mit sich.
Einmal geblinzelt und rüber geht’s zu Frank Turner & The Sleeping Souls. Spätestens da ist der Platz vor der Bühne gefüllt. Der Co-Headliner präsentiert gemeinsam mit seiner Band die bekannten Hits, die von der mittlerweile gewachsenen Menge gefeiert und lauthals mitgesungen werden. Gekrönt von andauernden Moshpits und der ersten Wall of Death des Tages.
Anschließend geht es dann mit Fjørt so richtig nach vorne. Die dreiköpfige Post-Hardcore-Band aus Aachen überzeugt, wie gewohnt, mit ihren lyrischen Texten, den energiegeladenen Stücken, während sie den deutschen Rechtspopulismus in Grund und Boden spielt. Ganz nebenbei reißen sie das Publikum mit sich, das in einer Staubwolke zu verschwimmen scheint.
Zurück an der Mainstage ging es dann schon an den Headliner des Tages: Biffy Clyro. Die schottische Band legt direkt mit einem Doppelpack von ihrem 2009er-Album Only Revolutions los: The Captain und That Golden Rule. Wer bis dahin noch nicht in Bewegung war, ist es spätestens bei Who’s Got A Match. Die Menge vor der Bühne ist angetan und gibt ihre Begeisterung durch lautes Mitsingen zurück. Die Band um Frontmann Simon Neil ist in Topform und spielt sich durch Songs ihrer Bandgeschichte. Auch ruhigere Stücke wie Biblical, A Little Love und Space fehlen dabei nicht. Ursprünglich als Trio gestartet, hat sich die Band mit den Jahren musikalisch weiterentwickelt und so haben beim Livesound mittlerweile auch zwei Geigen ihren Platz gefunden, die dem Rockepos weitere Tiefe und Facettenreichtum verleihen. Beim Auftritt in Hamburg nicht dabei ist James Johnston; der Bassist konzentriert sich aktuell auf seine psychische Gesundheit und wird durch die starke Naomi Macleod (Bitch Falcon, Empire State Bastard) vertreten. Mit dem gewohnt brachialen Sound, dessen Fundament das progige Drumming von Schlagzeuger Ben Johnston gepaart mit dem wilden und zugleich melodischen Gitarrenspiel Simon Neils bildet, wird das Publikum durch mehr oder weniger heimliche Hymnen wie Cop Syrup und Mountains gepeitscht. Den Abschluss der 80-minütigen Show macht Many of Horror, bei dem die Anwesenden noch einmal alle stimmlichen Reserven herausholen. Ein Finale, das für mich dann auch den perfekten Tagesabschluss einläutete.
Tag 2. Später Tagesstart, aber dafür nicht weniger furios als das Ende von Tag 1: Mit Blood Command wurde der Nachmittag direkt zu einem Feuerwerk des Punkrock. Laut, drückend, schweißtreibend. Die norwegische Band aus Bergen zeigte mit ihrem Set, wie Rock’n’Roll im Jahre 2026 aussieht: Frontfrau Nikki Brumen warf sich zum Crowdsurfen in die Menge, nur um dann auch das Publikum dazu aufzufordern, es ihr gleichzutun. Was bleibt da anderes übrig, als sich mitreißen zu lassen und selbst im Staub des Circle Pits zu versinken?
Im Anschluss ging es dann mit High Vis brachial weiter. Der Auftritt der Londoner Hardcore-Band passt perfekt zum derben Vibe des Tages und fügt sich nahtlos ins Programm. Spätestens jetzt ist klar: Das wird ein sportlicher Tag. Aber was wäre bei diesem Line-up auch anderes zu erwarten gewesen als staubige Lungen und Muskelkater in den Waden?! Also schnell das Kaltgetränk geschnappt, rüber zur Main Stage und fröhlich rein in den – klar – Moshpit! Auf die Ohren gibt es hier nicht einfach Hardcore von der Stange. High Vis schaffen ihren ganz eigenen Sound und verbinden in ihrer progressiven Grundstimmung Post-Punk, Brit-Pop und Madchestergroove.
Nach 60 Minuten heißt es dann schon wieder Bühnenwechsel und es geht weiter mit einer Albumshow von Tribute To Nothing. Die englische Post-Hardcore-Band präsentiert ihr Album How Many Times Did We Live? Die Platte feiert in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Mit ihrem Sound erinnern sie dabei etwa an Samiam. Dabei schafft es das Quartett, dieses einmalige Post-Hardcore-Gefühl aus Melancholie und brachialer Energie hervorzuzaubern, wie es sonst Bands wie Hot Water Music und Boysetsfire vermögen. Mit ebendiesen waren Tribute To Nothing Anfang der 2000er bereits auf Tour. Ein Set, das dazu einlädt, in Erinnerungen zu schwelgen, die Halfpipe und die aufgeschürften Knie immer im Hinterkopf.
Nach der Albumshow ist vor der Albumshow: Weiter geht es nebenan mit feinstem deutschen Punk von Turbostaat. Auf dem Programm steht die Platte Vormann Leiss. Bei 60 Minuten Set könnte man annehmen, dass die Band sich beim Spielen Zeit lässt, zwischen den Songs vielleicht ein paar nette Anekdoten einstreut und eventuell ein bisschen auf dem Erfolg ihrer langjährigen Bandgeschichte surft. Aber weit gefehlt. Dann hätten wir es nicht mit Turbostaat zu tun. Die Band aus Husum, die sich 1999 gründete, ist auch nach so vielen Jahren noch in Originalbesetzung unterwegs. So folgt eine Stunde Punkrock, der nach vorne geht. Mit Songs, die Geschichten erzählen und Bilder malen. Die Band spielt die Platte durch, fast ohne Pause. Legt alles rein. Fünf Freunde auf der Bühne, die das tun, was sie lieben. Das Publikum geht mit, singt und feiert die Band. Dann bleiben noch 25 Minuten. Pausen waren noch nie Punk. Genauso gut kann man die Zeit nutzen und Musik machen. Machen Turbostaat. Luftholen können wir später. Spätestens bei Rattenlinie Nord muss ich dann aber doch mal durchatmen und mich kneifen. Was war das denn gerade für ein wilder Fiebertraum? Können wir das direkt nochmal machen, bitte?
Sportlich wäre als Beschreibung für diesen Tag fast noch untertrieben. Es ist Zeit für eine Verschnaufpause, untermalt von den starken Klängen aus dem Hause John Coffey.
Und dann weiter mit dem Cardio-Training. Mittlerweile ist es auf dem Gelände in Wilhelmsburg dunkel geworden und ich stehe das erste Mal seit den letzten zwei Tagen vor der schweren Entscheidung: Welche Band schaue ich mir denn jetzt an? Im Nest spielen die wunderbaren Van Holzen, auf der Main Stage die legendären Bad Religion. Diese Art von Entscheidung hat in meinem Leben schon viele innere Konflikte ausgelöst. Aber eigentlich ist es dann doch gar nicht so schwer. Ich kann noch bei zwei Bands in den Moshpit hüpfen. Geht schlechter. Also erste Hälfte Van Holzen! Deutscher Rock und zwar direkt und schön. Das Trio ist eingespielt, beherrscht die Bühne und lockt erfreulicherweise eine gute Menge Besucher*innen zum Nest. Die aus Holzbalken gebaute Bühne bietet den optisch passenden Rahmen zur gelungenen Lightshow. Und man spürt, wie die Band den Zusammenhalt in der Musik zelebriert. Nur schwerlich löse ich mich von der Kulisse und bewege mich langsam aus der vollen Soundblase rüber zur Main Stage.
Da sind Bad Religion bereits gestartet. Mit 80 Minuten spielen die Kalifornier das längste Set des Festivals und die einzige Deutschlandshow in diesem Jahr. Ich wage mich vor bis ganz nach vorne und sehe die freudigen Gesichter der Bandmitglieder. Für die kommende Stunde tauche ich ein in ein einziges fröhliches Feuerwerk der Punkgeschichte. Insgesamt spielt die Band an diesem Abend 25 Songs. Die Welt ist in Ordnung. Am Ende der Show bedankt sich Bassist Jay Bentley beim Publikum dafür, der Band die Treue zu halten und so sein Leben besser gemacht zu haben. Das können wir nur zurückgeben, denke ich da.
Eigentlich wäre das bereits der perfekte Abschluss für eine mehr als gelungene Erstauflage des Amplifire Festivals gewesen. Doch es zog mich dann doch noch zurück zum Nest. Dort klang es doch noch verdächtig nach verzerrten Gitarren. Ich stelle mich in die Menge. Hatte ich vor zehn Minuten noch das Gefühl, alle Dopaminreserven auf dem Gelände gelassen zu haben, vermögen es Jools dann kurzerhand, mich mit offenem Mund stehen zu lassen. Unvorhersehbar, wütend und zugewandt sind die Begriffe, die mir unwillkürlich in den Kopf schießen. Die englische Band vermag es, Punk mit Spoken Word, Rap und Indie-Elementen zu verbinden. Kate Price und Mitch Gordon übernehmen die Vocals, besingen in ihren Texten ermutigende Songs über die eigene Identität. Als Frontduo beweisen sie eine gemeinsame Stärke, die das Publikum laut aufjubeln lässt und mich staunend und glücklich zurücklässt. Ein Tagesabschluss, wie ich ihn mir nicht schöner hätte wünschen können.
Diese Momente sind es, die Festivals so wertvoll machen, in denen man zuvor noch völlig unbekannte Bands entdeckt und ins Herz schließt. Die Organisator*innen haben es geschafft, ein Line-up zu kreieren, bei dem etablierte Größen auf weniger bekannte Bands wie Newcomer treffen, und ein Festival zu gestalten, bei dem sich Fans des Genres rundum wohlfühlen können. Die zweite Ausgabe des Amplifire Festivals ist bereits angekündigt und wird vom 6. bis 7. August 2027 stattfinden. Der Ticket-Vorverkauf ist bereits gestartet.
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