Fremdgehört – Tocotronic-Special

Die Tocotronic-Sonderedition: In unregelmäßigen Abständen gibt es in dieser Kolumne Musiktipps, die der Andere kommentieren, bewerten und verreißen darf. Dieses Mal von den Gastautoren und HB/ROW-People Urgesteinen Steffi und Olaf

Ewig nicht gesehen. Ewig nicht gesprochen, kein Rotwein getrunken. Schmidt’s dicht. Dann eben die heimische Küche. Und irgendwann die Frage, für die man sich getroffen hat: Warum denn immer Kettcar? Warum redet den keiner über die Top-3 Tocotronic Songs? Hatte nicht selbst Reimer Burstorf die mal zu einem seiner wichtigsten Einflüsse gezählt? Und wer hat denn jetzt ein Tattoo von „We gonna live forever“ und wer von „Pure Vernunft darf niemals siegen“? Also mal ernst jetzt! Welche Tocotronic Songs stehen in deinen Top 3? Und am besten ohne die üblichen Verdächtigen „Let there be Rock“, „Kapitulation“ und „Ich möchte irgendetwas für dich sein“. Warum, wieso? Lest die Top 3 von HB/ROW-People Urgesteinen Steffi und Olaf in einer Sonderedition von Fremdgehört.

-Das Geschenk-
Steffi sagt: Das war immer der Song, der mich sofort zum Lächeln gebracht hat. Vor allem weil sich die Musik so aufbaut. Textlich passiert da ja gar nicht viel. Und überhaupt. Warum reden alle immer nur über Texte und nie über Musik? Dabei geht es doch um die Musik. Der Zum-Lächeln-Bring-Faktor war hier für mich entscheidend. Und das er vom Album K.O.O.K. ist. Meine absolute Lieblingsplatte. Die ganze Zeit damals kommt dann immer wieder in Erinnerung. Es war eine geile Zeit und die K.O.O.K. lief damals rauf und runter.

Olaf sagt: Ich freue mich, dass du diesen Song ausgewählt hast. Dann muss ich es nicht tun. Die K.O.O.K. hatte ich damals als Kassette in meinem Auto. Das einzige Tape. Immer wieder umdrehen. Und immer gut. Dieses Lied spielt sich in den Kopf und in das Herz noch bevor überhaupt gesungen wird. Es war ja keine Single, den gibt’#s bestimmt gar nicht bei Youtube. Können wir davon eine Live-Version nehmen?

– Pure Vernunft darf niemals siegen –
Steffi sagt: Hab ich erst spät für mich entdeckt. Den Slogan sieht man auch oft irgendwo auf ’ner Hauswand. Bei der letzte Zeile „Wir sind so leicht das wir fliegen“ muss ich an jemand bestimmtes denken, der weggeflogen ist. Man kann das aber auch gesellschaftlich auseinandernehmen. Die Menschen sind in ihrem Hirn so leicht, dass sie fliegen. Und die pure Vernunft ist diese deutsche spießbürgerliche Mentalität. Aber es könnte auch was Gutes sein, wenn man nicht mehr so viel nachdenken muss. „Pure Vernunft darf niemals siegen“ kann also heißen, ich mach was Verrücktes und bin daher frei. Tausend Dinge kann man da reininterpretieren.

Olaf sagt: Das dazugehörige Album hat bei mir damals nicht gleich gewirkt. Aber bei dem Song blieb ich hängen. Weil er so komplett schräg ist mit diesem Walzer-Refrain. Hat Monchi von Feine Sahne Fischfilet da nicht ein Tattoo von?

– Die neue Seltsamkeit –
Steffi sagt: Ist dieser Song nicht einfach nur großartig? Wieder ein großer Lächel-Faktor. Die Musik ist schnell und langsam und wütend und ruhig. Und dieser Text bringt so viele zitierbare Sätze mit und beschreibt so schön dieses Zauderhafte und diesen Hang zum Rechtfertigen des eigenen Stillstands. Irgendwie witzig und böse zugleich. „Man habe ja auch noch den Hund zu versorgen“, da finde ich mich als Hundehalterin natürlich drin wieder.

Olaf sagt: Schon wieder K.O.O.K.! Toll! Dieser Song kann von keiner anderen Band sein. Sowas können nur Tocotronic. Er transportiert vor allem diese unsichere Stimmung der eigenen Existenz. Dieser Laut/Leise Wechsel funktioniert hier prächtig. Und wir beide können ihn auswendig, bei Dirk bin ich mir da nicht so sicher.

– Eure Liebe tötet mich –
Olaf sagt: Diese Musik! Diese Instrumentierung! Man hört hier deutlich den Neil Young Fable von Dirk von Lowtzow raus, den die anderen drei ja bekanntermaßen nicht teilen. Textlich fühle ich mich als Hardcore-Tocotronic-Fan natürlich direkt angesprochen. Ich verstehe das so, dass die Band von der Zuneigung der Fans überfordert ist.

Steffi: Sehe ich anders! Der Song hat mir auch auf Anhieb sehr gefallen. Aber ich höre da überall Kirchenchöre und damit inhaltlich auch was religiöses. Die christlich propagierte Liebe kann auch giftig sein. Überreligiosität ist immer giftig. Das lyrische Ich fühlt sich erdrückt und schimpft deswegen auch ganz schön. „Ihr seid drüber!“

-Michael Ende-
Olaf sagt: Ich hab noch was aus dem Frühwerk ausgewählt. Und hier ist diese unvermittelte Art der frühen Tocotronic auf den Punkt gebracht. Finde ich natürlich toll, mit dir als Buchhändlerin und belesener Person die Rolle von Michael Ende als Symbol zu diskutieren. Ich mochte Michael Endes Werk tatsächlich nicht so, aber hier ist es ja eher ironisch konnotiert. Wurde ja nach Michael Endes Tod lange nicht live gespielt. Und dadurch wird er natürlich noch wertvoller.

Steffi sagt: Ich war sogar damals schon Buchhändlerin, als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, und war total erschrocken und sogar kurz sauer, weil ich liebe Michael Ende. Der „satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ (Anm: das hat Steffi hier auswendig mal eben so rausgehauen) – mehr geht ja wohl nicht! Wenn man den Song hört, kapiert man recht schnell, das nicht Michael Ende das Leben zerstört hat, und dann war ich auch versöhnt und fand den Song recht schnell toll. Der Text transportiert schon viel. „Ein Lied mehr zur Lage der Nation“ ist schon machtvoll! Und es wird geschrien! Das ist toll! Ich mag Wut!

-Electric Guitar-
Olaf sagt: Und dann noch einen aus dem Spätwerk: So fluffig und irgendwie Easy Listening, ohne beliebig zu sein. Das aufgeblasene Solo, das man hier erwartet, fehlt komplett. Und unter der Haube ist es Toco-untypsich komplex. Merkt man nur nicht. Ich kann ihn jedenfalls nicht spielen. Thematisch eine schöne Coming-Of-Age-Story rund um dieses Instrument. Darauf einen Apfelkorn!

Steffi sagt: Es fühlt sich einfach nach 90er-Jahre an. Könnte man so als Soundtrack für Benedict Wells „Hard Land“ verwenden. Ich muss sofort an „Stromgitarre“ von Readymade denken, aber hier kommt kein ausuferndes Fast-Instrumentalstück. Wieder mal die Erwartungen gebrochen.

Schlusswort: 270 Lieder und die B-Seiten und Proberaumversionen haben wir weggelassen! Was für eine Band! Natürlich auch kein Song vom Debüt dabei. Kein „Freiburg“, kein „Drüben auf dem Hügel“, kein „Die Idee ist gut,…“, kein „Letztes Jahr im Sommer“ – alles tolle Songs. Aber nicht für die Top 3 von Steffi und Olaf. Was sind eure Lieblings-Tocotronic-Songs?

 


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