Frankie und Freddie – Sven Regener, Galiani 2026

Ein Tag im Leben des Frank Lehmanns.

Es gibt wahrscheinlich keine literarische Figur, die so viel denkt wie Frank Lehmann. Und es gibt niemanden, der sich so schön in Rage reden kann wie eben jener Herr Lehmann, der Anfang der 1980er-Jahre – der Roman schließt direkt an die Vorgängerwerke Wiener Straße und Glitterschnitter an – noch von allen Frankie genannt wird.

Bereits auf der ersten Seite lässt Sven Regener seine Figur einen fast eine Seite umfassenden Gedankengang verfolgen, der mehrere Zeitebenen umfasst und trotzdem klar und nachvollziehbar bleibt. Es sind eben diese Gedanken, aber auch die Dialoge, die Sven Regeners Romane rund um seine Figur Frank Lehmann ausmachen.

Im neuen Werk Frankie und Freddie holt Frank Lehmann seinen Bruder aus dem Pillenhotel ab, in dem Franks Bruder Manfred Lehmann – in Berlin von allen Freddie genannt – als Testperson eines neuen Medikaments Geld für seinen bevorstehenden Aufenthalt in New York verdienen wollte. Die Nebenwirkungen haben Spuren hinterlassen.

Die weiteren Protagonisten bleiben weitestgehend im Hintergrund. Karl Schmidt, Chrissi, Erwin und H. R. Ledig tauchen zwar alle auf, sind aber in der Regel Stichwortgeber für die im Mittelpunkt stehende Bruderliebe – und den gelegentlichen Bruderhass.

Gerade einmal einen Nachmittag umfasst die Handlung des Romans. Und außer der Tatsache, dass die Gruppe eine Tasche mit Freddies Reiseunterlagen in Berlin sucht, passiert tatsächlich nicht viel. Dennoch überschlagen sich die Ereignisse. Regener lässt die Suche fast wie einen Agententhriller erscheinen, wenn er seine Figuren mal mit dem Auto, mal mit der U-Bahn durch West- und kurz auch durch Ostberlin jagt. Dabei begegnen ihnen immer wieder skurrile Personen, die sie in Gespräche verwickeln. Gerade die lakonischen Dialoge sind Regeners große Stärke.

Dabei sind es gar nicht unbedingt die großen Pointen, die zum Lachen bringen. Vielmehr entsteht der Humor daraus, wie ernst die Figuren ihre teilweise völlig absurden Gedankengänge und Diskussionen nehmen. Besonders Frank Lehmann kann sich in Nebensächlichkeiten verlieren, aus denen plötzlich minutenlange philosophische Abhandlungen entstehen. Regener lässt ihn dabei denken und reden, ohne ihn jemals zum bloßen Komiker werden zu lassen.

Vielleicht zum ersten Mal wirft Regener einen kritischen Blick auf seine Hauptfigur. Gerade die von Frank Lehmann angebetete Chrissi ist in manchen Momenten genervt von dem Gezanke der Brüder und den unproduktiven Diskussionen, in die sich Frank immer wieder verstrickt. Hier entfaltet sich gleichzeitig Potenzial für eine weitere Fortsetzung. Denn trotz allem scheint auch Chrissi sich für Frank zu interessieren.

Frankie und Freddie ist weniger ein Roman, der von seiner Handlung, als einer, der von seinen Figuren und deren Art zu denken und zu reden lebt. Wer mit Frank Lehmann und Sven Regeners Humor bereits etwas anfangen kann, bekommt hier genau das, was die Reihe seit Jahren ausmacht: absurde Situationen, lange Gedankengänge, lakonische Dialoge und Figuren, die sich in den kleinsten Dingen verlieren können. Für Neueinsteiger kann der Roman zwar funktionieren, allerdings eignen sich dafür die früheren Werke (wie das chronologisch am Anfang stehende Neue Vahr Süd) besser – dafür gibt es inzwischen zu viele Vorgeschichten und zu viele Figuren, deren Beziehungen zueinander vorausgesetzt werden.

 


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