Familie ohne Burn-out – Dr. med. Mirriam Prieß, Süd West 2026
Wie Eltern sich nicht erschöpfen und Kinder nicht die ausgebrannten Erwachsenen von morgen werden

Dauermüdigkeit, Gereiztheit und das Gefühl, ständig nur noch zu funktionieren, gehören für viele Menschen zum Alltag. Ausgelöst durch einen kaum noch zu bewältigenden Alltag, bestehend aus Lohnarbeit, Kinderbetreuung und der damit verbundenen Care-Arbeit und Organisation zwischen Fußballverein und Hausaufgaben. In solchen Momenten kann sich eine Leere und Müdigkeit breitmachen. Eine Leere, die sich auch nicht mit Eisen- oder Magnesiummangel erklären lässt, weil sie tiefer im Inneren sitzt und nicht zwingend eine körperliche Ursache hat.
Dem möchte Mirriam Prieß mit ihrem gerade erschienenen Buch Familie ohne Burn-out entgegenwirken. Die Autorin hat im Fachbereich Psychosomatik promoviert und war anschließend acht Jahre in einer psychosomatischen Fachklinik tätig. Dort war sie unter anderem für die Behandlungsschwerpunkte Ängste, Depressionen und Burn-out verantwortlich.
Mirriam Prieß’ Kernthese lautet: Burn-out ist keine Frage von zu viel Arbeit, sondern die Antwort auf nicht gelingende Beziehungen. Damit sind nicht nur die Beziehungen zu anderen Menschen gemeint, sondern insbesondere die Beziehung zum eigenen Ich. Die Autorin behauptet deshalb: Wer sich erschöpft, befindet sich in konfliktreichen Beziehungen, hat die Beziehung zu sich selbst verloren und führt ein Leben fernab von sich selbst.
In dem in drei Teile beziehungsweise acht Kapitel untergliederten Buch erörtert die Autorin verschiedene Aspekte von Partner- und Elternschaft. Dabei geht es auch um die eigene Kindheit und den heutigen Blick auf die eigenen Eltern. Die Lesenden werden immer wieder mit Fragen zur Selbstreflexion konfrontiert. In grauen Kästchen hebt Prieß zudem mögliche Lösungsansätze in Form von Merksätzen hervor. Kleinere Schaubilder ergänzen den Gesamteindruck.
Damit ein Kind nicht zum erschöpften Erwachsenen von morgen wird, braucht es eine „gesättigte“ Kindheit, so die Autorin. Dafür müssen die Eltern selbst „satt“ sein – und nicht das bedürftige Kind. Voraussetzung dafür ist, dass jede gut mit sich selbst und beide Elternteile miteinander in Beziehung stehen und jede ausreichend auf seine Kosten kommt. Alles andere ist ein Irrtum. Wie kann ein hungriger „großer“ Mensch einem hungrigen „kleinen“ Menschen sonst gerecht werden, fragt Mirriam Prieß an einer Stelle im Buch.
Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass Familie ohne Burn-out zwar eine mögliche Lösung anbietet, es allerdings neben den inneren und äußeren Beziehungen weitere Ursachen für Burn-out geben kann, auf die dieses Buch nicht eingeht. Erschöpfung kann viele Gründe haben – von der Pflege Angehöriger bis hin zu finanziellen Sorgen. Aber genau hier schließt sich der Kreis zu Mirriam Prieß’ Werk: Welche Vorbilder wollen und können Eltern in solchen belastenden Momenten sein, und wie nehmen Kinder ihre Eltern wahr?
Schlussendlich ist Familie ohne Burn-out kein Ratgeber, der für jede persönliche Situation die passende Lösung bereithält. Vielmehr sollte das Buch als Leitfaden verstanden werden. Für Eltern, die das Gefühl haben, ständig zu funktionieren und dabei die eigene Person oder die Partnerschaft aus dem Blick zu verlieren, bietet Prieß’ Ansatz interessante Denkanstöße. Wer dagegen vor allem konkrete Strategien sucht, um einen objektiv überlasteten Familienalltag besser zu organisieren, wird hier möglicherweise weniger finden.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: Nicht jede Erschöpfung lässt sich durch eine Veränderung der eigenen Beziehungen lösen. Das Buch kann aber dabei helfen, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Beziehungen genauer in den Blick zu nehmen. Den Weg aus dem Gefühl der Erschöpfung müssen Eltern letztlich selbst finden. Familie ohne Burn-out kann dabei Hilfestellung geben – und vielleicht den entscheidenden Anstoß liefern, nicht nur darüber nachzudenken, wie der Alltag besser funktioniert, sondern auch darüber, für wen er eigentlich funktionieren soll.
Des Weiteren kann die Lektüre am Stück überfordernd sein. Eine Selbstreflexion erfolgt nicht zeitgleich mit dem Lesen, sondern geschieht in der Regel in den Tagen danach. Um von den eigenen Gefühlen nicht vollkommen überfordert zu werden, ist es ratsam, Familie ohne Burn-out Kapitelweise zu lesen und die im Buch gestellten Fragen Stück für Stück zu beantworten.
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