Alben des Jahres 2025 – von Marcel

Ein persönlicher Rückblick auf die neu erschienenen Studioalben der vergangenen zwölf Monate - von Headlinern, bis Newcomern, mit Platzierungen.

Bremen. In Zeiten von auf Algorithmen ausgelegten Singles und Playlisten gibt es zum Glück weiterhin zahlreiche Künstler*innen, die ihre Fans auf Albumlänge überzeugen – wer das schafft, hat schon vieles richtig gemacht. 2025 gab es einige Neuerscheinungen, die man von Anfang bis Ende immer und immer wieder hören will. Im Rückblick auf die besten Erscheinungen und Neuheiten der letzten zwölf Monate, sind zu viele starke Alben für eine Top-10 erschienen. Um euch an meiner Lieblingsmusik teilhaben zu lassen und einige Tipps zu präsentieren, gibt es deshalb wie schon in den letzten vier Jahren die Top-20-Alben des Jahres. Wie gewohnt, findet ihr zu jeder Platte ein wenig Text und ein Musikvideo. Viel Spaß beim Lesen, Hören und Entdecken!

20. Christopher Annen & Francesco Wilking – Alles was ich je werden wollte

Aus einer kurzen Zusammenarbeit wird dank sprudelnder Ideen und Kreativität ein ganzes Album. Die beiden umtriebigen Musiker haben Anfang des Jahres ein gemeinsames Werk veröffentlicht, das zwischen Indie, Pop und Rock einzuordnen ist und dem seine Leichtigkeit und Begeisterung anzuhören ist – mit klugem Witz, gebotenem Ernst und vielen cleveren Ideen.

19. Von Wegen Lisbeth – Strandbad Eldena

Benannt nach einem Strandbad in Greifswald, legt die Berliner Indie-Pop-Band Von Wegen Lisbeth bereits ihr viertes Studioalbum vor. Auch thematisch bedingt ruhiger und weniger beatlastig als früher, sind 13 Songs entstanden, die sich als Sammlung aus lakonischen Beobachtungen und nachdenklichen, fast resignierenden Momenten zusammenfassen lassen – zwischen Alltagsabsurditäten und Fragen nach Halt in einer chaotischen Welt.

18. Mia Morgan – Silber

Mia Morgan holt die Abrissbirne raus! Ihr zweites Album ist ein richtiges Rock-Brett geworden, ein Spagat zwischen Gen-Z-Themen und Millennial-Sounds, musikalisches Crossover aus Nu-Metal und Neuer Neuer Deutscher Welle. Textlich hochaktuell, überzeugt „Silber“ vor allem durch seinen Mut und seine Aufrichtigkeit. Keine Rücksicht auf Verluste!

17. Heisskalt – Vom Tun und Lassen

Die in ihrer sechsjährigen Abwesenheit schwer vermisste, einflussreiche Band vermengt auf „Vom Tun und Lassen“ zehn Stücke, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Von Sanftmut und Sensibilität bis zu nie dagewesener Härte und Brachialität ist ihr neues Album ein rifforientierter, textlich abstrakter, schwerer Brocken. Heisskalt sind unterwegs in ihrer ganz eigenen Nische und vereinen auf ihrem neuen Album alle ihre Stärken, bleiben herausfordernd und anspruchsvoll.

16. Provinz – Pazifik

Der treffsichere Indie-Pop von Provinz findet einmal mehr die perfekte Balance aus eingängigen Melodien und melancholischer Emotionalität. Musikalisch irgendwo zwischen intimer, akustischer Clubnummer und vielschichtig instrumentierter Stadionatmosphäre, schreiben Provinz Songs, die man nicht nur hört, sondern auch fühlt. Mit „Pazifik“ haben sie endgültig die deutsche Musiklandschaft erobert, erstmals die Spitze der Albumcharts erreicht und im Sommer wartet ein Headliner-Slot auf dem Hurricane Festival.

15. Jools – Violent Delights

Ein wütendes Debütalbum im Spannungsfeld aus Post-Punk, Rock, Rap, Post-Hardcore sowie elektronischen Einflüssen hat die sechsköpfige Band Jools im Sommer veröffentlicht. Druckvolle Walzen über anspruchsvolle Themen wie Trauer, Wut, Identität und sexuelle Gewalt – oftmals gelebte Erfahrungen der Briten. Auch für ihre kathartischen, unvorhersehbaren und spektakulären Live-Auftritte machen sich Jools in Deutschland langsam einen Namen.

14. Deine Cousine – Freaks

Ina Bredehorn alias Deine Cousine zelebriert auf „Freaks“ die Kraft der Gemeinschaft in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft immer weiter spaltet. Mit unendlicher Power, Haltung und Hingabe vermittelt sie zu einem Sound, der sich zwischen rotzigen Punkriffs, hymnischen Refrains und elektronischen Spielereien bewegt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, das auf Geschlecht, Sexualität, Religion oder sonstige, verstaubte Rahmen scheißt.

13. Plaiins – Happy Faces

Ein Highlight des indie-angehauchten Punkrocks kommt dieses Jahr aus Hamburg. Frisch, motiviert und unverbraucht, mit unbändiger Energie und feinem Humor hat die vierköpfige Band Plaiins ein durchgehend starkes Debütalbum hingelegt. Garage-Sound mit viel Drive und Druck und klar erkennbaren, britischen Referenzen – dem Heimatland von Sänger Chris.

12. Sam Fender – People Watching

Mit seinen ersten beiden Alben hat sich Sam Fender in die vorderste Reihe junger Rockstars gespielt, völlig zurecht füllt die Brite in seiner Heimat inzwischen Stadien. Diese Reise setzt er auf „People Watching“ fort: Große Rocksongs zwischen Euphorie und Melancholie, ein enorm vielschichtiger, abwechslungsreicher und erwachsener Sound mit gewählt eingesetztem Saxophon. Der 31-jährige reiht feine Beobachtungen und eindringliche Geschichten aneinander, sein drittes Album ist von einer tiefen, bodenständigen Ehrlichkeit durchzogen.

11. Royel Otis – Hickey

Die beiden australischen Musiker Royel Madell und Otis Pavlovic festigen mit „Hickey“ ihren Platz im globalen Indie-Kosmos und zählen nach mehreren viralen Erfolgen spätestens jetzt zu den spannendsten Newcomern der Indie-Szene. Das kreative Duo aus Sydney präsentiert auf seinem Zweitwerk fluffige, sommerliche Ohrwürmer mit leichter Instrumentierung, verbindet starke Hooks mit eingängigem Songwriting. Mitreißende Gemütlichkeit!

10. Still Talk – Year Of The Cat

Zwei Jahre nach ihrem Debütalbum „St. Banger“ veröffentlicht die Kölner Band ihren zweiten Langspieler zwischen Indie-Rock und Emo-Pop. Mit großer Hitdichte und einem Händchen für Eingängigkeit werden Themen behandelt, die wiederum gar nicht so leichtgängig sind: Panikattacken, Sexismus, Identitätsfragen und mentale Brüche sind nur einige Inhalte, mit denen Sängerin Tanja Kühler einen intimen Einblick in ihr Seelenleben gibt.

9. Blond – Ich träum doch nur von Liebe

Der Spagat zwischen substanzvollen Themen und musikalischem Spaßfaktor gelingt auch dem Chemnitzer Trio Blond. Zu New Wave, Punk und Indie-Pop arbeiten sie sich mit gewohnt direkter und provokativer Sprache an Alltags- und Gesellschaftsthemen ab. Energische Aufklärungsarbeit über Objektifizierung von Frauen, sexuelle Selbstbestimmung und Flinta-Empowerment – oder auch mal einen Song über Ladendiebstahl an SB-Kassen. Rebellion darf auch Spaß machen!

8. Raum27 – Keine Tränen

Das Bremer Duo Raum27 setzt seine beeindruckende Reise fort und hat mit „Keine Tränen“ ein Zweitwerk veröffentlicht, das nahbar und authentisch komplexe Emotionen behandelt. Tiefgründig, melancholisch und erwachsen, ist ihr Sound zwischen Indie-Pop und Rock dennoch oft eingängig und tanzbar, ihre Konzerte von einer großen Energie, persönlicher Atmosphäre und Bühnenpräsenz geprägt. Hier wachsen zwei großartige Menschen und Musiker gemeinsam mit ihrem Publikum und es sei ihnen von Herzen gegönnt.

7. Turbostaat – Alter Zorn

Auf den Tag genau fünf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung, ist am 17. Januar das achte Album der Punkband Turbostaat erschienen – eines, das nach von Krankheit und Verlust geprägten Jahren alles andere als selbstverständlich ist. Statt Band-Aus ein neues Werk im Jahr nach dem 25-jährigen Jubiläum, kantig und kompromisslos, mit düsteren, schonungslosen Bildern und hoher Wirkungskraft. Auch, wenn der Punk hier in Moll getüncht ist, gilt es dankbar zu sein und das Leben zu schätzen.

6. Tocotronic – Golden Years

So vertraut und doch so neu, gleichermaßen persönlich und politisch. Tocotronic entwickeln sich auch nach drei Jahrzehnten und 13 Alben weiter, bleiben aktuell und relevant. „Golden Years“ ist vielschichtig, nachdenklich, ernst und kritisch und dennoch zugänglich. Die Hamburger erzählen zu melancholischen bis energischen Indie-Rock-Klängen mit gewohnt breitem Interpretationsspielraum vom Unterwegssein, von Sehnsüchten und Trost in finsteren Zeiten.

5. Die Höchste Eisenbahn – Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an

Frische Ideen im bewährten Soundgewand gab es nach sechs Jahren Pause von den vier höchst umtriebigen Vollblutmusikern (siehe u.a. Platz 20) der Höchsten Eisenbahn. Mit riesigem Spaß an der gemeinsamen Kunst ist ein wirklich rundes Album entstanden mit souveränem Spannungsbogen und großen Live-Qualitäten. Lakonische Momente, beschwingte Ideen und lyrische Feinheiten erzeugen eine ganz besondere Stimmung, die live und auf Platte so wohl tatsächlich nur die Höchste Eisenbahn hinbekommt.

4. The Deadnotes – Rock’n’Roll Saviour

Für die größte Überraschung sorgten in diesem Jahr The Deadnotes, die mit nicht einmal 30 Jahren mehrere Hundert Konzerte in ganz Europa vorweisen können und sich mit ihrem dritten, erstmals beim Grand Hotel van Cleef erschienenen Album nochmal ganz neu erfunden haben. „Rock’n’Roll Saviour“ strotzt vor Selbstbewusstsein und fügt ihrem Indie-Rock mit großer Geste eine gehörige Portion Synthies und Glam hinzu, gewürzt mit Bläsern und Streichern. Das klingt zeitlos, international, ist eingängig und macht einfach nur extrem viel Spaß. Am besten ganz laut aufdrehen!

3. Herrenmagazin – Du hast hier nichts verloren

Nach neun Jahren Pause veröffentlichen Herrenmagazin ein neues Album – ohne Druck der Industrie, einfach aus einer tiefen Leidenschaft und großer Freunde an der Musik und der gemeinsam verbrachten Zeit. Umarmende, aufbauende Musik, tiefgründige, melancholische Texte und ein Gefühl, das mehr Aufbruch als Nostalgie vermittelt. Frisch und treffsicher ist den Hamburgern ein Album gelungen, das einfach glücklich macht und an dem man sich nicht satt hören kann.

2. Betterov – Große Kunst

Mit seinem zweiten Album ist Betterov nicht weniger als ein ambitioniertes, bewegendes Meisterwerk gelungen, das eine Mischung aus Indie, Post-Punk und NDW mit orchestralen Elementen verbindet, um tief persönliche Themen wie DDR-Vergangenheit, Familiengeschichte und auch gesellschaftliche Unsicherheit zu verarbeiten. Authentisch und grenzenlos intim gewährt Manuel Bittorf alias Betterov nicht nur persönlichste Einblicke, sondern lässt die Hörer*innen aktiv miterleben, und das über die gesamte Platte hinweg – mit einer Aufrichtigkeit und textlichen Hingabe, die tief bewegt. Und auch wenn der Titeltrack eher von ihrer Absenz erzählt, von tiefen Rissen und dem Spaltenden im Menschen, fasst der Name die Essenz dieses Zweitwerk treffend zusammen – wahrlich große Kunst!

1. Van Holzen – Solang die Erde sich dreht

Das vierte Album des Trios Van Holzen ist eine ganz besondere, konzeptnahe Platte, die als Ganzes funktioniert – direkter, persönlicher und politischer als je zuvor. Mit Mitte Zwanzig bereits auf ein Jahrzehnt Bandgeschichte zurückblickend und durch Freundschaft und Schicksalsschläge zusammengeschweißt, geht es im Kern um das Überleben von Schmerz, Verlust und Krisen. Von wuchtigen Klangwänden bis zu vielfältiger Instrumentierung, atmosphärischen Szenen und kreativen Arrangements, hat der Alternative-Post-Hardcore-Hybrid eine hohe Komplexität und Durchschlagskraft, ist gradlinig und experimentierfreudig und hat auch mutige Genre-Grenzüberschreitungen im Gepäck. Ein Album mit Wucht, rotem Faden und großer emotionaler Tiefe.

In der Vorschau auf die bisher bekannten Veröffentlichungen des Jahres 2026 gibt es bereits eine ganze Reihe an vielversprechenden Alben und neuer Musik. Gleich im Januar werfen die Bremer von Dramatist ihr Debütalbum auf den Markt, später folgen ebenfalls die Erstwerke der Briten von Snake Eyes sowie von Nikra und Tjark. Auch Fjørt haben ein neues Album fertig, während Thees Uhlmann und Giant Rooks an neuer Musik arbeiten, die schon 2026 das Licht der Welt erblicken könnte. Spannend wird auch das Album von Indie-Rock-Sängerin Brockhoff, die am Release-Wochenende als Headlinerin auf dem Fair-Weather-Fest im Bremer Viertel auftritt.

 


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