Julia Bähr – Hustle, Pola 2025
Julia Bähr verhandelt schwarzhumorig Fragen nach Moral, Richtig und Falsch.

Zunächst das Cover. Eine junge Frau – der Autorin nicht unähnlich – sitzt mit langen Haaren lässig rauchend in einem Korbstuhl und blickt der betrachtenden Person entgegen, als wolle sie sagen: „Was kann ich für dich tun?“ Als Hinweis auf die Romanheldin Leonie Hendriks funktioniert dieses Bild durchaus, denn sie hat tatsächlich etwas „anzubieten“: eine Agentur für Racheakte.
Leonie zieht nach München, nachdem sie aus Rache das Arbeitszimmer ihres ehemaligen Chefs verwüstet hat. Schnell findet sie zwar eine neue Anstellung, die sie sich mit einer charmant verpackten Lüge erschleicht, doch die Bezahlung reicht in der bayerischen Hauptstadt kaum zum Überleben. Die Versuche, über Dating-Apps Beziehungen aufzubauen, verlaufen vorhersehbar im Sande. Diese Episoden führen jedoch weniger zu einer Charaktervertiefung als zu einer Aneinanderreihung von Problemen, die das moderne Großstadtleben der Millennials umtreibt.
Erst die Zufallsbegegnung mit Genevieve, die später Yasmin und Kim ins Spiel bringt, verleiht dem Roman ein erkennbares Zentrum. Die vier Frauen bilden eine Art Zweckgemeinschaft, deren Loyalität glaubwürdig wirkt, deren Motivationen jedoch oft vage bleiben. Jede von ihnen geht einem mehr oder weniger illegalen Nebenjob nach – ein Setting, das viel Potenzial für moralische und gesellschaftliche Reflexion bietet, das der Roman aber nur punktuell auslotet. Leonies Wunsch nach einer eigenen lukrativen Tätigkeit erscheint folgerichtig,
Hustle stellt die Fragen: Was ist moralisch vertretbar, wenn Grenzen bewusst überschritten werden? Was gilt als gerecht, was als falsch? Wo verläuft die Grenze zwischen Notwendigkeit und Selbstbetrug? Die Antworten bleiben jedoch meist aus. Stattdessen reiht der Roman Beobachtungen über Gentrifizierung, Konsum, Kapitalismus, Dating-Apps und Social Media aneinander – Themen, die zeitgemäß wirken, aber oft nur angerissen werden. Es bleibt unklar, ob Leonie und ihre Freundinnen diese Entwicklungen kritisch sehen oder ihnen letztlich unreflektiert folgen, solange Aussehen, Kleidung, Make-up und Restaurantbesuche stimmen. Gerade diese Unentschlossenheit schwächt den Roman: Die Figuren treiben dahin, ohne dass klar wird, ob sie mit oder gegen den Strom schwimmen wollen.
Leonie und ihre Freundinnen folgen ihren eigenen moralischen Regeln, was dem Roman einen reizvollen anarchischen Unterton verleiht. Allerdings bleibt weitgehend ausgespart, welche Konsequenzen ihr Handeln hätte, wenn alle Menschen so lebten – oder wie Leonie reagieren würde, wenn sich die unmoralischen Aktionen gegen sie selbst richteten. Zwar blitzen in einzelnen Momenten Zweifel auf, doch sie bleiben unverbindlich und schlussendlich ohne Wirkung.
So ist Hustle ein unterhaltsamer, schwarzhumoriger Roman mit starken Ansätzen, der jedoch selten den Mut aufbringt, seine eigenen moralischen und gesellschaftlichen Fragen konsequent zu Ende zu denken oder alternativ vollständig zu überhöhen und auf die Spitze zu treiben.
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