„Diese Tour ist eine Versöhnung mit der Zeit“

Jesper Munk spielt heute Abend mit neuem Live-Album und „Zehn Jahre Claim“ im Kulturzentrum Lagerhaus und hat uns vorab einige Fragen beantwortet.

Foto: Julio Cordey

Bremen. Anlässlich des Jubiläums seines bislang erfolgreichsten Albums „Claim“ blickt der Blues-Rock- und Soul-Pop-Musiker Jesper Munk auf seine bisherige Karriere zurück. 2024 feierte er sein „Return“ zu sich selbst. Nach einer längeren Kreativpause, die er überwiegend als Mitglied der Berliner Post-Punker P.D.O.A. (Public Display Of Affection) und der international anerkannten Industrial-Noise-Institution Plattenbau verbrachte, veröffentlichte er letztes Jahr nach dem 2022er-Coveralbum „Taped Heart Sounds“ mit „Yesterdaze“ den lange erwarteten, selbstkomponierten und schließlich auch hoch gelobten Nachfolger von „Favourite Stranger“ (2018). Kürzlich ist zudem sein „Best Of… live“-Album erschienen – mit Aufnahmen mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg auf der A-Seite und seiner Live-Band The Cassette Heads auf der B-Seite. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums seines bislang erfolgreichsten Albums „Claim“ widmet sich Jesper Munk nun wieder mehr seinem Frühwerk, welches er – aus Gründen – zeitweise bewusst vernachlässigte. Über die Hintergründe und die neue Platte haben wir vorab mit ihm im Interview gesprochen.

Du hast zuletzt im Sommer im Rahmen der Breminale in Bremen gespielt, welche Erinnerungen hast du an die Stadt und an den Auftritt?

Ich habe an diesen und auch an meinen letzten Breminale-Auftritt super positive Erinnerungen. Generell verbinde ich Bremen mit tollen Konzerten – auch auf früheren Touren oder mit meinen Bands P.D.O.A. und Plattenbau. Dieses Jahr haben wir am ersten Tag der Breminale spät abends gespielt, das heißt, wir hatten schon mittags unseren Soundcheck. Ich bin kein Freund davon, zwischendurch ins Hotel zu fahren – so konnten wir den ganzen Tag auf dem Festival genießen und andere Bands sehen. Das Breminale-Team ist super lieb und vor mir hat Black Sea Dahu gespielt, die hat mich wirklich umgehauen.

Am 9. Oktober geht deine Tour in Potsdam los, wie fühlst du dein ein paar Tage vor Tourstart?

Lustigerweise bin ich noch gar nicht richtig im Tourmodus, weil ich gerade noch einige Gigs mit meiner Band Plattenbau hatte und noch zwei weitere folgen, dort spiele ich Gitarre und Synthies. Am 6. und 7. Oktober proben wir dann das Set, erweitern das Repertoire noch etwas und wollen mit Blick auf „Zehn Jahre Claim“ ein paar Dinge auffrischen. Am 8. mache ich noch ein Mitternachts-Set mit meiner Live-Band The Cassette Heads – die haben ihre Jamsession, da fahren wir einen kleinen Probedurchlauf, vielleicht mit den „Problemkinder-Songs“, die uns noch etwas Arbeit machen. Der Tourauftakt in Potsdam ist für mich dann ein Soft Opening – ich wohne in Berlin und kann hinterher zu Hause pennen. Am nächsten Tag geht’s nach Hamburg – auch angenehm, weil wir nicht sofort fünf, sechs Stunden auf der Autobahn sind. Weiter habe ich mir das Routing noch gar nicht angeschaut, ich mache einfach, was unser Tourmanager sagt. Auf der Autobahn bin ich nicht so gerne, aber auf die Konzerte freue ich mich sehr.

Nach eigenen Alben und einem Cover-Album nun das Best-Of Live-Album – weshalb hast du diese Form der Veröffentlichung gewählt?

Klingt wie eine musikalische Midlife-Crisis (lacht). Nein, die Live-Aufnahmen mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg aus dem Potsdamer Nikolaisaal gibt es schon seit 2019 und es war lange unklar, wie und unter welchen Bedingungen wir sie veröffentlichen können. Gleichzeitig bin ich jetzt gerade mit meiner Live-Band The Cassette Heads extrem glücklich und im großen kreativen Austausch. Daher war es ein guter Zeitpunkt, diesen Status Quo zusammen mit den besonderen Aufnahmen aus Potsdam als Live-Album zu veröffentlichen. Wir haben die Orchesteraufnahmen wiedergefunden, und mein Manager Gerry Huber hat vorgeschlagen, daraus ein Doppelalbum zu machen. Das Konzert mit dem Orchester war eine so besondere und einzigartige Erfahrung, die wollte ich unbedingt veröffentlichen. Spannend ist zudem, dass es sechs Jahre her ist und meine Art zu singen eine andere. Das hört man, und zusammen mit den aktuellen Live-Aufnahmen mit meiner Band auf der B-Seite, hat man zwei Zeitpunkte meiner Karriere auf einer Doppel-Vinyl in der Hand.

Also war der Anstoß eher zu sagen, wir machen jetzt ein Live-Album mit dem jetzigen Status Quo, haben aber noch diese tollen Orchester-Aufnahmen aus 2019 und deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sie mit zu veröffentlichen?

Genau, der Zeitpunkt ist richtig, weil mir der jetzige Status Quo so gut gefällt und die Motivation für mein Soloprojekt wieder voll da ist. Die letzten Jahre habe ich mich da etwas zurückgezogen und eher selber in Bands gespielt – ob es nun bis heute Plattenbau ist oder zwischenzeitlich P.D.O.A war. Das hat mir zu dem Zeitpunkt seelisch einfach mehr gegeben. Jetzt macht mir mein eigenes Projekt wieder richtig viel Spaß und ich möchte viel davon teilen.

Wie war es damals für dich, so oft live gespielte Songs mit dem Orchester völlig neu zu arrangieren?

Das war total abgefahren! Viele Songs sind bei mir im Schlafzimmer entstanden und ein paar Jahre später stehst du mit Orchester auf der Bühne und es fühlt sich an wie ein IMAX-Kinofilm. Ich wurde damals vom Filmorchester Babelsberg ganz offiziell angefragt, sie hatten schon länger eine Reihe, bei der sie im weiteren Sinne Popmusiker mit einem Orchester zusammenbringen. Ich hatte anfangs etwas Schiss, dass meine Songs mit Orchester kitschig werden könnten, weil sie stark von der Ausführung leben. Dann traf ich Max Knoth, den Arrangeur – ein großartiger Typ im farbenfrohen Anzug, wie aus einem Film. Ich habe ihm von meinen Ängsten erzählt und als Referenzen meiner Vorstellungen Nick Cave & The Bad Seeds und Scott Walker genannt. Max hat’s abgenickt – und nur acht Tage später Skizzen von zwölf Songs geschickt. Keine Ahnung, wie sein Gehirn funktioniert, aber ich bin sehr dankbar dafür. Er war mutiger als ich es erwartet hätte und hat es viel besser umgesetzt, als ich beschreiben könnte. Im klassischen Rahmen bin ich eher Tourist, aber das hat wirklich super funktioniert und war eine ganz besondere Erfahrung.

Die B-Seite der neuen Platte besteht aus Live-Aufnahmen mit deiner Live-Band The Cassette Heads aus München und Hannover – wann sind diese Aufnahmen entstanden?

Die Aufnahmen sind viel jünger. In München haben wir ein Doppelkonzert im Milla gespielt, für sich stehend und nicht im Rahmen einer Tour. Da waren viele Dinge ungeschliffen und toll im Live-Moment. Die Show in Hannover im Lux fand im Rahmen einer Tour statt und war dort im zweiten Drittel, da waren wir viel eingespielter. Wir haben damals fast jedes Konzert mitgeschnitten. Der Auswahlprozess war eine leichte Qual – sich selbst so viel anhören, inklusive der Ansagen zwischen den Songs. Irgendwann wurde Hannover zum Running Gag: Wenn etwas im Milla nicht funktionierte, haben wir Hannover ausgecheckt und meistens war’s ein Treffer. Ich mag das Lux total gerne – ein süßer, kleiner, punkiger Undergroundladen. Die Aufnahmen sind zudem klanglich super. Deshalb ist es eine Mischung aus den Shows in München und Hannover, die jetzt auf der Platte verewigt wurden.

Auf den Aufnahmen begleitet dich deine Live-Band The Cassette Heads – im Herbst seid ihr auch wieder zusammen auf Tour, richtig?

Ja, sehr richtig – glücklicherweise!

In diesem Jahr feiert dein Album „Claim“ 10-jähriges Jubiläum, von dem auch alle drei Single-Auskopplungen des Live-Albums sind. Wie ist deine Beziehung zu diesem Album zehn Jahre später?

Rückblickend bin ich „Claim“ sehr dankbar, aber es lag auch jahrelang extrem viel Last drauf. „Claim“ ist 2015 erschienen und das Album, das am meisten abging – gleichzeitig auch mein erstes beim Major-Label Warner mit größerer Promoschiene. Ich habe viel Aufmerksamkeit bekommen und bin sehr dankbar, dass Leute zugehört haben – aber es hat mich psychisch voll zerrissen. Deshalb habe ich eine komische Beziehung zu dem Album. Direkt nach Release habe ich schnell an neuem Zeug gearbeitet, aber „Claim“ erstmal weitergespielt – klar, wenn du Gigs bekommst, sagst du zu. Irgendwann hat es mich aber so genervt, dass ich mich dagegen entschieden habe, die Songs des Albums und damit die Lieblingssongs vieler Leute zu spielen. Ich habe den Musikindustrie-Druck abbekommen und meine Sturheit falsch ausgerichtet – nämlich aus Versehen gegen das Publikum. Ich habe dann 2017 die „Common Ground“-Tour mit noch zwei anderen Headlinern gespielt und plötzlich waren nur neue, noch unveröffentlichte Songs im Set. Mir war nicht bewusst, was ich den Leuten, die jeden Tag arbeiten und sich ein Ticket gönnen, damit zumute. Rückblickend war es eine komische Entscheidung, Songs wie „Shakespeare & Heartbreak“, der über Jahre die meisten Streams hatte, nie mehr zu spielen, weil ich sie so mit dem Major-Druck verbinde. Gleichzeitig habe ich mich musikalisch weiterentwickelt und viele Gründe, heute nicht mehr zufrieden mit der Musik zu sein. Aber Frieden zu schließen mit seiner Entwicklung ist definitiv besser, als die Vergangenheit zu ignorieren und zu versuchen, sie ungeschehen zu machen. Das Livealbum und die kommende Tour sind deshalb auch eine Versöhnung mit dieser Zeit.

Wie hast du wieder Zugang zu den Songs gefunden?

Es war tatsächlich wie eine Art Therapie. Du erinnerst dich an Dinge, die du weggeblockt hast. Wir haben die Stücke mit Musikern aus einer anderen Phase neu einstudiert, auch mal über Lyrics gelacht und Dinge umgeformt. Wenn man darüber spricht und daran arbeitet, verbessert sich automatisch das Verhältnis. Das war ein Prozess und ein Teil meiner Entwicklung – und es ist empowernd, jetzt in den Spiegel zu schauen und okay damit zu sein.

„Claim“ bezeichnest du rückblickend als „Frühwerk“ – was hat sich danach in deiner Herangehensweise oder an deinem Zugang zu Musik verändert?

Ich habe mich zeitweise vom Soloprojekt entfernt. Ich bin aufgewachsen mit Post-Punk, The Cure, The Clash und da stark von meinem Vater geprägt – das ist ein Teil von mir, der im Jesper-Munk-Soloprojekt nicht immer voll Platz hatte. Vor allem hat sich aber durch viele Touren und Begegnungen mit anderen Musikern meine Sichtweise geändert. Ich blicke heute viel bescheidener auf das Privileg, dass uns vor der Bühne Menschen zuhören. Heute ist es für mich völlig okay, sich manchmal als Dienstleister zu sehen, wenn die Gesellschaft der Boss ist. Dann spielst du eben auch mal einen Song für die Mama in der zweiten Reihe, statt nur für die eigene Integrität.

Wie wird die Setliste auf der kommenden Tour aussehen – breit gefächert durch alle Alben, oder gibt es einen Schwerpunkt auf einer Schaffensphase?

Ich werde versuchen, wegen des Geburtstags relativ viel „Claim“ reinzubringen. Ansonsten ist alles ein bisschen dabei. Vielleicht auch mal ein Cover – ich nehme gern ein, zwei Cover mit auf Tour, als kleine Hommage an Vorbilder, und für manche öffnet es vielleicht sogar eine Tür zur eigenen Musik.

Heute Abend tritt Jesper Munk auf Tour in Bremen im Kulturzentrum Lagerhaus auf. Tickets für das Konzert gibt es noch im Vorverkauf.

 


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