Kettcar: „Wir gehen dann schon in den Infight“

Mehrere Songs des neuen Album der Band Kettcar hat Bassist Reimer Bustorff geschrieben. Ein Gespräch über Songwriting, Promotage, Einkaufen im Supermarkt und Musicals

Kettcar-Bassist Reimer Bustorff. Foto: pfa

Kettcar. Das Album „Gute Laune ungerecht verteilt“ ist seit ein paar Tagen draußen. Die Songs singt Sänger Marcus Wiebusch. Die Texte kommen aber nicht allein von Wiebusch. Songs wie „München“, „Blaue Lagune, 21:45 Uhr“ oder „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ hat Bassist Reimer Bustorff geschrieben. Ein Gespräch über das Songwriting, Promotage, Einkaufen im Supermarkt und Musicals wie „König der Löwen“.

In „Auch für mich 6. Stunde“ habe ich ja jetzt erfahren, dass ihr keinen Bock auf Promotage habt. Oder…?
Bustorff: Doch! Natürlich haben wir da Bock drauf. Das gehört natürlich dazu. Aber es ist natürlich ein bisschen ironisch codiert.

Also in dem Song heißt es: „Interview, Promotage, kommentieren der ganzen Lage. Wichtig, dass man sich verhält, wichtig, dass man Haltung zeigt „Unser politischstes Album seit…“ Oh bitte, ich bin ganz kurz eingeschlafen“ Ist es zu viel Druck, dass ihr euch als Band verhalten müsst? Nervt das?
Bustorff: Druck will ich es gar nicht nennen. Aber es ist natürlich diese Erwartungshaltung, die da ist. So nach dem Motto: Was kommt jetzt und erklärt uns Marcus Wiebusch die Welt wieder neu. Das kann dann manchmal auch auf die Nerven gehen.

Dabei ist es ja gar nicht nur Marcus Wiebusch, der einem die Welt erklärt. Es sind ja mittlerweile einige Songs von Dir. Auf den ersten Alben waren es noch einer oder zwei. Auf dem aktuellen Album und auf „Ich vs. Wir“ waren es vier und auf „Zwischen den Runden“ sogar fünf Songtexte. Es werden immer mehr.
Bustorff: Hast du etwa gleich eine Excel-Tabelle aufgemacht?

Na klar. Journalisten-Nerd-Kram halt.
Bustorff: Ich sehe das irgendwie nicht so. Für uns als Band ist es immer so ein bisschen anders als es dann draußen so dasteht, weil wir natürlich schon im Team an dem Ganzen arbeiten und zu fünft am Werk sind. Also zum Beispiel so ein Song wie München – da habe ich jetzt den Text geschrieben, da hat Erik ganz viel mit der Musik gemacht und im Grunde den ganzen Song musikalisch aufgestellt. Ich habe mich dann mit dem Text da draufgesetzt und hatte Marcus als Sparringspartner. Wir gehen dann schon in den Infight und diskutieren viel. Deswegen fühlt es sich am Ende für mich nicht so an, als sei es mein oder sein Text. Da funktionieren wir gut als Team.

Also erklärt nicht nur Marcus Wiebusch die Welt?
Bustorff: Also ich will niemandem die Welt erklären. Aber ich habe schon einen kleinen Output und so ein paar Sachen, die irgendwie in mir schlummern, die dann raus müssen und wollen.

Wo liegt eigentlich der Unterschied im Songwriting zwischen Dir und Marcus Wiebusch – geht ihr da anders ran, merkt ihr selbst einen Unterschied? Ein Außenstehender wird sicher nicht sofort beurteilen können, von wem der Text ist.
Bustorff: Ach, weiß ich gar nicht. Ich mache mit Marcus jetzt seit 1995 zusammen Musik. Wir haben bei Rantanplan zusammengespielt und ich kenne Marcus aus But Alive-Zeiten. Wir machen so lange Musik zusammen, dass es für mich relativ einfach ist. Aber es ist natürlich immer noch ein bisschen was anderes, wenn ich schreibe, muss Marcus den Text auch singen und interpretieren. Mir ist es natürlich wichtig, dass er sich damit auch wohl fühlt. Deswegen habe ich die Stimme von Marcus immer im Hinterkopf und weiß mittlerweile so ungefähr, was gut funktioniert. Ich weiß seine Range, ich weiß das Technische alles. Und insofern fällt mir leicht, für Marcus die Sachen zu schreiben. Aber es ist auch so, dass er dann noch mal dazu kommt und noch Änderungen vornimmt: Und wenn es nur eine Silbe ist, die er wegnimmt und ein einsilbiges Wort nimmt.

Aber das sind doch nur minimale Korrekturen?
Bustorff: Ja, aber wir diskutieren natürlich auch inhaltlich. Wir versuchen On Point zu sein und Dinge klarer zu formulieren. Ich denke, das gelingt uns ganz gut.

Also kam es noch nicht vor, dass du mit einem Text angekommen bist und Marcus gesagt hat: Das fühle ich nicht, das will ich nicht, das singe ich nicht?
Bustorff: So nicht. So würde er das nicht sagen. Aber klar gibt es schon Sachen, wo ich merke, die fühlt er mehr oder weniger. Sicherlich gibt es auch kleine Kompromisse, aber die sind dann eher gering.

In euren Songs gibt es verschiedene Erzählperspektiven. Gibt es einen Unterschied, welche Positionen ihr in den Texten einnehmt?
Bustorff: Also es ist ja alles ein bisschen Handwerk. Man nimmt eine gewisse Perspektive ein. Das muss man bei bestimmten Themen einfach machen. Zum Beispiel bei „München“ mit dem Thema Alltagsrassismus – den kann ich nicht als Ich-Erzähler – also aus einer direkten Perspektive – schreiben, weil ich ja selbst nicht betroffen bin. Da wäre ich mir anmaßend vorgekommen, da hätte ich mich selber dann nicht wohlgefühlt. Das ist natürlich der Kniff oder der kleine Trick dabei. So können wir uns Themen aneignen, von denen wir nicht direkt betroffen sind.

Aber es geht auch anders?
Bustorff: In „Auch für mich 6. Stunde“ oder „Ein Brief meines 20-jährigen Ichs“ geht es schon sehr um das persönliche Empfinden. Da kommt das eigene Ich ordentlich ins Spiel.

Foto: Andreas Hornoff

Auf euren alten Platten ging es mehr um die persönlichen, die Ich-bezogenen Themen, die eigenen Befindlichkeiten und Alltagserlebnisse. Jetzt ist es alles politischer geworden. Beschreibt das eure Entwicklung richtig?
Bustorff: Genau, das sehe ich auch so. Ich glaube, das hängt auch ein bisschen mit unserer Lebenssituation zusammen. Als wir angefangen haben, Musik zu machen mit Kettcar – 2001 – da waren wir um die 30, hatten gerade das Studium fertig oder abgebrochen, Freundin weg und dann kreiste sich viel um das eigene Ich. Das hat sich im Laufe der Zeit zum Glück so ein bisschen aufgelöst, was aber nicht heißt, dass wir keine politisch denkenden Menschen waren. Jetzt haben wir vielleicht andere Sichtweisen und sind selbst extrem erschüttert, was um uns herum in der Welt passiert.

Im Laufe der Zeit… Gab es in der Bandgeschichte von Kettcar einen Bruch? War das nach dem Album „Zwischen den Runden“?
Bustorff: Ja, da hat Marcus auch sein Solo-Album gemacht.

Und hat sich da etwas im Songwriting geändert?
Bustorff: Ja, nach „Zwischen den Runden“ war die Luft so ein bisschen raus in der Band. Aber die Pause passte ganz gut. Dann haben wir uns zusammengesetzt und uns gefragt, ob wir überhaupt noch weitermachen sollen. Haben wir noch was zu sagen? Dann sind wir ein bisschen näher zusammengerückt und haben uns intensiver ausgetauscht. Gerade Marcus und ich haben uns gegenseitig mehr in die Karten schauen lassen und mehr zusammengearbeitet. Das spürt man jetzt noch.

Es gibt so typische Kettcar-Sprüche, die immer fallen: „Und das geht so“ oder „Der Name dieser Band ist Kettcar“ aber auch „Humanismus ist nicht verhandelbar“. Im Song „München“ der Spruch „München, alte Lady“ – ist ganz offensichtlicher Kettcar-Slang. Sprecht ihr einfach so oder eignet ihr euch bestimmte Sätze an?
Bustorff: Ja, ich befürchte tatsächlich, wir sprechen so. Es ist ganz witzig, dass wir das Thema gerade hatten: In „ Ein Brief meines 20-jährigen Ichs“ kommt das Wort „Hallelujah“ vor. Und dann habe ich gesagt: „Oh, schon wieder Hallelujah“. Daraufhin hat Marcus alles durchgescannt und meint das Wort kommt erst einmal in dem ganzen Kettcar-Lyric-Kosmos vor und das ist bei „Money left to burn“. Ich hätte schwören können, es kommt mindestes sechsmal vor. Weil das einfach ein Wort ist, was ständig bei uns fällt – im Proberaum und so. Das ist so ein Indiz dafür, dass das unsere Sprache ist.

Ihr wollt euch von der Realität keine guten Geschichten versauen lassen, habt ihr mal gesagt. Also wo kommen die Geschichten der Songtexte her? Den Protagonisten in „München“ gibt es ja wirklich.
Bustorff: Das gilt nicht immer eins zu eins. Mit Yachi, über den wir singen, habe ich wirklich Fußball gespielt. Aber in Hamburg, in Niendorf, in der B-Jugend. Aber die ganzen anderen Sachen haben ich mir dazu ausgedacht. Ich wollte nicht, dass es zu autobiografisch wird, weil dieser Text eine Allgemeingültigkeit hat. Weil ich glaube, dass es eine größere Geschichte ist. Und deswegen habe ich ihn dann auch bewusst nach München verortet und nicht in Hamburg gelassen. Es gibt auch Texte wie „Blaue Lagune“, das ist einfach fiktiv, das ist ausgedacht. Da kommt die Inspirationen auch aus Büchern und Filmen.

Wie ist es bei „Einkaufen in Zeiten des Kriegs“?
Bustorff: Das habe ich mir natürlich auch ausgedacht. Aber, ich kaufe wirklich so ein. Also wenn ich im Supermarkt bin, dann gucke ich tatsächlich auf die Leute und frage mich, was ist mit denen, wie sind die so und vergleiche mich mit denen. Ich beobachte gerne.

Noch so ein Satz ist „Mein Herz ist ein totgeschlagenes Robbenbaby“ (In „München“). Wie entsteht so etwas beim Schreiben?
Bustorff: Das sind so Bilder, die ich im Kopf habe. Aber das ist auch schwierig zu erklären. Wenn ich den Song schreibe, dann sehe ich jemanden wie diesen Yachi, der im Grunde Teil von etwas sein möchte und vermeintlich sein Zuhause gefunden hat. Und trotzdem hat man als Außenstehender das Gefühl, der schwimmt alleine auf einer Eisscholle irgendwo am Nordpol.

Und dann diese Musicalgeschichte: „Nicht alle in Hamburg wollen zu König der Löwen“ (In „Einkaufen in Zeiten des Kriegs“). Provokant gefragt: Wollt ihr Musicals abschaffen? Oder warum der Seitenhieb?
Bustorff: Ich verstehe das gar nicht so als Seitenhieb. Die einen können sich das eben leisten und die anderen nicht. Für mich ist das ein Synonym für die geteilte Gesellschaft, die wir haben. Das spielt in dem Song auch eine wesentliche Rolle. Was kann ich mir noch leisten und wo stehe ich in der Nahrungskette eigentlich? Und stehe ich wieder an der falschen Kasse? Das habe ich alles ein bisschen zusammengeworfen und zusammengerührt. König der Löwen muss damit leben können, wenn die einen mitkriegen. Aber ich bin auch keine Fan von Musicals, wie wir sie hier in Hamburg haben, weil es für mich eine Form von Kunst ist, die ich nicht fühle. Die ist einfach nur kommerziell und schlachtet aus. Das ist nicht meine Welt. Aber wenn Leute das mögen, hat das auch seine Berechtigung.

Mal weg vom Songwriting: Gibt es eigentlich Songs, die ihr auf Konzerten immer spielt?

Bustorff: Ja, auf jeden Fall. „Landungsbrücken raus“, „48 Stunden“, „Money left to Burn“ – also Sachen von den ersten Platten. „Deiche“ auf jeden Fall. Wir sind Fans davon, live jetzt nicht nur die neue Platte runterzuspielen, das ist nicht unser Ding. Wenn ich zum The-Cure-Konzert gehe, dann will ich „Boys don’t cry“ hören.

In diesem Sommer spielt ihr so gut wie keine großen Festivals, dafür kleinere Sachen. Ist das bewusst so oder hat das einen anderen Grund?
Bustorff: Das hängt zum einen damit zusammen, dass wir bei den großen Festivals immer einen Gebietsschutz haben. Dadurch darfst du im Umkreis von so und soviel Kilometern nicht spielen. Aber wir wollen dieses Jahr viel spielen. Deswegen setzen wir auf die kleineren Festivals.  Außerdem gefällt mir das ganz gut. Ich spiele lieber auf dem Sommerfest in Marburg, wo Herzblut dabei ist und selbstgebackener Kuchen steht als beim Rock am Ring. Aber auch das hat natürlich alles seine Berechtigung. Ich habe beides gesehen, das ist mir eine Spur lieber.

Gut. Aber wenn jetzt die Anfrage aus Roskilde kommen würde?
Bustorff: Klar, da wären wir dabei – das ist natürlich ein Traum.


Am Sonntag, 14. April spielen Kettcar im Bremer Pier 2. Tickets gibt es hier.


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