Soledad von Thorsten Nagelschmidt, S. Fischer 2024
In seinem neuen Roman erzählt Nagelschmidt von der Einsamkeit, der alten BRD und zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

So zumindest denkt die junge, lesbische, migrantische Alena, als sie im März 2020 nach einer schmerzhaften Trennung auf der Lodge von Rainer in Soledad strandet. Doch nach und nach findet Alena raus, dass sie mehr mit Rainer verbindet, als sie ursprünglich dachte. In den extremen ersten Coronamonaten prallen zwei Generationen aufeinander, die langsam lernen, die jeweiligen Motive und Entscheidungen des Gegenübers zu verstehen. Die innersten Gefühle eines Menschen sind nicht so unterschiedlich, wie der Altersunterschied anmuten mag.
In Rückblenden erzählt Rainer von seinem Leben. Beginnend im Nachkriegsdeutschland, der Vater depressiv und mit Nazi-Vergangenheit. Rainer berichtet von den Schuljahren, wie er immer für zu weich gehalten wurde, was überhaupt nicht zu dem Mann passt, den Nagelschmidt als Erzähler auserkoren hat. Das Leben kann auch hart machen. Und schließlich den Ausbruch aus der Enge der westdeutschen Bundesrepublik, erst auf Reisen um die Welt und schließlich als Hotelbesitzer in Venezuela und Kolumbien.
Alenas Geschichte und Herkunft wird hingegen nur kurz angerissen. Ihre Veränderung liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Trotz der knapp 450 Seiten, die Soledad aufweist, ist vor allem Rainers Geschichte in Summe knapp und zügig in schnellen Schritten erklärt. Manche Momente sind ausführlicher beschrieben, andere werden schnell abgehandelt. Nicht immer hält sich der Autor dabei an die die literarische Regel „show – don’t tell“, was in der nachbetrachteten Erzählung allerdings nicht schlimm ist. Denn so wird vermutlich ein Leben erzählt, nicht in allen Details, manche Dinge werden nur angedeutet, andere ausgeschmückt.
Sowohl Rainer als auch Alena kämpfen um Anerkennung und gegen die Einsamkeit, die sie in ihrem Leben spüren. Vielleicht ist es eine Flucht. Vielleicht hat Nagelschmidt sich an einen Song seiner Band Muff Potter erinnert. „Für den Heimatlosen ist Heimweh der Motor für die Flucht nach vorne.“ Vielleicht werden weder Alena noch Rainer jemals ankommen. Vielleicht passiert in Soledad aber auch gerade das. Aber wenn nicht, dann ist die Suche/Flucht immer noch besser, als das Ausharren und warten. Oder sich selbst zu töten, wie Rainers Vater es (wohl) getan hat. Wieder so ein lebensverändernder Moment in Rainers Biografie.
Da das Ende offen gestaltet ist, hält der Autor sich vielleicht eine Fortsetzung vor. Mehrere Personen aus Rainers Umfeld sind deutlich jünger als er (seine Frau, seine Tochter) und auch Alena hat das meiste ihres Lebens noch vor sich. Zu wünschen wäre es den beiden Erzählenden des Romans. Dass sie ankommen und auch davon eine Geschichte erzählen können. Davon, dass alles gut werden kann, irgendwann. Es wäre ein schönes Ende. Aber bis dahin bleiben wir wohl alle Suchende und versuchen bloß, der Einsamkeit zu entkommen.
Soledad ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 26,00 EUR.
Unterstützt gerne die kleinen Buchläden dieser Stadt. Soledad gibt es u.a. im Golden Shop im Viertel vorrätig.
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