Pech-Schwarz-Ära im Schlachthof

Gestern spielten Jule und FJØRT mit den Gefühlen der Menschen bei einem gemeinsamen Konzert im Bremer Schlachthof.

FJØRT (Foto: DJ)

Bremens Lieblings-Hamburgerin Jule eröffnet den Abend gekonnt und souverän. So oft wie Jule in Bremen ist, kann der bisher größte Auftritt der jungen Künstlerin durchaus als Heimspiel gelten. Die immer wieder spontan eingeworfenen Ansagen bilden einen wichtigen Kontrast zur Schwere der meisten Lieder. Insgesamt stehen die eher schnelleren, punkigeren Songs des Debütalbums und der vorangegangenen EP im Mittelpunkt. Hervorzuheben ist die neue Version von „Bis zur Erschöpfung“, die zunächst nahe am Original zart und leise beginnt, um sich anschließend zu einem Post-Punk-Kracher zu entwickeln. Auch die beiden neuen Stücke, die ihren Weg ins Set finden, wissen zu überzeugen. Das kommt in Bremen gut an. Und langsam, aber sicher werden auch für Jule die Bühnen in Bremen größer werden müssen. Zunächst gibt es aber noch einmal die Gelegenheit, Jule am 11. April in der Zollkantine oder im Juni auf dem Fair-Weather-Fest zu sehen, ehe es schnurstracks Richtung Weltruhm geht.

Im Anschluss: FJØRT. Gegründet im Jahr 2012 in Aachen, hat es wohl innerhalb dieser fünfzehn Jahre keine Band aus dem Bereich Hardcore und Artverwandtem geschafft, sich durch kontinuierliches Touren und Alben-Veröffentlichungen bis (fast) an die Chartspitze zu arbeiten. International ist dieser Aufstieg vielleicht nur mit den Überfliegern von Turnstile zu vergleichen. Das letzte und fünfte Album „belle époque“ stieg auf Platz 2 der Hitparade ein. Es ist ein Monster von Album geworden, spielt mit allen Elementen, die Musik zu bieten hat: Keyboardflächen, Laut-Leise-Dynamik, Sprechgesang, Punk, Hardcore, Emo – immer gepaart mit Texten über die Scheiße, die da draußen passiert. Genau diese Mischung hebt die Band angenehm von anderen Genre- und Szenevertretern ab. Vielleicht zündet nicht immer jeder Song, und vielleicht muss nicht jede Idee umgesetzt werden, aber lieber Mut zu Experimenten als dauerhaft die sichere Nummer.

Genauso ist auch der Gig – laut, düster, brachial. Es wird getanzt, die Hände werden in die Luft gereckt und es wird mitgeschrien. Meistens aber wiegen sich die Körper der überwiegend in Schwarz gekleideten Menschen im Takt der Musik vor und zurück. Die Band kann sich auf eine hingebungsvolle Fanbase verlassen. Da macht es auch nichts aus, wenn eine Person in der ersten Reihe den Bass an den Kopf geschlagen bekommt. Nach einer kurzen Untersuchung backstage geht es sofort zurück in die erste Reihe.

Im Mittelpunkt des Sets stehen die Songs des neuen Albums. Vor der (recht jungen) Single „’43“ und dem alten Hit „Couleur“ gibt es jeweils eine Ansprache, die in beiden Fällen etwas ausufert – aber hey, es geht um die richtige Sache, also alles okay. Einziger Wehmutstropfen (für mich): Als letzten Song des Hauptsets um 22:30 Uhr hätte ich mir den heimlichen Hit des neuen Albums „22:30“ sehr gut vorstellen können. Das hätte zumindest perfekt gepasst. Aber auch so war die Stimmung stark. FJØRT sind auf dem Weg, eine Konsensband zu werden – und wenn es so etwas überhaupt noch gibt, dann ist es wichtig, solche Stimmen auf der Bühne zu haben.

 


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