„Joy Of Missing Out ist eine Haltung, etwas wirklich zu wollen“ – Abramowicz im Interview

Mit ihrem neuen Album und Jule als Support-Act, spielt die Hamburger Rockband am Samstag in Bremen. Vorab haben sie uns einige Fragen beantwortet.

Foto: Marc Huth

Bremen. Mit ihrem neuen Album „Joy Of Missing Out“ meldet sich die Hamburger Band Abramowicz nach sieben Jahren Albumpause eindrucksvoll zurück – größer, vielseitiger und entschlossener denn je. Was einst als rauer Punkrock mit Americana-Einschlag begann, ist heute zu einem eigenständigen Sound gewachsen, der mühelos zwischen Heartland-Rock, Indie, Folk und Alternative pendelt. Die sechs Musiker haben die vergangenen Jahre genutzt, um sich neu zu erfinden: Drei Gitarren, Synthesizer, Bläser und Streicher erweitern das Klangspektrum, ohne dabei die Wucht und Direktheit zu verlieren, die Abramowicz seit jeher auszeichnen.

Euer neues Album ist sieben Jahre nach dem Vorgänger erschienen. Nehmt uns gerne einmal mit in den diesmal längeren Zeitraum dazwischen. Wie ist das Album entstanden?

Man kann schon sagen, dass die Pandemie der Startschuss für das neue Album war. Dass die Reise dann 6 Jahre gehen würde, haben wir auch nicht gedacht. Am Anfang waren da nur Sören und Sascha in der Molotow Skybar. Es durften sich ja nur zwei Haushalte treffen. Die beiden haben dann viele Songs geschrieben. Einige waren auch für die Tonne. 50% der neuen Songs sind so entstanden. Dann waren wir auch hoch im Norden. Ein paar Tage waren wir in Emmelsbüll-Horsbüll im Watt’n Sound Studio in Nordfriesland. Dort ist ein Lied für das neue Album entstanden. Denn Rest haben wir dann im eigenen Proberaum entwickelt.

Was ist in diesen Jahren bei euch passiert, musikalisch und persönlich? Und gab es zwischendurch Momente, in denen ihr daran gezweifelt habt, ob es überhaupt noch ein neues Abramowicz-Album geben würde?

Also musikalisch haben wir uns auf jeden Fall weiterentwickelt. Persönlich ist natürlich auch einiges passiert. Die Pandemie hat ein Umdenken erfordert. So wurden dann andere Prioritäten gesetzt und die Musik wurde immer mehr zur Nebensache. Na klar gab es dann auch hier und da Zweifel. Aber wir wollten das unbedingt durchziehen und zum Glück haben wir es ja auch geschafft.

Das Album trägt den Titel „Joy Of Missing Out“. In einer Zeit, in der viele ständig Angst haben, irgendetwas zu verpassen, klingt das wie ein bewusster Gegenentwurf. Was bedeutet dieser Titel für euch und wie spiegelt sich diese Haltung in den Songs wider?

Das ist ein bewusster Gegenentwurf zum Gefühl, etwas zu verpassen. In der schnellen digitalen Welt, die einem viralen Spot und dem nächsten Trend hinterher jagt, in der Faschisten wieder in Landtagen vertreten sind und politische Krisen die Welt erschüttern, ist es notwendig ab und zu bewusst abzuschalten, um neue Kraft für alles, was auf uns zukommt, zu sammeln. „Joy Of Missing Out“ ist mehr eine Haltung, etwas wirklich zu wollen als etwas zu verpassen.

Laut Pressetext zum Album habt ihr die vergangenen Jahre genutzt, um euch neu zu erfinden. Wie beschreibt ihr die Entwicklung und wo ordnet ihr euren heutigen Stil ein?

Wir glauben das liegt daran, dass wir alle andere Musik hören. Generell sind wir offener geworden, was die Genres angeht. Von allem landet dann was in den Songs. Es ist im Gegenzug zum Vorgänger „The Modern Times“ vielleicht etwas poppiger geworden. Im Grunde hat sich vom Stil nichts geändert, aber vielleicht haben wir ihn verschönert.

Mit drei Gitarren, Synthesizern, Bläsern und Streichern ist euer Klang ziemlich vielschichtig geworden. Wie entstehen eure Songs heute? Gibt es zunächst eine einfache Idee, die ihr gemeinsam ausarbeitet, oder habt ihr schon beim Songwriting eine Vorstellung davon, wie das Ganze am Ende klingen soll?

Also am Anfang sitzt da meistens Sören und hat eine Idee. Er hat bestimmt einen komplett fertigen Song im Kopf – ob es dann am Ende die Version wird, ist eher unwahrscheinlich. Weil diese Idee ja durch den Proberaum muss. Das heißt, alle anderen geben noch ihren Senf dazu und dann wird der Song noch einmal verändert. Manchmal hat Sascha auch einen ganzen Song instrumental geschrieben, der muss dann auch durch den Proberaum. Bei den Songs für dieses Album hat uns auch Max Scharff unter die Arme gegriffen. Der hatte hier und da auch einige gute Ideen.

Ihr seid gewachsen und neuerdings sechs Bandmitglieder. Wie funktioniert das kreative Miteinander bei euch? Wird im Proberaum leidenschaftlich gestritten, oder seid ihr euch meistens schnell einig, in welche Richtung ein Song gehen soll?

Diese Antwort wird in der vorherigen Frage ja schon fast beantwortet. Leider sind wir uns nicht so schnell einig. Es wird so lange diskutiert und gefeilt, bis der Song dann fertig ist. Da kann es auch mal laut werden und die Türen können knallen. Aber das gehört halt dazu. Am Ende liegen wir uns in den Armen und feiern die Lieder, die wir geschrieben haben.

Gibt es zu einem der Songs eine besonders schöne Anekdote oder Entstehungsgeschichte?

Der Titeltrack ist zum Beispiel nicht durch den Proberaum gegangen. Den haben wir komplett am Computer geschrieben und eingespielt. Nils und Niki waren da gar nicht großartig da. Am Ende haben wir den Song bis zu unserem letzten Bremen-Konzert beim Fair-Weather-Fest im Lagerhaus noch nie zusammen gespielt. Und jetzt spielen wir den so gerne. Ein verdammt guter Song!

Sascha und Nico spielen auch in der Live-Band eures Support-Acts Jule und somit zwei Konzerte pro Abend, sechs Tage in Folge. Habt ihr kräftemäßig Respekt vor dieser Aufgabe?

Respekt ja, aber derbe Bock drauf. Nach der Tour werden wir sehen, ob wir das nochmal machen. In Bremen hat es beim Fair-Weather-Fest ja letztens schon geklappt.

Was schätzt ihr besonders an Jule und ihrer Musik?

Als wir Anfang der 2010er-Jahre angefangen haben, zu fünft Musik zu machen, gab es unglaublich viele kleine Hamburger Bands, die wir gehört haben. Alle waren in ähnlichen Clubs und Strukturen unterwegs, sodass man sich viel begegnete. Es mag unserem älter werden geschuldet sein, aber mit Jule gibt es eine Band und Künstlerin, die wieder in diese Riege gehört. Jung, wild, irgendwie ungewöhnlich mit starken Texten.

Mit Jule ist auch der Feature-Song „Mercimek Forever“ erschienen, wie ist die Idee eures ersten Features entstanden?

Wir haben da ja diesen deutschen Vers in dem Lied. Uns war klar, dass das nicht Sören singen soll. Max hatte dann Jule vorgeschlagen. Sie kam vorbei und da haben wir dann Jule kennengelernt. Sie hat einen super Job gemacht und zwei von uns abgeworben. Haha. Scherz.

Zuletzt wart ihr im Juni Teil des Fair-Weather-Fests, in Bremen habt ihr u.a. auch schon auf der Breminale und im Tower gespielt. Habt ihr eine prägende Erinnerung an die Stadt?

Im Tower haben wir im September 2019 gespielt das war das Wasserturm-Festival von Viva Con Agua. Wir haben schon fast überall gespielt. Im Modernes vor den Subways. Da waren wir noch jung und für uns war das natürlich ein Riesen-Ding. Die Breminale war auch mega geil. Dort wurde es so richtig heiß im Zirkuszelt. Ein paar Jahre davor haben dort Niki und Sascha Pfandflaschen für die Breminale gesammelt und das gesamte Gelände für den nächsten Tag super gemacht. Der beschissenste Job den die beiden je gemacht haben.

Das Konzert in Bremen ist gleichzeitig eurer Tourabschluss, wisst ihr schon, wo ihr den Abend gerne ausklingen lassen würdet?

Leider müssen wir an dem Abend nach Hamburg, weil einer von uns am nächsten Tag nach Uganda fliegt. Aber wenn wir da bleiben würden, würde es nur ein Laden geben, in dem wir versacken. Das Eisen. Grüße gehen raus an Nando.

Am kommenden Samstag, den 24. Oktober spielen Abramowicz mit Jule als Support-Act in Bremen im Tower Musikclub. Tickets für das Konzert gibt es im Vorverkauf.

 


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