„Ein Konzert sollte auf Augenhöhe stattfinden“ – Beatsteaks im Interview
Beim Rocken am Brocken Festival haben wir mit Gitarrist Bernd Kurtzke und Bassist Torsten Scholz über neue Songs, aktuelles Songwriting, Träume und unerwartete Erfolge gesprochen.

Berlin. Der Weg der Beatsteaks ging schon immer steil nach oben. Die fünf Freunde aus Berlin haben sich über die Jahre von einer kleinen Punk-Attraktion zu einer der größten Rockbands Deutschlands entwickelt. Nach unzähligen Tourneen im In- und Ausland, Auftritten auf den größten europäischen Festivals und mehreren Gold- und Platinalben sind sie heute eine der beliebtesten und erfolgreichsten Rockbands der Republik. Beatsteaks live, das bedeutet Ekstase, Loslösung, durchdrehen, gemeinsam feiern, kollektive Raserei. Nach einer mitreißenderen Live-Band muss man in diesen Tagen immer noch lange suchen. Am Rande ihres Headliner-Auftritts beim Rocken am Brocken Festival haben wir Gitarrist Bernd Kurtzke und Bassist Torsten Scholz Anfang August zum Interview getroffen.
Nach fast 30 Jahren Bandgeschichte spielt ihr heute zum ersten Mal auf dem wunderschönen Rocken am Brocken Festival. Inwiefern seid ihr vor solchen Premieren noch aufgeregt, was euch erwartet oder was auf euch zukommt?
Wir sind vor jedem Konzert aufgeregt, das glauben viele gar nicht. Mal ist es mehr, mal weniger, meistens aber eher mehr. Das hat gar nicht so viel mit dem jeweiligen Festival zu tun, sondern einfach damit, dass man auf die Bühne geht und spielt. Umso mehr freuen wir uns, dass es dieses Jahr endlich mit Rocken am Brocken geklappt hat. Das Festival ist uns schon lange ein Begriff, wir haben immer wieder davon gehört. Bisher hat es terminlich einfach nie gepasst. Als die Anfrage kam, war für uns deshalb sofort klar: Da wollen wir unbedingt spielen.
Ihr spielt in diesem Sommer so viele Konzerte wie seit einigen Jahren nicht mehr. Was war der Auslöser oder der Motivationsschub dafür, dass ihr jetzt gerade so aktiv seid?
Nach der langen Pause wollten wir vor allem endlich wieder spielen. Schon im vergangenen Jahr hätten wir die Möglichkeit gehabt, im Herbst Clubkonzerte zu geben. Das war uns wegen der Unsicherheit rund um mögliche Absagen aber zu riskant. Deshalb haben wir beschlossen, uns auf Open-Air-Konzerte zu konzentrieren, draußen war die Planung einfach deutlich verlässlicher. Hinzu kam, dass wir ausgerechnet vor der Pandemie eine geplante Bandpause eingelegt hatten. Kaum wollten wir wieder loslegen und unser 25-jähriges Jubiläum in Berlin feiern, kam Corona dazwischen. Am Ende standen dreieinhalb Jahre fast ohne Konzerte.
Natürlich spielt auch die finanzielle Seite eine Rolle. Irgendwann hätten wir uns ernsthaft fragen müssen, wie es mit der Band weitergeht. Deshalb war klar: Wir müssen wieder auf die Bühne – nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern vor allem, weil wir das Spielen unglaublich vermisst haben. Also haben wir diesen Sommer so viele Konzerte angenommen, wie irgendwie möglich. Unsere Bookerin hat wirklich alles gegeben – irgendwann mussten wir sie sogar bremsen. Bernd hatte eigentlich noch zwei Wochen Jahresurlaub geplant und auch in der Band angesagt. Der wurde letztlich auf vier Tage zusammengeschrumpft.
Euer letztes Konzert ist bei mir noch gar nicht so lange her – vor sechs Wochen als Support-Act bei den Toten Hosen in Düsseldorf. Die legendäre zweite Show – neben euch waren unangekündigt auch die Ärzte dabei. Wie hat sich die ungewohnte Rolle als Vorband für euch angefühlt?
Das hat sich für uns überhaupt nicht ungewohnt angefühlt. Tatsächlich haben wir die Toten Hosen schon mehrfach als Support begleitet und stehen auch immer wieder für die Hosen oder Die Ärzte als Vorband auf der Bühne. Diese Rolle kennen wir seit 20 oder 25 Jahren – und wir übernehmen sie jedes Mal gerne, wenn die Anfrage kommt. Das Konzert in Düsseldorf war etwas ganz Besonderes. Die Stimmung war großartig und als später auch noch Die Ärzte unangekündigt bei der Zugabe auf die Bühne kamen, konnten wir selbst nur staunen. Das war einfach ein großer Musikmoment.
Letzte Woche auf dem Watt En Schlick habt ihr zum Abschluss ohne Soundcheck nochmal komplett abgerissen am Strand. Probt ihr noch viel vor solchen Auftritten? Oder seid ihr so routiniert in eurer Show und den Abläufen, dass ihr euch auf die Bühne stellt und einfach loslegt?
Ganz ohne Vorbereitung geht es nicht. Bevor wir nach einer längeren Pause wieder auf die Bühne gehen, müssen wir das komplette Programm erst einmal auffrischen. Bei rund 30 Songs dauert das schon zwei bis zweieinhalb Wochen. Es ist zwar ein bisschen wie Fahrradfahren – man verlernt es nicht -, aber man muss alles wieder spielen und verinnerlichen. Vor dieser Sommertour haben wir sogar sechs bis acht Wochen geprobt.
Trotzdem bleibt auf der Bühne viel Raum für Spontaneität. Beim Watt En Schlick haben wir uns zum Beispiel kurzfristig entschieden, auf das Intro zu verzichten. Wir hatten keinen Soundcheck und dachten: Warum nicht einfach direkt loslegen? Einer spielt ein paar Töne, wir finden gemeinsam unseren Sound und sind sofort mitten im Konzert. Einfach auf die Bühne und ab geht’s.
Wir versuchen generell, möglichst nah am Publikum zu bleiben. Oft sehen wir bei Festivals Bands, die sich mit riesigen Intros oder großen Ansagen unnötig inszenieren. Das ist nicht unser Ding. Ein Konzert sollte auf Augenhöhe stattfinden und nicht so wirken, als würde die Band von oben herab mit dem Publikum sprechen. Deshalb verzichten wir manchmal bewusst auf solche Elemente und machen es lieber etwas direkter und persönlicher. Gerade auf kleineren und familiären Festivals ist es uns wichtig, einfach nahbar und auf einer Ebene mit dem Publikum zu sein.
Ihr habt jetzt ja seit 1995 unzählige Songs geschrieben und viele Alben veröffentlicht. Habt ihr einen Song dabei, der völlig unerwartet zum Erfolg geworden ist? Der euch bis heute begleitet, in den Sets vorkommt und von den Fans gefordert wird?
Manche Songs entwickeln erst Jahre nach ihrer Veröffentlichung ein ganz eigenes Leben. Man spielt sie wieder und merkt plötzlich, wie sehr das Publikum sie feiert – obwohl das anfangs gar nicht so war. So ging es uns zum Beispiel mit „Hail To The Freaks“. Als der Song erschien, dachten wir eigentlich, das wird ein richtig großes Ding. Es war eine Single, wir haben sogar ein Video dazu gedreht. In den ersten Jahren wurde er live aber eher zurückhaltend aufgenommen. Heute ist das völlig anders: Mittlerweile feiern die Leute den Song bei Konzerten richtig.
Die neueste Single „Kommando Sunshine“ hat nach einiger Zeit mal wieder ein paar deutsche Elemente im Text. Das kommt generell vereinzelt bei euch vor – sind deutsche Texte eine Option oder bleibt ihr bei Englisch?
Grundsätzlich bleibt Englisch für uns die Sprache, in der wir uns textlich am wohlsten fühlen. Ein deutscher Text ist deshalb eher die Ausnahme. Dafür muss einfach alles zusammenpassen. Deutsch zu schreiben ist unglaublich schwierig. Es gibt Bands, die das hervorragend können, aber wir haben für uns festgestellt, dass wir nicht dazugehören. Unsere musikalischen und lyrischen Wurzeln liegen einfach stärker im englischsprachigen Raum. Deshalb fühlt sich das für uns natürlicher an. Auf unserer ersten Platte gab es noch deutlich mehr deutsche Texte. Wenn wir die heute hören, ist das allerdings eher mit einem gewissen Fremdscham verbunden. Deshalb werden deutsche Textfragmente bei uns wohl auch künftig eher die Ausnahme bleiben.
Euer letztes Album „Yours“ ist jetzt schon fast fünf Jahre alt – die größte Pause zwischen zwei Alben in eurer bisherigen Bandgeschichte. Wie sieht‘s denn aktuell aus mit eurem Songwriting?
Wir haben schon vor den Vorbereitungen auf den Festivalsommer an neuer Musik gearbeitet. Das erste Ergebnis daraus ist „Kommando Sunshine“, aber daneben gibt es noch jede Menge weiteres Material und viele Ideen, an denen wir weiterarbeiten wollen. Nach dem Sommer gönnen wir uns erst einmal Zeit zum Durchatmen. Anfang nächsten Jahres wollen wir dann wieder ins Songwriting einsteigen und schauen, welche Songs daraus entstehen.
Offen ist im Moment noch, in welcher Form wir die Musik veröffentlichen. Ein klassisches Album ist genauso denkbar wie einzelne Singles oder eine Mischung aus beidem – etwa erst mehrere Songs zu veröffentlichen und sie später als Album zusammenzufassen, auch für alle, die sich eine Vinyl wünschen. Da haben wir uns noch nicht festgelegt. Klar ist aber: Es gibt genug Material, das wir unbedingt fertigstellen möchten.
Gibt es bei euch nach so vielen Jahren als Band auf der Bühne noch ein Ziel oder einen Traum, wo ihr sagt, das würden wir gerne noch erreichen?
Jeder hat seine eigenen kleinen Träume – ich (Bernd) würde zum Beispiel wirklich gerne einmal im Berliner Olympiastadion spielen. Einfach, um sagen zu können: Das haben wir abgehakt! Viel wichtiger sind inzwischen aber die kleinen Etappen. Nach allem, was in den vergangenen Jahren passiert ist – von der Pandemie bis zu den ganz persönlichen Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt -, freuen wir uns vor allem darüber, als Band weiterhin gemeinsam Musik machen zu können. Ein neues Album, ein paar Jahre auf Tour und dann gemeinsam den nächsten Abschnitt schaffen, ohne dass jemand ausfällt oder ernsthaft krank wird – das sind heute die Ziele, die wirklich zählen.
Ende August kommt ihr als Support für die Toten Hosen wieder nach Bremen auf die Bürgerweide. Open-Air, riesige Bühne! Ihr wart in den letzten Jahren regelmäßig in Bremen – fällt euch spontan eine witzige oder kuriose Anekdote ein, die ihr mit der Stadt verbindet?
Ich (Torsten) war mal richtig voll im Tower. Aber wer nicht? Mit Bremen verbinden wir vor allem viele großartige Konzerte. Wir haben im Tower selbst gespielt, im Schlachthof, mit Seeed am Pier2 und ganz früher auch mit Such A Surge und Thumb im Viertel. An Bremen haben wir jede Menge gute Erinnerungen. Eine meiner liebsten Geschichten spielt allerdings nach einem Konzert: Thomas und ich sind große Fans von Peter Hein von Fehlfarben. Irgendwann hörten wir nach einem Konzert, dass er gerade in Bremen unterwegs sein soll. Also sind wir von Kneipe zu Kneipe gezogen, um ihn zu finden. Irgendwann waren wir allerdings so gut dabei, dass wir es gar nicht mehr wüssten, wenn wir ihn gesehen haben.
Wir haben als Musikmagazin natürlich schon viele Konzerte für nächstes Jahr im Kalender stehen, mit den ganzen Verschiebungen muss man frühzeitig planen. Welchen Tag sollten wir uns denn freihalten, wenn wir euch mal wieder auf eigener Tour in Bremen sehen wollen?
Nächstes Jahr werden wir insgesamt nur eine überschaubare Zahl an Konzerten spielen. Der Fokus liegt erst einmal darauf, die neuen Songs fertigzustellen. Sobald wir wieder eine eigene Tour ankündigen, werdet ihr das auf jeden Fall mitbekommen. Und wer weiß – vielleicht steht ja irgendwann sogar das Olympiastadion auf dem Tourplan.
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