Die Besten des Jahres 2025 – Eine chronologische Liste von Claas

Was bewegte nicht alles in diesem Jahr? Recht wenig im Grunde, wie ich bei der Zusammenstellung feststellen musste. Hier gibt es eine Liste - wie üblich / trotzdem - mit zu viel Musik für eine Top Ten. Und das Ganze in einer chronologischen Reihenfolge.

Ehe das neue Jahr musikalisch für mich begann, musste ich noch etwas aus dem vergangenen Jahr nachholen. Zwar liefen die Singles von Suki Waterhouse bereits den ganzen Sommer über in den zusammengestellten Playlisten, aber das Doppelvinyl war überall so sündhaft teuer, als es schließlich im Herbst veröffentlicht wurde, dass mein Geiz mir dauerhaft im Weg stand. Daher schaffte es „Memoir Of A Sparklemuffin“ auch nicht in die Liste von 2024. Ich habe mich dem Album schlicht entsagt und gewartet, bis ich es erschwinglich erstehe.

Eigentlich gilt ja die Regel, nur Alben aus dem sich zu Ende neigenden Jahr zu nehmen. Aber Regeln sind auch dazu da, um gebrochen zu werden. Und „Memoir Of A Sparklemuffin“ war nunmal das erste Album, welches ich in diesem Jahr gekauft habe und deshalb soll es auch in dieser Liste stehen. An dieser Stelle exemplarisch mit einer Liveversion vom Hit „My Fun“! Denn darum sollte es doch eigentlich im Leben gehen. „I Love My Fun“! Könnte ein Schlachtruf sein. Sollte ein Schlachtruf sein! Denn wer mag das nicht? Eben!

 

Insgesamt fing das Jahr musikalisch sehr gut, sehr deutsch und sehr (post-)punkig an. Im Januar veröffentlichten zunächst Turbostaat ein neues Album mit dem Titel „Alter Zorn“. An dieser Stelle also weniger Fun, mehr Ernsthaftigkeit. Das liegt mir im Grunde auch näher. Denn „es gab für alles einen Grund und schon immer fünfzig Wörter für grau!“ Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, es handelt sich, besonders beim Titelsong, um einen Kommentar zur Coronazeit, in der die Band sich ja ziemlich bedeckt gehalten hat. Aber das stimmt gar nicht, wie ich später erfahren habe. Für mich schwingt dieser Gedanke aber weiterhin immer mit. Zu schlimm war die Zeit damals, zu viel ist bei mir noch hängen geblieben und vielleicht wünsche ich mir einfach nur einen Kommentar dieser Band zu diesem Thema, weil ich das Gefühl habe, keine andere Band ist dafür besser geeignet. So oder so, „Alter Zorn“ ist (wie immer) ein gutes Turbostaat-Album und ein gutes Turbostaat-Album ist fast immer das beste Punkalbum des Jahres.

 

Wahrscheinlich hätten alleine die Veröffentlichungen im Januar gereicht, um eine Aussagekräftige Top Ten des Jahres 2025 zu schaffen. Vor allem, wenn wir beim Genre „irgendwas mit Punk“ bleiben. Nach „weiß der Teufel wie vielen Jahren“ haben EA80 ein neues Album rausgebracht. Tatsächlich herrscht auf dem Cover von „Stecker“ (nach silber und grau) nun die Farbe weiß vor. Hell geht es musikalisch bei EA80 allerdings immer noch nicht zu, wenn auch nicht mehr ganz so düster, wie in der Vergangenheit. Sollte es im Alter doch alles etwas erträglicher werden? Es wäre schöner Gedanke, der auf die Zukunft hoffen lässt.

Ähnlich wie „Alter Zorn“ ist „Stecker“ ein Album, welches ich nicht so häufig gehört habe, wie ich es sollte oder mir wünschte. Bei EA80 kommt natürlich noch die konsequente Verweigerung gegenüber Streaming (oder Interviews, oder Werbung) hinzu. Das ist erfrischend altmodisch und entschleunigend, aber scheinbar passe ich mich auch immer mehr der neuen Zeit, dem neuen Normal, an. Die Band findet es wahrscheinlich nicht mal so geil, hier aufzutauchen. Aber da müssen sie durch. Es ist außerdem ja öfter das Schicksal von Alben, die so früh im Jahr herauskommen. Spätestens wenn die Tage länger und wärmer werden, geraten sie in Vergessenheit. Aber nicht bei mir. Vielleicht ging es mir übers Jahr aber auch einfach besser und ich hatte weniger Bedarf für diese Form von verzweifelter Musik.

 

Natürlich gibt es von EA80 keine Videos. Deswegen nur der Song ohne bewegte Bilder. Wahrscheinlich ist die Band aber trotzdem dankbar, Menschen zu begegnen. Tocotronic sind es jedenfalls, wenn ihrem Text auf „Golden Years“ geglaubt werden kann. Ich schrieb meinem Freund Moritz am Morgen nach der Veröffentlichung aus dem Rewe am Ziegenmarkt nach dem dritten oder vierten Song auf dem Kopfhörer um 8 Uhr eine schlichte Nachricht: „Golden Years = Golden!“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Außerdem das Lieblingsalbum des Jüngsten bei uns zuhause.

 

Das war’s dann erstmal für eine paar Wochen mit neuer Musik. Mangels spannender Neuerscheinungen in den letzten Wintermonaten widmete ich meine Aufmerksamkeit erneut einem Album aus dem letzten Jahr, welches es vor zwölf Monaten nicht in meine Liste schaffte. Manchmal bin ich einfach nicht bereit. Vielleicht mangelt es an Zeit, mich mit der Musik zu beschäftigen, ich verstehe das Werk schlichtweg nicht oder es passt in diesem Moment nicht zu meinem Leben. Bei Taylor Swift war das der Fall. Letztes Jahr war ich für „The Tortured Poets Department“ offensichtlich nicht bereit. Ich schloss das Album sogar kategorisch aus der Liste aus. Dafür erwischte es mich dieses Jahr im Frühjahr umso mehr.

 

Regel also nochmal gebrochen. Es sei mir verziehen. Vielleicht taucht dafür nächstes Jahr das diesjährige Album „The Life Of A Showgirl“ in der Liste auf. Zumindest dieses Jahr hat das Album bei mir hier keinen Platz verdient. Dafür überstrahlte auch „The Tortured Poets Department“ das neue Werk. Zumindest so lange, bis das neue Album von Craig Finn erschien. Und wer mich kennt und diese Listen regelmäßig verfolgt, weiß was nun kommen wird. Ohne Ausnahme. Ohne Zweifel. „Always Been“ ist das Album des Jahres. Es hat die tollsten Geschichten (über einen Priester, der nicht an Gott glaubt und allerlei andere Dinge auf dem Kerbholz hat). Die tollste Musik. Und die besten Songs. Auch hier gibt es keine (richtigen) Videos. Darf ich vorstellen? „Luke und Leanna“.

 

Den ganzen Frühling und Frühsommer über lief also „Always Been“. Langsam aber sicher schlich sich aber Little Simz‘ neues Album „Lotus“ in die Rotation. Zunächst waren da nur die Singles, dann immer häufiger das ganze Album.

 

Das absolut faszinierende hieran ist, dass das Vinyl wirklich viel wärmer, echter und direkter klingt, als der Stream, der eher sauber und glatt daherkommt. Wenn es einen Beleg für die schönste Nebensache der Welt gibt, dann ist es dieses Album. Alles very british. Genauso wie Billy Nomates. „Metalhorse“ kam irgendwann im Spätsommer raus. Und so klingt das Album auch, wie ein warmer Spätsommerabend, mit ein paar lieben Menschen am Deich, Strand, Wasser, mit einem kühlen Getränk und wenig Sorgen.

 

Mit großen Schritten geht es nun auf die Zielgeraden. Das tollste an Musik ist immer noch, dass da plötzlich Bands auftauchen können, die mal eben alles auf den Kopf stellen und genau alles verdichten und auf den Punkt bringen, was an einem bestimmten Genre gemocht wird. Wasabi Riot ist das mit dem Album „Trans Rosa“ gelungen. So einfach und so genial kann Punk sein, wenn es mit Hardcore und Emo gemischt, rau produziert und direkt aufgenommen wird.

 

Das weckt Erinnerungen an längst vergessen geglaubte Bands. Aber auch noch aktive Bands sollten sich hier vielleicht nochmal oder wieder das ein oder andere abgucken.

Letztes Jahr hatte ich eine richtige Liste gemacht und Jule mit ihrer EP auf Platz drei gewählt. Im Dezember erschien nun das Album „Es ist nie zu spät für Frühstück“. Da ich es schon etwas früher hören konnte, darf es trotz des späten Veröffentlichungsdatum in dieser Liste auftauchen. Sonst müsste es vielleicht in die 2026er-Liste kommen. Und das will ja niemand.

 

Das war dieses Jahr wirklich einfach. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kaum Aktuelles gehört und sehr viel in der Vergangenheit gestöbert habe. Ich habe meine Lieblingsphase von David Bowie wieder entdeckt („Hours, Heathen, Reality“). Im Sommer hörte ich sehr viel Bright Eyes und hatte das Gefühl, es zum ersten Mal richtig zu verstehen. Und dann gab es da natürlich noch die Bruce Springsteen Box „Tracks II“ – da sind zwar ein paar tolle Sachen bei, aber ich finde auch, zurecht wurden diese Platten nie regulär veröffentlicht, weil sie mit dem richtigen Werk weder musikalisch noch textlich mithalten können. Neben der Box gab es dann noch „Nebraska ’82“ von Bruce Springsteen, begleitend zum tollen Film „Deliver Me From Nowhere“. Das kann gemacht werden, aber vielleicht hätte eine simple Doppel-LP auch gereicht. Wenn dann noch Zeit blieb, widmete ich mich diversen Seattle-Bands und damit assoziierten Klängen wie L7, Tad oder Nirvana.

Und dann noch zwei Bonus Tracks: Jedes Jahr fliegt bei mir Jason Isbell aus der Liste raus. Aber diese Alben waren bisher immer Longtime-Lieblingsplatten. Dazu gehört bestimmt auch bald „Foxes In The Snow“. Spätestens nach dem Konzert im Sommer in Hamburg.

 

Und etwas Lokalpatriotismus muss auch noch sein. Zumal ich finde, es gibt kaum eine Band, die dieses Seattle-Feeling besser in die Neuzeit überträgt, als Mantar. Insbesondere „Post Apocalyptic Depression“ speist sich von dieser Tradition. Lief nicht so oft, ich mag es ja eher nicht, angeschrien zu werden. Trotzdem gefällt mir das sehr gut. Auch das hier ist wieder sehr roh, direkt und unmittelbar.

 

Das soll es nun aber wirklich gewesen sein mit dem Jahr 2025. Ich finde, musikalisch kein besonders gutes Jahr. Oder liegt es wirklich am Älterwerden und sich – insbesondere – wiederholende Muster der Rockmusik? Es ist alles tatsächlich schonmal dagewesen. Dabei habe ich diesen Satz früher von älteren Mitmenschen gehasst. Aber irgendwie stimmt es. Das finde ich schade. Ich würde Musik gerne noch einmal so erleben wie früher, als ein Song entweder das Leben retten oder die Welt erklären konnte.

 


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