Der Samstag beim Deichbrand Festival: Nostalgie, Eskalation und 20. Geburtstag

Ein glühender Festivaltag mit den Füßen im Hier und Jetzt, dem Kopf in der Vergangenheit und dem Blick nach vorne.

Finch (Foto: jk)

Cuxhaven/Nordholz. Am dritten Tag des diesjährigen Deichbrand Festivals zeigt sich das Event von seiner allerbesten Seite – bei strahlendem Sonnenschein, ausgelassener Stimmung und einem Programm voller Energie, Emotionen und Überraschungen. Zwischen Frühsportrave, Punkrock, Indie-Nostalgie und einem spektakulären Jubiläums-Feuerwerk, wird das 20-jährige Bestehen des Festivals gebührend gefeiert.

Organisatorische Meisterleistungen in der Morgensonne

Nach einer langen Partynacht auf dem Gelände, das sich mit 13 verschiedenen Campingplätzen und mehr als 170 Hektar Fläche in eine temporäre Kleinstadt verwandelt, starten die 60.000 Besucher*innen des ausverkauften Deichbrand Festivals in den Samstag. Wer morgens die Augen öffnet, tut das irgendwo zwischen Regular Camping, Womo-Plätzen, dem gehobenen Comfort Village oder dem ruhigen Green Camping, wo neben einem Aktionsbereich auch Workshops wie Bier-Yoga und Hoop-Dance für einen sanften Start in den Tag sorgen. Derweil laufen hinter den Kulissen die logistischen Zahnräder auf Hochtouren: Über 150 Maschinen – darunter 60 Gatoren und 70 Stapler – sorgen gemeinsam mit 3.500 Mitarbeitenden für einen reibungslosen Ablauf. Allein die Zahlen beeindrucken: über 30 Kilometer Kabel, 1000 Meter Bühnenbarrikaden und rund 1400 Toiletten machen das Deichbrand zu einer organisatorischen Meisterleistung.

Um Punkt 12:00 Uhr bringt das „Frühsport Special“ erste Bewegung ins noch etwas verschlafene Infield. Auf der Water Stage reißen die Drunken Masters mit wummernden Beats das Gelände aus dem Halbschlaf. Das DJ-Duo setzt mit seinem tanzwütigen Set da an, wo Timmy Trumpet in der Nacht aufgehört hat. Sonne satt und kollektives Ausrasten – so fühlt sich Festivalmorgen an.

Nostalgischer Pop und moderner Punkrock

Das Bandprogramm startet auf der Fire Stage: Das Lumpenpack liefern nicht nur musikalisch, sondern auch textlich eine pointierte Show. Ihre energiegeladene Punkrock-Performance kombiniert Spontaneität, scharfsinnigen Humor und gesellschaftliche Tiefgründigkeit. Moshpits bilden sich, Crowdsurfer fliegen durch die Menge – das Publikum ist vom ersten Moment an wach.

Direkt im Anschluss übernehmen Montreal das Mikrofon. Das Trio, seit fast zwei Jahrzehnten in der Szene unterwegs, ist Festival-Inventar und bietet ein buntes Set aus Humor, Politik und Punkrock. Mit „Zucker für die Affen“ geht es los, gefolgt von einer Setlist, die Fans aller Phasen glücklich macht. Zwischendurch zeigen sich Jonas, Hirsch und Max Power gewohnt selbstironisch: Sie hätten zuvor Das Lumpenpack selbst gesehen, und „eigentlich sei jetzt alles schon gesagt“.

Ein Kontrastprogramm bietet danach Juli in der Juli-Sonne – könnte es passender sein? Die Band, die mit „Perfekte Welle“ einst zum Soundtrack einer ganzen Generation wurde, feiert mit dem Publikum das 20-jährige Jubiläum ihres größten Hits – und gleichzeitig das 20-jährige Bestehen des Festivals. Zwischen Retro-Vibes und modernem Pop fühlt sich der Auftritt an wie eine Zeitreise zurück in die frühen 2000er.

Wer danach auf der Suche nach etwas Lauterem ist, findet es auf der Newcomer-Bühne New Port. Dort zeigen Shoreline, dass sie zu den derzeit spannendsten Acts der jungen Punk- und Hardcore-Szene zählen. Noch vor zwei Jahren spielten sie zusammen mit FrauPaul vor weniger als 100 Menschen in Hannover – heute stehen die beiden Bands passenderweise nacheinander vor mehreren Hundert Besucher*innen und liefern mit ihrer Mischung aus Melancholie, politischer Haltung und roher Intensität eine Show, die sich irgendwo zwischen DIY-Spirit und emotionalem Hardcore verorten lässt.

Träume, Tanzflächen und Trancecore

Später am Nachmittag betreten Enter Shikari die Fire Stage. Die britischen Post-Hardcore-Musiker bringen ihren genreübergreifenden Trancecore nach Norddeutschland – mit wuchtigen Breaks, elektronischen Elementen und kritischen Texten. Das Publikum ist allerdings merklich kleiner als bei den vorherigen Acts auf den Hauptbühnen. In einem Line-Up, das dieses Jahr stark auf deutschsprachige Künstler*innen setzt, bleibt der ganz große Funke diesmal aus – auch wenn die Performance der Briten musikalisch überzeugt.

Einen tanzbaren Stimmungswechsel gibt es dann bei Jeremias auf der Water Stage. Mit neuem Album „Trust“, eleganter Bühnenästhetik und einer erweiterten Besetzung mit Käthe Johanning an den Keys liefern die fünf Musiker*innen eine Show voller Funk, Disco und jazzigen Grooves. Besonders schön sind die ruhigeren Momente: Bei „Julia“ sitzt Sänger Jeremias auf der Bühnenkante, „Grüne Augen lügen nicht“ spielt er solo am Klavier – ohne In-Ears, um das Publikum besser hören zu können. Ein Gänsehautmoment zwischen den tanzbaren Nummern.

Am frühen Abend übernehmen dann The Kooks das Kommando. Die britische Indie-Band ist ein Synonym für entspannte Festival-Vibes – Hits wie „Seaside“ oder „Junk Of The Heart“ sind kollektives Mitsingmaterial. Zwar ist wie zuvor bei Enter Shikari das Publikum etwas kleiner als erhofft, doch die Stimmung passt: Eine Stunde lang träumen, tanzen und lächeln.

Dass sich das musikalische Profil des Deichbrands in den letzten Jahren gewandelt hat, wird unmittelbar danach deutlich: Als Finch loslegt, ist das Gelände plötzlich zum Bersten gefüllt. Dorfdisco trifft auf Rap und Elektro – weniger künstlerischer Anspruch, dafür maximaler Unterhaltungswert. Die Menge feiert laut, wild und ausgelassen – das hier ist Eskalation pur.

Headliner K.I.Z und eine Jubiläumsnacht

Um 22:50 Uhr beginnt der größte Auftritt des Tages – und K.I.Z liefern wie gewohnt eine starke Show. Bereits 2023 Headliner, kehren Tarek, Nico und Maxim – trotz dessen Fußbruch und deshalb im Rollstuhl sitzend – mit brachialer Energie zurück. Vom ersten Ton an steht das Infield Kopf. K.I.Z starten mit „Frieden“ und „VIP in der Psychiatrie“, bringen die Menge mit „Filmriss“ zum Beben und liefern „Rap über Hass“ mit krachendem Rock-Outro. Alte Songs holen die Körper ab, neue Songs die Köpfe. Und mittendrin: „Sensibel“, ein ruhiges, intensives Highlight, vorgetragen als Solo-Stück.

Doch damit endet der Abend noch nicht: Nach kurzer Pause folgt ab 00:15 Uhr ein nächtliches Highlight – die große Jubiläums-Zeremonie. Ein fünfminütiger Countdown leitet das Spektakel ein, das um 00:20 Uhr beginnt. Ein emotionaler Rückblick auf 20 Jahre Deichbrand Festival, Gänsehautmomente mit Foto- und Videoshow. Ein spektakuläres Feuerwerk verwandelt den Himmel über dem Infield in ein leuchtendes Farbenmeer.

Den Abschluss des Tages übernimmt anschließend Ski Aggu. Vor einer riesigen Statue von sich selbst tobt der Berliner Rapper mit der ikonischen Skibrille über die Bühne und lässt Rap, EDM und Pop zu einer hemmungslos feierwütigen Mischung verschmelzen. Es ist nach Mitternacht, doch das Publikum scheint mehr Energie denn je zu haben.

Im nächtliche Tagesfazit zeichnen die Veranstalter*innen ein äußerst positives und zufriedenes Bild des Tages: „Der Festivalsamstag hat all unsere Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen! Unter strahlend blauem Himmel und bei sommerlichen 26 Grad hat sich das Deichbrand Festival von seiner allerschönsten Seite gezeigt.“ Weiter heißt es: „Ein Tag, der in die Geschichte eingehen wird. In einem emotionalen Moment blickten wir gemeinsam mit 60.000 Fans auf zwei Jahrzehnte Deichbrand zurück. Ein unvergesslicher Gänsehautmoment für alle.“

Von feinfühligen Pianoballaden bis zum kollektiven Abriss, vom Frühsportrave bis zum Feuerwerk: Dieser Tag hat sich eingebrannt – nicht nur in die Geschichte des Deichbrand Festivals, sondern auch in die Herzen seiner 60.000 Gäste.

Krönender Abschluss sind die ersten Bestätigungen für das Deichbrand Festival 2026: Rise Against, Beatsteaks, Sido und SDP. Der nächste Festival-Sommer rückt damit ein kleines Stück näher. Save The Date: Das nächste Deichbrand steigt vom 16. bis 19. Juli 2026. Der Vorverkauf startet am Montag, 21. Juli 2025 um 18:00 Uhr unter www.deichbrand.de/tickets.

Seht euch hier unsere Bildergalerie des Tages an:

 


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