Der Donnerstag beim Deichbrand Festival: Mehr als nur Warm-Up

Auf vier Bühnen ist das Deichbrand Festival gestern laut, bunt und ausverkauft in die Ausgabe zum 20. Geburtstag gestartet.

Blackout Problems (Foto: jk)

Cuxhaven/Nordholz. Zum 20. Geburtstag startet das Deichbrand Festival mit einem Warm-Up-Tag, der diesen Namen kaum verdient hat: Vier Bühnen, 13 Stunden Programm und ein Publikum, das schon seit Mittwoch voller Vorfreude auf dem Gelände feiert. Trotz grauem Himmel herrschte beste Stimmung – spätestens mit den ersten Live-Acts ab dem Nachmittag.

Ankommen und Durchstarten: Das Festivalgelände erwacht

Schon am Mittwoch reisten rund 30.000 Gäste an – zwar noch ohne Musikprogramm, aber das tat der Stimmung auf den Campingplätzen keinen Abbruch. Zwischen Pavillons und Dosenbier war die Party bereits im vollen Gange, als das Festival verkündete: „ausverkauft“! Zum 13. Mal in Folge sind alle Tickets weg – ein starkes Zeichen zum 20. Geburtstag des Deichbrand Festivals.

Am Donnerstag dann der offizielle Start: Der sogenannte Warm-Up-Tag bot auf vier Bühnen ein sattes 13-Stunden-Programm – musikalisch, visuell und atmosphärisch deutlich mehr als nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Zwar sorgten einige Regenschauer morgens noch für nasse Zelte und nasse Socken, doch pünktlich zum ersten Live-Act am Nachmittag hatte der Himmel ein Einsehen. Und spätestens da war klar: Das Deichbrand 2025 ist eröffnet.

New Port-Bühne: Bühne frei für Newcomer-Acts und Indie-Perlen

Erster musikalischer Stopp: die Beck’s New Port Stage direkt vor dem Eingang zum Infield. Früherer Start, neuer Partner, frische Acts. Bereits um 15 Uhr stehen Headjet aus Berlin auf der Bühne – und der Platz davor ist überraschend gut gefüllt. Nach mehr als 24 Stunden auf dem Gelände sind viele Gäste offensichtlich mehr als bereit für den ersten Gitarrenakkord. Die Band liefert mit ihrem energiegeladenen Indie-Rock einen sehr gelungenen Einstieg. Ihre Mischung aus Charme, Kraft und Verspieltheit zündet sofort: ein kleiner Moshpit, entspannte Vibes und glückliche Gesichter vor der Bühne. Die Berliner stehen noch am Anfang ihrer Reise, kündigen ihre erste eigene Tour für Dezember an – und dürften einige der heutigen Zuschauer*innen dort wiedertreffen.

Direkt im Anschluss folgt Marie Bothmer, die mit gefühlvollem, deutschsprachigem Pop überzeugt. Ihre Bühnenpräsenz ist ruhig, fast poetisch – getragen von Gitarre, Schlagzeug und ihrer wandelbaren Stimme. Zwischen emotionaler Tiefe und sonniger Leichtigkeit bringt sie das Publikum zum Träumen. Ihren Abschluss findet das 45-minütige Set natürlich in „Swimmingpool“, ihrem bekanntesten Song.

Währenddessen startet parallel das Programm bei den ElecTrees – der neuen Heimat für elektronische Musik auf dem Festival. Statt auf dem Infield steht die Elektro-Bühne nun separat in Richtung der südlichen Campingplätze zwischen Bäumen, auf Waldboden, atmosphärisch abgeschirmt und doch zentral. Der neue Floor wird direkt angenommen und gefeiert. „Besonders erfreulich war außerdem die Premiere der neu konzipierten elektronischen Bühne ElecTrees, die von Besuchenden und Acts gleichermaßen gefeiert wurde“, so die Veranstalter am Abend in einem Fazit des ersten Tages.

Zurück an der New Port Stage bringt Gwen Dolyn ab 17:15 Uhr eine etwas kantigere Note ins Programm. Die Sängerin, auch bekannt durch ihr Projekt Tränen mit Kraftklub-Gitarrist Steffen Israel, wechselt souverän zwischen NNDW-Vibes, ruhigen Momenten und expressiver Inszenierung. Zwar ist es etwas leerer vor der Bühne als bei ihren Vorgängern, doch ihr unkonventioneller Stil bleibt im Gedächtnis.

Zwischen Pop und Punk: Das Palastzelt ist eröffnet

Während sich das ab 17:00 Uhr für das Publikum geöffnete Infield langsam füllt, beginnt ab 18:00 Uhr auch das Programm im Palastzelt – heute mit insgesamt fünf Acts. Der imposante Sechsmaster bietet Platz für bis zu 10.000 Menschen – und wird am Abend mit kräftigen Gitarren, knallenden Drums und eindrucksvollen Shows zur Hochburg der lauteren Töne.

Eröffnet wird der Abend dort von DeathByRomy aus Los Angeles. Düster, bildgewaltig, theatralisch – ihre Show ist eine Mischung aus Pop, Trap und Metal, begleitet von einstudierten Bewegungsabläufen, geschnittenen Videosequenzen und einem Sound zwischen Lady Gaga und Marilyn Manson. Der oft verwendete Begriff „Love Child“ dieser beiden Größen trifft es erstaunlich gut. Die US-Amerikanerin zieht das Publikum mit dystopischem Glamour und wuchtiger Energie in ihren Bann.

Weniger düster, aber nicht minder intensiv wird es mit Malik Harris, der auf der New Port Stage ab 18:30 Uhr ein äußerst stimmungsvolles Set spielt. Umgeben von weißen Lampenschirmen, Pflanzen und einem Klavier, legt er einen Auftritt hin, der sowohl musikalisch als auch visuell überzeugt. Mit Gitarre, Loop-Station, viel Interaktion und jeder Menge Sympathie liefert er eine Solo-Show ab – und springt genau in dem Moment vom Klavier, als bei „Sticks & Stones“ weiße Konfetti-Streifen in den Himmel schießen. Trotz wenig Schlaf (am Vortag hat er noch in München gespielt, am folgenden Tag geht es wieder südlich bis nach Augsburg) merkt man ihm nichts von Erschöpfung an. Im Gegenteil: Malik Harris genießt diesen recht spontanen Slot sichtlich.

Zurück ins Palastzelt: Dort wird es bei MandelKokainSchnaps erstmals richtig voll. Die vierköpfige Band tritt mit einem Mix aus Pop-Rock, Punk und gesellschaftlichen Statements auf. Frauenpower, Geschlechterrollen und Träume stehen im Fokus. Zu kritisieren ist lediglich etwas zu viel Show und Interaktion – ein langes Cover-Medley mit dem Drummer am Gesang, daran anschließend ein Crowdsurfing-Wettrennen und Techno-Pogo im Publikum machen in der Mitte mehr als 15 Minuten des einstündigen Sets aus.

Der Abend gehört dem Rock und den DJ-Klängen

Spätestens ab 21 Uhr übernehmen die Gitarren endgültig die Kontrolle über das Palastzelt. Den Anfang machen From Fall To Spring, eine sechsköpfige Post-Hardcore/Nu-Metal-Band. Ihre Show: druckvoll, intensiv, emotional. Zwei Sänger, Screams, Rap-Passagen, dazu krachende Gitarrenwände. Das erinnert an einen Mix aus Bring Me The Horizon und Linkin Park – der folgerichtige Cover-Song „In The End“ ist ein Highlight, das den kompletten Zeltboden vibrieren lässt. Die Band kündigt auf der Bühne ihr neues Album für September an und geht anschließend auf große Europa-Tour.

Draußen geht es derweil mit Beauty & The Beats auf der Fire Stage los. Die erste DJ-Performance des Festivals wird begleitet von einer Licht-, Nebel- und Feuershow – der Platz vor der Bühne wird zur riesigen Tanzfläche. Es ist wild und euphorisch. Und ein weiteres Indiz dafür, dass der Warm-Up-Tag seinem Namen nicht gerecht wird: Hier wird nicht aufgewärmt, hier wird gefeiert. Bei Bunt sieht das später am Abend nicht anders aus – der DJ, Produzent und Multiinstrumentalist feiert ein beeindruckendes, tanzwütiges Deichbrand-Debüt.

Zurück im Palastzelt toben sich Blackout Problems aus – eine Band, die DIY-Attitüde mit Energie und Haltung verbindet. Sänger Mario springt früh ins Publikum, ein Saxophon-Solo vom Bassisten Marcus auf den Keys überrascht, politische Botschaften und musikalische Vielfalt prägen das Set. Eine der besten Shows des Tages – nicht wegen Glanz und Glamour, sondern wegen Herz und Haltung.

Den lautstarken Abschluss des Tages liefern schließlich Stick To Your Guns aus Kalifornien. Mit einem der härtesten Sounds im diesjährigen Line-Up bringen sie ab Mitternacht noch einmal das Palastzelt zum Beben: Hardcore, Metalcore, Breakdowns und pure Energie. Wer jetzt noch steht, hat entweder sehr gute Schuhe oder einfach sehr viel Liebe für diese Musikrichtung.

 


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