Öffentlicher Nahverkehr – Thea Mengeler, Wallstein 2026
Eine Frau, ein virales Video und die Flucht in den öffentlichen Nahverkehr. Thea Mengeler erzählt von Scham, Selbstbestimmung und der Suche nach dem eigenen Weg. Ein kluger Roman über Frauen, Männer und die Hoffnung, wieder vertrauen zu können.

Müsste ich Öffentlicher Nahverkehr von Thea Mengeler mit einem Song beschreiben, würde ich sagen: Das Buch besteht zu gleichen Teilen aus Jules „Alles wie immer“ und Nichtseattles „Frau sein“. Der erste Song von Jules EP Im Regio weinen beschreibt einen Verlust, den auch Mengelers Heldin erfahren hat. Auf ihren täglichen Busfahrten sinniert die Protagonistin darüber, was es bedeutet, eine Frau in dieser und der Online-Welt zu sein. Ständig unter Beobachtung, Kommentaren und Erwartungen ausgesetzt. Erwartungen, die meist von Männern kommen.
Die Heldin ist eine erfolgreiche Influencerin, bis ihr Exfreund ein explizites Video von ihr ins Netz stellt. Von Scham geplagt, zieht sie in eine andere Stadt, deaktiviert ihren Account und fährt von nun an jeden Tag Bus, um sich abzulenken. Dabei begegnen ihr immer wieder Menschen, in deren Leben sie sich hineinversetzt. Zu jeder Person fantasiert sie sich eine Lebensgeschichte aus. Doch immer wieder kehrt sie zu ihrem eigenen Schmerz zurück. Die Kapitel sind allesamt sehr kurzgehalten. Genau die richtige Länge zwischen zwei Haltestellen.
Für die Heldin – und auch für die Autorin – wäre es einfach, Männer zu hassen und zur Männerhasserin zu werden. Doch sie entscheidet sich dagegen. Sie möchte vertrauen. Sie möchte sich wieder verlieben und sich fallen lassen. Auch in die Arme eines Mannes. Aber nur zu gleichen Bedingungen. Sie möchte sich nicht schämen und nicht länger die Erwartungen anderer erfüllen, sondern die eigenen. Das macht Öffentlicher Nahverkehr gleichermaßen zu einem Buch für Männer und Frauen.
Frauen lernen, dass sie sich nicht schämen müssen. Im Gegenteil: Die Scham muss die Seite wechseln. Denn selbst andere Frauen und sogar die eigene Mutter verfallen häufig dem Muster, männliches Fehlverhalten zu entschuldigen oder zu relativieren. Männer hingegen erfahren, wie sie sich gegenüber Frauen in der realen und virtuellen Welt verhalten sollten. Was leider immer noch nötig zu sein scheint.
Die Busfahrten werden dabei zu einem Zwischenraum. Die Heldin beobachtet, denkt nach, erfindet Geschichten und setzt sich gleichzeitig mit der eigenen auseinander. Nach und nach gelingt es ihr, nicht mehr nur auf das Geschehene zu schauen, sondern auch darauf, wie sie selbst weiterleben möchte. Der öffentliche Nahverkehr wird so zu einem Ort der Bewegung – und zu einem Sinnbild für ihre persönliche Entwicklung.
Thea Mengeler hat mit Öffentlicher Nahverkehr ein tolles Buch geschrieben, das unterhält und zugleich Haltung zeigt. Sie zeichnet eine Heldin, die mit ihrem Leben, den Männern und zufälligen Begegnungen hadert, aber ihren Glauben an das Gute nie verliert. Am Ende ist sie gestärkt und selbstbewusst genug, sich nicht länger zu verstecken und zu sich selbst zu finden.
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