Von menschlicher Achtung und konstruktiven Chancen – Sportfreunde Stiller im Interview
Die Sportfreunde Stiller feiern drei Jahrzehnte Bandgeschichte und spielen mit ihrem neuen Album „Happy Birthday!“ im Oktober im ausverkauften Pier2.

Bremen. Am 12. Juni haben die Sportfreunde Stiller ihr neues Studioalbum „Happy Birthday!“ veröffentlicht und sind damit zum neunten Mal in Folge in die oberen Reihen der Albumcharts eingestiegen. 1996 haben sie in einem Proberaum erstmals gemeinsam musiziert und sich seitdem zu einer festen Größe der deutschsprachigen Pop- und Rockmusik entwickelt. Drei Jahrzehnte Bandgeschichte stehen für einen kontinuierlichen Weg von kleinen Kellerkonzerten zu ausverkauften Hallen. Zehn Alben, mehrere EPs, ein MTV Unplugged, Gold- und Platinauszeichnungen sowie zahlreiche Tourneen im In- und Ausland markieren die Stationen dieser Entwicklung. Ihr Konzert am 24. Oktober im Bremer Pier2 ist bereits ausverkauft. Schlagzeuger Flo Weber hat uns rund um Release und Jubiläum einige Fragen beantwortet.
Happy Birthday! 30 Jahre – wo wurden Kronkorken gefegt?
Auf Tour mit Crew und Konzertgänger*innen. Von den Bühnen dieser Welt regnete es Schampus-Deckel. Und in unseren Herzen. Kronkorken aus Stolz und Dankbarkeit. PLOPP den ganzen Sommer durch!!!
Eure Platte zum 30-jährigen Bandjubiläum ist am 12. Juni erschienen. Inwiefern seht ihr das Album als gezielte Standortbestimmung nach drei Jahrzehnten und war der Titel von Anfang an gesetzt?
Die Musik ist die aktuelle Essenz der Sportfreunde. So wird gefühlt, gedacht, gefiebert und lässig gefedert. Der Titel war schnell gesetzt, allerdings aus einer Bierlaune auf dem Oktoberfest entworfen. Nichtsdestotrotz bemerkten wir Tage später, dass das Album am Geburtstag unseres Managerkumpels Marc veröffentlicht wird. So fügt sich eine Schnapsidee zur Genialität, denn wir feiern auch unser 30igstes Bandjahr gerne und ausgiebig.
Was knackt und ruckelt mit 30 Jahren heute bei einer Albumproduktion, was früher leichter von der Hand ging, und was ist mit viel Erfahrung besser und schneller umgesetzt?
Die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Produzenten ist aufgrund jahrelangen Austausches sowohl direkter als auch intensiver. Das Vertrauen tief und deswegen der Kreativvorgang erstmal offener. Aber alle Beteiligten wissen am Ende, wenn das Optimum eines Songs erreicht ist. Bei aller Power, die aus unsere Bodies strömt, vielleicht schlafen wir aber ein wenig länger als vor 30 Jahren. Und öfter.
Wie und wo ist euer Album entstanden, welche Orte, Räume und Setups waren für „Happy Birthday!“ entscheidend?
Entscheidend waren unsere Herzen. Dort formten und bildeten wir unsere Ideen, die dann in Wien und Hamburg eingespielt wurden. Mit Elan und Freude an der Neugier. Zwei Lieder entstanden in Spanien. Der Rest auf der Privatcouch und im Proberaum. Wichtig sind eher die Menschen, die mit den Liedern arbeiten, also in erster Linie wir drei als Band. Und dann kommt die Produktions-Gang dazu. In Wien Tobi und Herwig. In Hamburg Oli und Dave. Fett!
Das Album wirkt oft hymnisch und gemeinschaftlich, bricht aber stellenweise in ruhigere oder rauere Momente auf: Wie habt ihr diese Balance in Produktion und Arrangement gefunden und welche Rolle spielt euer Produzent Tobias Kuhn dabei?
Wie oben erklärt, wir haben in zwei Studios aufgenommen. Wichtig war diesmal das sofortige Commitment mit einer Songidee. Es sollte ziemlich schnell alle drei Musiker überzeugen, dann gingen wir damit zu den Menschen, denen wir im Aufnahmemodus vertrauen. Im Studio passieren dann noch zusätzlich magische Dinge. Von unerwarteten Kreativparts bis Schnapsattacken.
„Immer noch hier“ eröffnet das Album, „Vergiss mir die Zukunft nicht“ schließt es ab, beides passt zur Geburtstagsthematik. Wann ist diese Klammer eurer Erzählung im Albumprozess entstanden?
Die Entstehung der Songs war der jeweiligen neuralgischen Idee geschuldet, keiner Übersicht. Während „Immer noch hier“ den Blick nach hinten setzt und das huldigt, was man geschafft hat und immer noch schaffen darf, richtet „Vergiss mir die Zukunft nicht“ den Blick klar nach vorne. Auf die Menschen, die nach uns kommen. Also reißen wir uns bitte einmal zusammen und verschandeln diesen Planeten nicht aus purer Raffgier. Let‘s do it for the kids.
Wenn ihr die inhaltliche Kernthese des Albums in einem Satz formulieren müsstet: Worum geht es auf „Happy Birthday!“?
Um die menschliche Achtung und die konstruktiven Chancen, die wir nutzen sollen in unserer Gesellschaft.
Ihr spielt von Mai bis Oktober zahlreiche Konzerte in ganz Deutschland, Schweiz und Österreich. Welche neuen Songs funktionieren live jetzt schon am stärksten und wo überrascht euch die Reaktion des Publikums am meisten?
Bei „Wir laden uns auf“ gehen alle Arme hoch. Das Lied ist saulocker, die Ohohoh-Parts funktionieren sofort und die die Leute schmeißen sich in diese Akku-Aufforderung rein. Aber ehrlich gesagt, zuckt es bei jedem neuen Lied ganz gut. „Hey Buddies“ verbindet uns sofort mit dem Publikum, „Ti amo, Italiano“ ist schon ein kleiner Sommerhit und bei „Keine Blumen ohne Regen“ bildeten sich schon kleine Jump-Pits. Das freut uns sehr.
Wenn ihr heute auf 30 Jahre Sportfreunde Stiller schaut: Auf welchen Moment seid ihr besonders stolz und welchen würdet ihr im Rückblick anders anpacken?
Klingt total esoterisch, aber jeder Moment, ob ein Hoch oder ein Tief, formt die Band und uns als Menschen zu dem, was wir gerade sind und haben. Wie langweilig wäre nur ein Weg nach oben. Die ersten Jahre waren Lehrjahre der Bodenständigkeit, die Highlights lernen einen das Feiern. Und die Bestätigung das Dasein als Band. Also bitte weiter so. Die Punches werden pariert oder eingesteckt. Die erhobenen Gläser werden gefüllt. That‘s Sportfreunde-Life.
Was wünscht ihr euch für das neue Bandjahrzehnt?
Die Wahrung der aktuellen Sicht auf uns und auf das Schaffen der Band. Und dass wir weiterhin Menschen begeistern, inspirieren und sensibilisieren können.
In Bremen habt ihr über die Jahre zahlreiche Konzerte gespielt, ist euch ein Erlebnis oder eine Geschichte besonders im Kopf geblieben?
Beim Konzert im Modernes musste Peter ein Lied abbrechen und im Publikum zwei Streithähne schlichten. Es gab Unstimmigkeiten bezüglich Tanzraumeinnahme und konzentriertem Zusehen. Nachdem Peter wieder auf die Bühne kam, fragte ich: „Streit schlichten können?“ Peter trocken: „Nein.“ Hängt sich die Gitarre um und weiter geht die Sause. Also: Man muss nicht immer gleicher Meinung sein… solange man dann friedlich zu den Sportfreunden tanzt (ohne wen zu bedrängen) und singt (ohne wen in seinem Ausdrucksverlangen einzuschränken). Diese Erkenntnis ging ein als: Der Weser-Diskurs.
Am 24. Oktober treten die Sportfreunde Stiller in Bremen im Pier2 auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft.
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