W-3 von Bette Howland, btb 2026

Ein Aufenthalt in der Psychiatrie, erzählt mit nüchterner Klarheit und ohne Pathos: W-3 von Bette Howland macht den Klinikalltag sichtbar – und zeigt, wie viel Menschlichkeit darin steckt.

Bette Howland, geboren 1937 in Chicago als Tochter jüdischer Einwanderer, ist heute fast vergessen. Dabei umfasst ihr Werk immerhin drei Romane. Der btb Verlag beginnt nun (hoffentlich), diese Texte wieder zugänglich zu machen – ein längst überfälliger Schritt.

Ihr Debüt W-3 basiert auf einer eigenen Erfahrung: Nach einem Suizidversuch wird Howland in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Titel verweist auf die Station, auf der sie untergebracht war. Schon die ersten dreißig Seiten, die die Ankunft in der Klinik schildern, gehören zu den eindringlichsten, die ich seit Langem gelesen habe. Dass das englische Original den Untertitel A Memoir trägt, überrascht dabei kaum – vieles wirkt unmittelbar, fast schon dokumentarisch.

Nach diesem starken Einstieg verschiebt sich der Fokus. Die Erzählerin tritt einen Schritt zurück und beobachtet. Sie beschreibt Mitpatientinnen, Ärztinnen und Pflegerinnen, erzählt von kleinen Konflikten, Gruppendynamiken und dem Alltag auf der Station. Der Ton bleibt dabei auffallend nüchtern und distanziert. Gerade diese Zurückhaltung macht viele Szenen so wirkungsvoll.

Eine klassische Handlung gibt es kaum. Stattdessen erzählt W-3 von Selbstbehauptung. Schreiben wird für Howland zu einem Mittel, um mit sich selbst, ihren Erwartungen und ihrem Leben als Frau in den frühen 1970er-Jahren zurechtzukommen. Persönliches bleibt dabei oft angedeutet: kurze, fast trotzig wirkende Sätze, die plötzlich aufblitzen – etwa der Hinweis auf einen hervorragenden Collegeabschluss, der sie dennoch nicht vor der Krise bewahrt hat.

Trotz seines schweren Themas liest sich das Buch erstaunlich leicht. Es überfordert selten und vermeidet konsequent jede Form von Kitsch oder Pathos. Lediglich die Vielzahl an Figuren kann gelegentlich unübersichtlich werden.

Bemerkenswert ist auch, wie früh Howland ein Thema behandelt, das heute aktueller denn je ist. Bereits 1974 erschienen, wirkt W-3 wie ein bewusster Versuch, psychische Erkrankungen zu entmystifizieren. Die Klinik erscheint nicht als Ort des Wahnsinns, sondern als Raum mit eigenen Routinen und Regeln. Im Zentrum stehen keine Diagnosen, sondern Menschen – widersprüchlich, verletzlich, manchmal anstrengend, aber immer ernst zu nehmen.

Gerade deshalb überzeugt das Buch bis heute: Howland verzichtet auf einfache Antworten und moralische Botschaften. Vieles bleibt offen. Und genau darin liegt seine Stärke.


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