Schläge – Lidia Yuknavitch, btb 2026
Der Erzählband „Schläge“ erzählt von Schicksalen am Rande der Existenz.

Lidia Yuknavitch zählt zu den markantesten weiblichen Stimmen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Mit ihren Romanen, Kurzgeschichten und dem gefeierten Memoir „In Wasser geschrieben“ hat sie sich einen Namen gemacht – und auch der Erzählband „Schläge“ hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Die mal kurzen, mal etwas längeren Geschichten werden schnörkellos erzählt – wie Schläge, deren Sätze sich auf das Wesentliche beschränken. Ein Haus ist in der Beschreibung ein Haus, ein Wein ist ein Wein, und der Tod ist der Tod. Überflüssige Metaphern oder literarische Zierde im Stile einer Literaturhaus-Literatur mit möglichst vielen Adjektiven sind in „Schläge“ nicht zu finden. Stattdessen richtet sich der Fokus auf Beobachtungen und darauf, wie diese das Innere der Figuren prägen.
Gleichzeitig ist das Körperliche von zentraler Bedeutung. Yuknavitchs Figuren tragen ihre Geschichten auf und in sich: geschundene, verletzte, kaputte Körper. Da ist der Einäugige, der langsam begreift, dass ihn sein Mann verlassen hat, oder der verprügelte Junge, der bald als Organlager dienen soll. Diese Bilder sind schwer auszuhalten, aber genau darin liegt ihre Wucht.
„Schläge“ erzählt von einem modernen Amerika, oft aus der Perspektive von Eingewanderten oder Menschen am Rand der Gesellschaft. Es sind Figuren, die sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten oder nur knapp an der Illegalität vorbeischrammen. Besonders auffällig sind die Frauen in diesen Geschichten: hart, widerstandsfähig, manchmal brutal – Frauen, die austeilen können, Schläge einstecken oder beides zugleich. Männer bleiben häufig Randfiguren oder treten als Täter auf, nur selten stehen sie auf der „guten“ Seite. Manchmal allerdings doch, zum Beispiel, wenn sie sich wie eine Frau kleiden und schminken, um anschließend auszugehen.
Thematisch scheut Yuknavitch nichts: homosexuelle Liebe, (Kinder-)Prostitution, Organhandel, Verlassenwerden, Krieg und Flucht. Und dennoch gibt es inmitten all der Härte auch Hoffnung, Momente von Glück und das tastende Suchen nach Identität. Ein Boxer erholt sich von einem Schlaganfall, ein Hausmeister baut aus dem Müll eines Planetariums Miniaturstädte, eine junge Frau hat Sex mit Gefängnisinsassen – in dem auch ihr Bruder wegen einer unbedachten Tat einsitzt. Das alles klingt extrem, ist es auch, und bleibt dennoch merkwürdig nah an der Realität.
Natürlich handelt es sich (vermutlich) um literarische Fiktion. Aber es gibt diese Menschen und Schicksale da draußen. Es mag für manche Lesende hart oder gar abstoßend wirken, aber genau das will „Schläge“ erreichen: aufrütteln, aufwühlen, verstören. Es sind keine leichten Erzählungen, und beim Lesen wird sicherlich das eine oder andere Mal geschluckt werden müssen. Gerade das macht dieses Buch so faszinierend.
Lidia Yuknavitch „Schläge“ ist bei btb als Taschenbuch erschienen und kostet 14 EUR.
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