Alben des Jahres 2024 – von Marcel

Ein persönlicher Rückblick auf die neu erschienenen Studioalben der vergangenen zwölf Monate - von Headlinern, bis Newcomern, mit Platzierungen.

Bremen. In Zeiten von auf Algorithmen ausgelegten Singles und Playlisten gibt es zum Glück weiterhin zahlreiche Künstler*innen, die ihre Fans auf Albumlänge überzeugen – wer das schafft, hat schon vieles richtig gemacht. 2024 gab es einige Neuerscheinungen, die man von Anfang bis Ende immer und immer wieder hören will. Im Rückblick auf die besten Erscheinungen und Neuheiten der letzten zwölf Monate, sind zu viele starke Alben für eine Top-10 erschienen. Um euch an meiner Lieblingsmusik teilhaben zu lassen und einige Tipps zu präsentieren, gibt es deshalb wie schon in den letzten drei Jahren die Top-20-Alben des Jahres. Wie gewohnt findet ihr hier zu jeder Platte ein wenig Text und ein Musikvideo. Viel Spaß beim Lesen, Hören und Entdecken!

20. Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys – Kult

Der selbsternannte „Schlagerpapst“ Roy Bianco, Hauptsongwriter „Die Abbrunzati Boys“ und ihre Band haben sich in drei Festivalsommern an die Spitze des Indie-Mainstreams gespielt und sind nun „Kult“. Wer sich auf das amüsante Universum einlässt und sich den Spaß gönnt, erlebt Urlaubsfeeling mit Italo-Schlager und herrliche Unterhaltung. Auch die „Live-Messen“ verkaufen große Hallen aus und sind ein Erlebnis wert. Prost, Aperol!

19. Leoniden – Sophisticated Sad Songs

Die Kieler Indie-Rock-Senkrechtstarker legen bereits ihr viertes Studioalbum vor. Abwechslungsreich, kompakt und mit hohem Energielevel gibt es in bester Leoniden-Manier fette Ohrwürmen im hymnenhaften Gewand – zackig-tanzbare Strophen, mehrstimmige Gesänge und eingängige Refrains, die nur dazu einladen, sich in den nächsten Pit vor der Bühne zu werfen.

18. Enno Bunger – Der beste Verlierer

Offenherzig und nahbar spricht Enno Bunger auf „Der beste Verlierer“ über seine Gefühle und Gedanken. Mit Klavier, Synthies und Gitarre erzeugt der gebürtige Ostfriese Melancholie und schöne Popmomente, singt mit weicher Stimme über Persönliches wie die eigenen seelischen Erkrankungen sowie über politische und gesellschaftliche Themen. Das ist aufrichtig und geht zu Herzen.

17. Antilopen Gang – Alles muss repariert werden

Ein Doppelalbum zum 15-jährigen Bandjubiläum! Koljah, Panik Panzer und Danger Dan reihen zehn Rap-Songs an zwölf Punk-Stücke, doch auch Klaviermomente stehen dem Düsseldorfer Trio. Zwischen Weltpolitik und privaten Schicksalen, Verzweiflung, Resignation und ein wenig Optimismus, rappen die drei zunächst wortgewandt und bildreich. Im zweiten Teil dagegen gibt es Deutschpunk im Antilopen-Stil – laut und rotzig, sprachfertig und kurzweilig.

16. Bring Me The Horizon – POST HUMAN: NeX Gen

Anfang des Jahres kannte ich die Band nur vom Namen und das kommende Album hatte ich so gar nicht auf dem Zettel, aber der überragende Hurricane-Auftritt hat mich Fan werden lassen. Die Briten lassen Genregrenzen zwischen Metal, Post-Hardcore, Alternative-Rock und Pop-Elementen verschwimmen. Härteste Screams reihen sich an Stadion-Hooks, an elektronischen Wendungen wird nicht gespart. Das ganze Album hat extrem viele überraschende Momente, ist enorm facettenreich und macht einfach nur Spaß.

15. Dead Poet Society – Fission

Das US-amerikanische Quartett präsentiert auf seinem zweiten Album modernen Alternative-Rock mit kraftvollen Riffs und Bässen, geschmackvollen Melodien und umwerfenden Sound. Wuchtige, groovige und vielschichtige Klänge, die eine Gratwanderung aus musikalischem Härtegrad und eingängigen, gut zugänglichen Songs meistern.

14. Kid Kapichi – There Goes The Neighbourhood

Auf schmalem Grat zwischen Härte und Tanzbarkeit sind auch die Working Class-Punks Kid Kapichi von der englischen Südküste unterwegs. Mit hör- und spürbaren Wurzeln in Post-Punk, bringen sie mit lässiger Selbstverständlichkeit Elemente aus Hip-Hop, Indie oder sogar elektronischen Musikrichtungen in ihre Musik ein. Bissige Gitarren treffen auf tanzbare Drumbeats, die Texte sind dabei explizit politisch und regierungskritisch – Prostestsongs zum Feiern!

13. Orla Gartland – Everybody Needs A Hero

Die 29-jährige Singer-Songwriterin aus Irland legt selbstbewusst und mit eigenem Label völlig selbstbestimmt ein zweites Album mit klarer Pop-Vision vor, auf dem sich zwölf starke, eingängige und vor allem detailverliebte Songs finden. Von akustischem Folk-Pop, über Funk-Referenzen hin zu Emo-Rock-Gitarrenwänden, epischen Ausbrüchen und Garage-Punk-Energie – beeindruckend, welch breite Klaviatur hier abgedeckt wird.

12. Klan – Das Ende der Welt

Die Brüder Stefan und Michael Heinrich beenden ihre beeindruckende künstlerische Reise als Band mit einem Album, das – nicht nur aufgrund der Titels – vielfach nach Abschied klingt und ihren Fans nochmal einige Indie-Pop-Songs mit intelligenten Texten, gesunder Selbstironie, politischem Bewusstsein und vor allem ganz viel Herz schenkt. Sänger Michael wird nach absolviertem Medizinstudium künftig als Arzt arbeiten, Gitarrist Michael wird fortan neue Musik für verschiedene Künstler*innen schreiben und produzieren und sicher auch auf der ein oder anderen Bühne zu sehen sein.

11. Die Nerven – Wir waren hier

Es ist schlichtweg beeindruckend, welch enormen Output das Stuttgarter Trio Die Nerven bei gleichbleibend hoher Qualität hinlegt. Ihr bereits sechstes Studioalbum ist getränkt von Angst, Wut und Ohnmacht und so gnadenlos, energisch und intensiv, dass beim Hören die Luft wegbleibt und die Worte fehlen. Selbst Texte über die arrogante Selbstabschaffung der Menschheit verpacken Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn noch in melodische Killerrefrains.

10. Havington – Troubled Heart

Das Bremer Indie-Folk-Trio hat nach vielen Singleauskopplungen im Oktober das Debütalbum „Troubled Heart“ herausgebracht und darauf ein junges Lebensgefühl zwischen Euphorie und Melancholie eingefangen. Harmonische Gitarren, atmosphärische Synthie-Klänge, energiegeladene Rhythmen und verträumte, mehrstimmige Vocals laden zum Tanzen und Nachdenken ein. Völlig zurecht findet ihre Musik längst in ganz Deutschland statt und läuft obendrein regelmäßig im Radio – es sei ihnen von Herzen gegönnt.

9. Tyna – PNK

Zufällig beim Deichbrand entdeckt und seitdem omnipräsent in den Streamingdiensten: Die Hamburger Band Tyna verbindet auf ihrem Debütalbum wilden Punkrock mit NDW, sie liefern eingängige Pop-Hooks um krachenden Gitarrensound – enorm viel Energie und eigenständiger Sound nah am Zeitgeist. Die Texte von Sängerin Tina behandeln mit Rückgrat Themen wie Empowerment, mentale Gesundheit oder Rassismus.

8. K.I.Z – Görlitzer Park

Eines der überraschendsten Alben des Jahres kam vom Berliner Hip-Hop-Trio K.I.Z zu Beginn des Sommers. „Görlitzer Park“ ist ein biographisches, politisches, durchdachtes Konzeptalbum. Die sonst sehr zynischen Texte sind häufig ernsten Kommentaren gewichen, provokant und streitbar bleiben sie selbstverständlich dennoch. Die Platte gibt inhaltlich viel her und bietet eine ungeschönte Sozialstudie des Aufwachsens und Lebens von Tarek, Maxim und Nico in der deutschen Hauptstadt.

7. Blackout Problems – RIOT

Spätestens mit dem 2021er-Werk „Dark“ hat das Münchener Alternative-Rock-Quartett seine Nische vollends gefunden und setzt folgerichtig auch beim Nachfolger „Riot“ vielfach auf tanzbare Elektro-Einflüsse, die ihrer Musik einen unverkennbaren Stil geben. Explosiver Rock-Sound trifft düstere Synthesizer, die Songs laden trotz ungewöhnlicher Strukturen zu Bewegung ein. Live haben sich Blackout Problems nicht zuletzt dank der irren und völlig unbändigen Energie von Sänger Mario Radetzky zu einem der stärksten Acts des Landes entwickelt – falls sie demnächst wieder auf Tour gehen, dringende Empfehlung!

6. Kapelle Petra – Hamm

Gleich zu Beginn des Jahres haben Kapelle Petra ihr neuntes Album nach ihrer Heimatstadt benannt, von der die meisten nur den Bahnhof kennen. Nach 28 Jahren als Band legen sie ein reifes, realitätsnahes, nostalgisches Werk vor, lassen den Klamauk früherer Tage hinter sich, singen dennoch mit direkter, lockerer Wortwahl. Zwischen Indie-Rock und Popmusik steckt in „Hamm“ aber vor allem eines: ganz viel Herzblut einer Band, die in jeder Sekunde liebt, was sie tut. Und das hört man!

5. Mine – Baum

Die 38-jährige Sängerin strebt schon immer nach Perfektion – auf ihren Aufnahmen wie bei ihren nachhaltig in Erinnerung bleibenden Konzerten. Auch „Baum“ ist ein durchdachtes Kunstwerk, mit feiner Feder geht es textlich tiefgehend um Untersicherheiten, Schmerz, Trauer und Neuanfänge. Musikalisch bekommen ihre Hörer*innen in besonderer Instrumentierung vielfältigen Pop geboten, der markante Einflüsse aus Folk, Jazz, Hip-Hop und sogar elektronische Elemente gekonnt und abwechslungsreich unterbringt.

4. Kettcar – Gute Laune ungerecht verteilt

Lange haben sich die Hamburger Zeit gelassen für den Nachfolger ihres 2017er-Meisterwerks „Ich vs. Wir“. Selbst die anschließende EP hat im Mai fünften Geburtstag gefeiert. Fünf Jahre nicht gesungen? Nicht ganz, schon 2022 standen sie wieder auf der Bühne und jetzt sind sie eben wieder voll da – und wie! „Gute Laune ungerecht verteilt“ besticht durch aufwühlende Songs, textlich wie musikalisch, im kleinen persönlichen wie im großen politischen Rahmen. Haltung mit Raffinesse – endlich ein Album voll Qualität an der Spitze der Albumcharts, eine Premiere für ihr Plattenlabel Grand Hotel van Cleef.

3. Linkin Park – From Zero

Die Überraschung des Jahres! Sieben Jahre nach dem Tod von Frontmann Chester Bennington kehren die US-amerikanischen Musiklegenden mit Emily Armstrong am Gesang zurück. Keineswegs ein Ersatz oder Reset, sondern ein neues Kapitel in großer Würdigung der Verdienste von Linkin Park mit Chester bis 2017. Die Stimme der Kalifornierin passt perfekt zum Stil der Nu-Metal/Alternative-Rock-Gruppe, musikalisch ist das Album am ehesten an der früheren, raueren Schaffenphase der Band von etwa 2000 bis 2007 orientiert. Sie holen ganz klar die alte Zielgruppe ab, aber auch Zugang zu neuen Fans scheinen sie schnell gefunden zu haben. Die Nachfrage nach ihrer Stadion-Welttournee war jedenfalls gigantisch.

2. Giant Rooks – How Have You Been?

Vier Jahre nach ihrem Debütalbum, legt die international längst höchst erfolgreiche, immer noch junge Band aus Hamm ihr Nachfolgewerk vor. Die Indie-Pop-Chartstürmer reihen auf „How Have You Been?“ hochwertig produzierte, sehr eingängige Stücke aneinander – da waren pure Perfektionisten am Werk. Selbst in den USA begeistert die charismatische Gruppe inzwischen Massen mit ihrem unverkennbaren Giant-Rooks-Stil. Elegantes Songwriting und feine Arrangements wachsen zu unwiderstehlichen Pop-Hymnen. Entgegen schnelllebiger Trends setzt die Gruppe auf komplexe Songstrukturen und textliche Tiefe. Selten waren große, aber auch intime Pop-Momente so nah beieinander.

1. Sperling – Menschen wie mir verzeiht man die Welt oder hasst sie

Den Preis für den Albumtitel des Jahres hätten Sperling auch völlig unabhängig von der musikalischen Qualität verdient, doch auch diese ist auf dem zweiten Album der Post-Hardcore/Indie-Rock-Gruppe absolut überragend. Selten war ich mir bei einem „Album des Jahres“ so sicher, keine Band habe ich dieses Jahr mehr gehört, kaum einen Act häufiger live gesehen. Die vier Jungs schreiben unglaublich dringliche, emotionale und berührende Songs. Ganz persönliche, ergreifende Texte zu packender, kraftvoller Musik. Schonungslos, ehrlich, schwer und facettenreich – das geht ganz tief unter die Haut. Was für ein unfassbar berührendes, intensives Album! Vielen Dank dafür!

In der Vorschau auf die bisher bekannten Veröffentlichungen des Jahres 2025 gibt es bereits eine ganze Reihe an vielversprechenden Alben und neuer Musik. Mit Herrenmagazin und Heisskalt bringen gleich zwei Lieblingsbands nach mehreren Jahren Bandpause schon im ersten Quartal neue Alben heraus, mit denen sie im Laufe des Jahres beide auf Tour fahren. Auch auf die Releases von Raum27, Turbostaat und Tocotronic freue ich mich und bin sehr gespannt. Wer lieber englischsprachige Gitarrenmusik mag, könnte mit den neuen Platten von Sam Fender, The Wombats oder Somebody’s Child glücklich werden.

 


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