„Schwan“ auf dem Plattenteller
Turbostaat begeistern auf Tour zum 25-jährigen Bandjubiläum mit einer Full-Album-Show im Kulturzentrum Schlachthof.

Bremen. 25 Jahre Turbostaat! Dieses besondere Jubiläum muss selbst die bodenständigste, von Understatement und nordfriesischer Nüchternheit geprägteste Band unbedingt feiern. Turbostaat, nach von Krise und Krankheit geprägten Jahren – persönlich wie gesellschaftlich – sind sie zum Zelebrieren des Vierteljahrhunderts zurück auf großer Tour – in Originalbesetzung, versteht sich. Selbstverständlich ist das beileibe nicht. Turbostaat war aber immer ein Kollektiv, ein zur Lebensgemeinschaft gewachsenes Bandprojekt, völlig undenkbar ohne jeden einzelnen der Fünf.
Zum 25-jährigen Jubiläum spielen sie alle sieben Studioalben, das Live-Album und das kommende Album in je einer Stadt am Stück. Mehr als 80 verschiedene Songs, mehr als 80 einstudierte Stücke mit anspruchsvollen, komplizierten Texten, teilweise zwei Jahrzehnte lang nicht vorgetragen. Neun besondere Abende an besonderen Orten, in Bremen spielen sie endlich im Kulturzentrum Schlachthof, nachdem sie es sich so lange vorgenommen hatten. Die Fans haben die Ehre, das zweite Album „Schwan“ aus 2003 am Stück zu hören. Und Turbostaat sind schlichtweg sprachlos vom Anblick der Menschen, von der Atmosphäre des Clubs, der Ekstase, der Energie.
Support gibt es von Fluppe, einer fünfköpfigen Hamburger Rockband – mehr im Post-Punk und weniger im Punkrock verortet. Einige kennen die Gruppe, können die Texte mitsingen, sie sind nicht das erste Mal in Bremen. Gerade im Kontrast zu Turbostaat könnten sie aber in Bühnenpräsenz und Ansagen noch mehr Energie legen und würden dadurch noch mehr Durchdringungskraft gewinnen. Optisch sieht es auf beiden Seiten der Bühne eher nach norddeutscher Zurückhaltung aus – und das ist auch völlig okay. Nach neun dargebotenen Stücken wird der ein oder andere den beiden Studioalben des Quintetts sicher nochmal ein Ohr schenken.
Selten war der eröffnende Track so klar vorhersehbar, wie heute. Die Full-Album-Show zu „Schwan“ wird natürlich eingeleitet mit dem ersten Song des 2003er-Albums: „M – eine Stadt sucht ihren Mörder“. Mit seinem einleitenden Countdown wäre er sogar ganz unabhängig vom heutigen Set ein passender Opener. Mit wilder Kraft und Energie werfen sich Turbostaat in den Auftritt, sofort bilden sich riesige Moshpits und erste Crowdsurfer schweben durch den Innenraum. Die Energie fließt direkt von der Bühne in die Menge und prallt von dort angesichts des Clubaufbaus sehenden Auges zurück – es ist keine Grenze zwischen Band und Publikum zu sehen oder zu spüren. Durch die steilen Ränge kann die Band jedem in die Augen sehen. Was ist hier los? Pure Freude, Begeisterung und Stimmung sind aus allen Winkeln zu spüren – und am allergrößten auf der Bühne.
Turbostaat waren nie Fans von großen Worten – und sind dies auch heute nicht. Die ersten sechs Songs von „Schwan“ spielen sie kommentarlos am Stück durch, erste Sätze außerhalb der Songtexte sprechen sie erst nach 20 Minuten. Warum, wird schnell klar. Die A-Seite ist gespielt, jetzt muss die Platte umgedreht werden. Ein Konzert wie direkt vom Plattenteller über die Boxen in die Menge gedröhnt – in besonderer Kulisse vor nahezu ausverkauftem Haus. Die zweite Hälfte, erneut sechs Songs, gibt es ebenfalls am Stück ohne Unterbrechungen.
Früher wär’s das jetzt gewesen. Zu Zeiten, in denen sie Anfang der 2000er ihren ersten Bremen-Gig in der Friesenstraße spielten. 40 Minuten und niemand hätte sich damals beschwert. Das geht heute natürlich nicht mehr – zum Glück! Turbostaat bleiben in der anfänglichen Zeit ihres Schaffens und präsentieren im Anschluss an „Schwan“ noch fünf Songs ihres Debütalbums „Flamingo“ aus 2001, das sie am Vorabend in Lübeck in Gänze gespielt hatten.
Im letzten Zugabenblock bringen sie anschließend mit „Harm Rochel“, „Am Ende einer Reise“ und „Insel“ noch drei Fanlieblinge mit – allesamt von dritten Studioalbum „Vormann Leiss“ aus 2007. Neuere Stücke gibt es am heutigen Abend nicht zu hören. Kein „Abalonia“, kein „Tut es doch weh“, nichts vom neuen Album „Alter Zorn“. Was im Bremer Schlachthof auf die Bühne kommt, ist volljährig oder auf dem besten Weg dahin. Kein Song ist jünger als 17 Jahre und kein Song wird hier heute vermisst. Mit Ticketkauf war jedem das Konzept klar, die Band wird lautstark gefeiert. Mit ekstatischem Mitgröhlen „Husum, verdammt“ und Fäusten in der Luft endet ein Konzert von wahnsinniger Wucht und Intensität.
Eine schöne Randnotiz: Als das Publikum ganz am Ende jubelt und tobt, setzt sich Bassist Tobert Knopp auf den Boden, lehnt an seinem kühlschrankgroßen Amp, schließt die Augen, genießt die Atmosphäre und saugt sie einfach auf. Wohlwissend, welch besonderen Auftritt sie gerade erleben durften und wie hart und steinig der Wert dahin war.
Seht euch hier unsere Konzertfotos an:
Mehr Beiträge aus" Musik" zur Startseite



