Nicht nur subjektiv

Von brachialer Stärke: Van Holzen waren für ihr bisher größtes und längstes Bremen-Konzert im Tower Musikclub zu Gast.

Van Holzen

Bremen. Es ist inzwischen zu einer schönen Tradition geworden. Etwa alle zwei Jahre tritt das Alternative-Rock-Trio Van Holzen im Tower Musikclub auf. Am vergangenen Samstag war es nach drei eigenen Shows sowie einem Support-Gig für Blackout Problems bereits das fünfte Konzert an Ort und Stelle. Nach drei veröffentlichten Studioalben und zuletzt fünf einzelnen Singles, wächst das Publikum Jahr für Jahr – für Stammgäste eine schön zu beobachtende Tatsache und für die Band ein mehr als verdienter Fakt.

Ich vergesse hier kurz mal die redaktionelle Objektivität. Denn wenn ich über Van Holzen schreibe, dann über eine Band, die mich seit acht Jahren begleitet, die ich mehrfach interviewen durfte und zu der ich ein fast schon freundschaftliches Verhältnis pflege. Mit gekauften Tickets bin ich allein in den letzten zwei Jahren zu Konzerten nach Hannover, Münster und Oldenburg gefahren, habe sie auf Festivals getroffen und ihre Alben rauf und runter gehört. Dieses Konzert im Tower ist bereits der elfte Live-Auftritt, den ich von Van Holzen erleben darf. Warum bleibt man einer Band so kontinuierlich treu?

Neben der veröffentlichten Musik liegt das vor allem an der unglaublichen Intensität ihrer Konzerte. Van Holzen sind live extrem spielstark und mitreißend, liefern krachenden Alternative-Rock, bei dem klarer, ausdrucksstarker Gesang auf lauten und kompromisslosen Sound trifft. Sie sind heavy und tanzbar zugleich, beeindruckend ist die Kraft, mit der sie ihre harten Bretter auf die Bühne bringen. Und natürlich sind es ihre reifen, ehrlichen, aus jungem Blickwinkel geschriebenen Texte, die sich einbrennen.

Van Holzen zeichnen in ihren Songs mal persönliche, mal abstraktere Skizzen vom grauen Leben, davon, wie bedrückend es sein kann, als junger Mensch in dieser komplizierten Welt aufzuwachsen. Da kooperieren Pessimismus und dystopisches Gedankengut. „Stich für Stich“ ist so ein aktuelles Beispiel – der Song, der schon auf der letzten Tour im Mai gespielt wurde und auf dessen Release im Juni ich lange hingefiebert habe. Darauf verbinden sie Pop-Appeal mit atmosphärischem Alternative-Rock und liefern einen brennenden Ohrwurm, stehen inhaltlich aber kurz vor der großen Kapitulation. Der Song dreht sich um Distanz zu sich selbst, Isolation und Halt durch eine nahestehende Person, die dabei hilft, den Kopf oben zu behalten.

Ihr Set im Tower starten Van Holzen mit dem unveröffentlichten Song „Ein neues Programm“ – ein kleines Experiment, bevor Sänger und Gitarrist Florian Kiesling, Bassist Jonas Schramm und Schlagzeuger Daniel Kotitschke sich durch ihre drei Studioalben und die neuen Singles spielen. Sie versprechen eine extra lange Setliste und halten sich daran – ganze 23 Songs werden sie am Ende des Abends gespielt haben. Der Auftritt ist so stimmig und kompakt, dass einzelne Highlights schwer auszumachen sind. Die Stimmung ist bei den wilden und brachialen „Herr der Welt“ und „Schlafen“ sicher auf einem Höhepunkt. Genauso intensiv sind aber auch ruhige Stücke wie „s/w“ und natürlich „Nagel“ – ein tiefgründiger Song übers Zuhören in engen Freundschaften. Die Spielfreude, der Spaß und der besondere Zusammenhalt des Trios sind ohnehin zu jedem Zeitpunkt spürbar – abgerundet von einer ganz stimmigen und untermalenden Lichtshow inklusiver dreier Lampen über den Köpfen der Musiker.

Eine Überraschung ist der Gastauftritt von Mia Morgan beim gemeinsamen Song „Virtuell“ – die Musikerin ist im November selber hier im Tower aufgetreten und im ersten Tourblock extra für diese drei Minuten mit dabei – obendrein aber auch sehr gut mit der Vorband Lyschko befreundet. Die vierköpfige Gruppe zwischen New Wave und Post-Punk soll natürlich nicht unerwähnt bleiben. Schemenhaft stehen sie vorab im dichten, bunten Nebel und sind mit düsterer Musik ohne große Ansagen eine passende Einstimmung auf den Abend.

Van Holzen spielen im Anschluss ihr bisher größtes Konzert im Tower Musikclub. Jedes Mal sind ein paar mehr Leute da, als beim Auftritt zuvor. Bleiben sie ihrem 2-Jahres-Rhythmus treu, ist das Konzert in zwei oder spätestens in vier Jahren dann endlich mal ausverkauft. So oder so – die stetig wachsende Zahl an Besucher*innen ist inmitten all der Subjektivität ein ganz objektiv messbarer Fakt, dass Konzerte von Van Holzen etwas an sich haben, das man immer und immer wieder erleben möchte.

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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