Kunst, Kissenschlacht und Katzenbolognese

Olli Schulz ist mit seinem Nummer-Eins-Album und Lampe als Vorband im ausverkauften Pier2 aufgetreten.

Olli Schulz und Band

Bremen. Im Februar hat Olli Schulz mit „Vom Rand der Zeit“ sein bisher wohl ernsthaftestes und reifstes Album herausgebracht. Zwischen Melancholie und Hoffnung ist seine erste Nummer-Eins-Platte ein Werk über Erwachsensein und -werden, übers Ankommen, über stetige Veränderungen im Leben gespickt mit der richtigen Prise Zeitgeist. Im lange ausverkauften Pier2 hat er mit hervorragender Band ein Konzert mit viel Musik, einigen Geschichten und etwas Klamauk gespielt.

Persönlich sagt Olli Schulz seinen Support-Act Tilman Claas alias Lampe an. Er ist nicht nur das personifizierte Vorprogramm, sondern später auch Backliner während der Show von Olli Schulz & Band. Solo mit Gitarre gehört ihm die Bühne für eine halbe Stunde ganz alleine, er legt mit dem entschleunigenden „Heute fang ich an“ los. Einige im Publikum kennen ihn schon von früheren Auftritten oder auch von der Tour mit Madsen, sein Auftritt ist humorvoll und kurzweilig mit ins Ohr gehenden Songs. Er erntet viele Lacher der Besucher*innen, ist unterhaltsam wie der spätere Hauptact und auch der Redefluss ist vergleichbar. Für dieses Jahr kündigt Lampe noch ein Album und eine Tour an – vielleicht wird ihn diese ja erneut nach Bremen führen.

21 Jahre nach seinem Debütalbum und einem Auftritt vor etwa 30 zahlenden Gästen im Tower, spielt Olli Schulz heute sein bisher größtes Konzert in Bremen. Viele kennen den 50-jährigen Sänger aus seinen TV-Ausflügen, seine Kernkompetenz lag aber immer auf der Bühne. Er berichtet, in der Medienszene als „schwieriger Typ“ zu gelten, da man ihm seine Launen ansehe und ihm die Professionalität beispielsweise seines Podcast-Partners Jan Böhmermann fehle. Im Hauptberuf gehöre er eben nicht vor die Kamera, sondern auf die Konzertbühne. Dort schlägt das Herz des Entertainers und Sympathieträgers, der neben seiner musikalischen Einfälle auch ein brillanter Geschichtenerzähler ist.

Textlich ist er oft ein Nostalgiker, ein Romantiker. Er denkt zurück an stundenlanges Stöbern in Hamburger Plattenläden, an Musik als zeitlose Kunst ohne die Schnelllebigkeit in Zeiten von Streaming. Mit „Als Musik noch richtig groß war“ hat er seine Gedanken bereits 2015 festgehalten, der Song darf auf der Seitliste ebenso wenig fehlen wie das neue Stück „So schreibt man seinen Song“, das im gleichen Setting spielt. Er spricht über Bedeutung von Musik, ganz egal über welches Medium sie gehört wird – er selber habe in den fünf Jahrzehnten seines Lebens so ziemlich jedes Genre von Punk bis Jazz phasenweise für sich entdeckt.

Seine ersten drei Album hat Olli Schulz gemeinsam mit seiner Ein-Mann-Band Der Hund Marie veröffentlicht. Dahinter steckt sein früherer Hamburger Nachbar und Freund Max Schröder, der sich später auch Tomte und der Höchsten Eisenbahn anschloss und auch auf der laufenden Tour an der Gitarre Teil der Liveband von Olli Schulz ist. Neben den beiden stehen Isa Poppensieker (Bass), Arne Augustin (Keys) und Ben Lauber (Drums) mit auf der Bühne. Mit viel Melancholie spricht Olli Schulz über das Leben als stetigen Prozess, in dem es immer Veränderungen gibt und in dem man sich immer neu erfindet. Den passenden Albumtitel „Bessere Version“ präsentiert er live ebenso wie „Stadtfest in Bonn“ über ein ausgebranntes Schlagerpärchen – im Original mit Ina Müller, heute spontan mit Besucherin Alexandra.

Einen kurzen, klamaukigen Ausflug gönnt er sich und seinem Publikum beim Song über „Kommissar Ärmchen“, einer fiktiven Kinderserie über eine Polizeikrake unter Wasser, zu der mit vier Kostümen über die Bühne getanzt wird. Die verrückteste Story des Abends ist gar nicht weit weg von Bremen entstanden. Anfang der 2000er hat Olli Schulz über ein Jahr bei der exzentrischen Malerin I.C. Kraemer mit vielen Tieren in einem Waldstück bei Uthlede gewohnt. Damals hatte sie per Anzeige einen Aussteiger gesucht und Olli Schulz sich angeschlossen, da er in Hamburg nach gescheiterter Beziehung und entfremdeten Freundschaften kein Glück mehr gefunden hat. Von Zeit zu Zeit kochte sie eine Bolognese und irgendwann fiel dem stets für den Einkauf zuständigen Mieter auf, dass er nie Hackfleisch mitgebracht hat. Dies sei angeblich noch eingefroren gewesen, dennoch nahm die Anzahl der Katzen auf dem Hof langsam, aber stetig ab. Eine wilde, nie ganz aufgeklärte Geschichte, die überleitet zum Song „Der Moment“ von seinem 2003 erschienenen Debütalbum. Das Album hat er zu jener Zeit geschrieben, und als die Malerin nach dem 11. September 2001 einen Hang zu Verschwörungstheorien entwickelte, packte Olli Schulz seine Sachen, zog zurück nach Hamburg und wurde schließlich als Musiker bekannt.

Auf vielfachen Wunsch spielt Olli Schulz zu Beginn der Zugabe solo das Stück „Koks & Nutten“, obwohl ihm die fünf Strophen emotional wirklich schwerfallen. Es geht darum, wie viel im Leben dazwischenkommen kann – er spielt es für alle, die trotz ihres Talents im Showgeschäft unter die Räder gekommen sind und auch für seine alten Freunde und besonders seinen 1999 verstorbenen besten Freund. Zum Ende wird es nochmal ausgelassen, als zu „Die Ankunft der Marsianer“ eine große Kissenschlacht im Pier2 angezettelt wird, die für viel Heiterkeit sorgt, ehe das Set musikalisch stark mit „Wenn es gut ist“ endet.

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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