„Ein Album zu schreiben heißt immer, sich neu zu erfinden“

Am Freitag erscheint mit „Liebe auf Eis“ das neue Album von Il Civetto, mit dem sie am 24. April im Bremer Schlachthof auftreten. Vor Release haben wir mit Sänger Leon Keiditsch telefoniert.

Foto: André Beiler

Bremen. Die Berliner Band Il Civetto schreibt Lieder, die ihre Hörer*innen ins warme Licht eines südfranzösischen Sonnenuntergangs oder in das milde Gold eines großstädtischen Spätsommerabends versetzen. Universeller Pop-Sound mit Folk- und Balkan-Einflüssen und bewegende Lyrics, die Sehnsuchtsbilder schaffen und zum Träumen einladen. Nach dem letzten Album „Späti del Sol“ aus 2022 bringt die fünfköpfige Gruppe am 15. März ihr neues Album „Liebe auf Eis“ heraus. Über die neue Musik haben wir mit Sänger Leon Keiditsch gesprochen.

Am Freitag erscheint euer neues, viertes Album „Liebe auf Eis“ – wie fühlt ihr euch so kurz vor Veröffentlichung?

Wir haben so lange an diesem Album gearbeitet und es steckt so viel Herzblut drin, es muss jetzt einfach rauskommen. Wir können es kaum erwarten, bis endlich Freitag ist. Am meisten freue ich mich persönlich aber auf unsere Tour ab April. An den neuen Songs haben wir so lange gesessen und es steckt so viel Persönliches drin – wenn sich Leute dies zu eigen machen und auf Konzerten ihre eigenen Gefühle im Mitsingen mit uns teilen, ist es ein ganz besonderes Erlebnis und das Belohnende am Musikerdasein.

Wann habt ihr die Arbeit an dem Album begonnen – direkt nach „Späti del Sol“, schon währenddessen oder gab’s erstmal eine Pause?

Nachdem wir „Späti del Sol“ im Mai 2022 veröffentlicht haben und damit auf Tour gegangen sind, hatten wir Lust, ein neues Album zu schreiben. Wir hatten das Gefühl, unseren Sound gefunden zu haben und den Dreh auch mit dem Switch auf die deutsche Sprache einfach rauszuhaben. So ein Album wollten wir nochmal machen – haben aber sehr schnell gemerkt, dass es nicht funktioniert. Ein Album zu schreiben heißt immer, sich neu zu erfinden, einen neuen Sound zu finden, Veränderungen zuzulassen und vor allen Dingen sich selber mit zu verändern.

Wann ging es dann schließlich wirklich los?

Wir haben im Januar 2023 begonnen, in diesen tiefen Prozess einzusteigen. Wir hatten sehr schöne Sessions, vor allem im Hansa Studio in Berlin. Dort haben wir auch „Späti del Sol“ schon teilweise aufgenommen, damals noch mit einer großen Ehrfurcht vor diesem Haus. Es ist einfach beeindruckend, im Foyer die großen Bilder von David Bowie zu sehen – wenn man all die legendären Namen kennt, die dort schon aufgenommen haben, ist man schnell eingeschüchtert. Diesmal kannten wir alles schon, haben uns ausgebreitet, sind auf Socken rumgelaufen und haben ganz viel ausprobiert und experimentiert. Auf dem neuen Album ist zu hören, wie wir uns selber neu gefunden und eine neue musikalische Welt erschaffen haben.

Wie habt ihr das Album geschrieben, in einzelnen Songwriting-Sessions oder in kontinuierlichen Proben?

Wir haben jetzt ziemlich genau ein Jahr lang fast ununterbrochen daran gearbeitet. Zwischendurch gab es eine sehr ausgedehnte Sommertour, bei der wir auch zweimal in Bremen waren – einmal im Irgendwo und einmal beim Open Campus an der Uni. Beides waren sehr geile Konzerte, die ich als sehr bewegend in Erinnerung habe. Die Albumproduktion selber lief in drei Sessions ab, in denen wir uns ins Studio eingemietet und unsere Songs aufgenommen haben. Dort sind sie gereift, während wir sie vorher über längere Zeit bei uns im kleinen Proberaum entwickelt und geschrieben haben. Zwischendurch sind wir durch Krisen gegangen und haben krasse Abende gelebt. Wir haben ganz intensiv daran gearbeitet und uns abgerieben. Am Ende ist es ein bisschen, wie jetzt ein kleines Baby in die Welt zu setzen.

In einem Ankündigungstext wird „Liebe auf Eis“ benannt als das zweite Album der neuen Il-Civetto-Zeitrechnung. Magst du kurz erklären, was nach Veröffentlichung des regulär zweiten Albums „Facing The Wall“ 2019 passiert ist?

Vielleicht setze ich dafür einmal ganz früh an. Wir haben uns 2010 bei einer spontanen Jam-Session in der U-Bahn gegründet, als uns jemand gefragt hat, ob wir eine Band sind und auf seiner Party spielen wollen. Plötzlich waren wir wirklich eine Band und haben ganz viel auf privaten Partys und in Berliner Technoclubs gespielt. Wir haben Songs auf Französisch, Portugiesisch, Spanisch und in Fantasiesprachen geschrieben und uns auf Reisen ganz viel von Musik und Menschen inspirieren lassen. In dieser Zeit sind unter anderem auch zwei Alben entstanden.

Danach ging es los mit der „neuen Zeitrechnung“?

Etwa 2020 haben wir gemerkt, dass es sich extrem gut anfühlt, in unserer Muttersprache zu schreiben, weil wir viel zu sagen haben und viel ausdrücken möchten und es sich auf Deutsch sehr leicht und natürlich angefühlt hat. Für uns ist damit eine neue Zeitrechnung angebrochen, auch weil uns zu dieser Zeit viele Menschen neu entdeckt haben. Wir haben auf größeren Bühnen gespielt, was mit Musik in Fantasiesprache nicht möglich gewesen wäre. Wir haben trotzdem das Gefühl, dass es uns sowohl auf „Späti del Sol“ als auch auf „Liebe auf Eis“ gelungen ist, das Nicht-Deutsche, das Unterwegs-Sein, dieses Spontane und Kreative – das alles auch in deutscher Sprache darzustellen und zu fühlen.

Wovon handelt euer neues Album „Liebe auf Eis“ thematisch?

Das Album hat ganz viele Facetten. Einerseits gibt es warme, lebensbejahende Songs wie den Titelsong „Liebe auf Eis“ oder „Alles was ich hab“, die einen kleinen Tupfen Utopie in eine Welt malen, die in eine Dystopie abzurutschen scheint. Andererseits gibt es natürlich auch Songs, die sich ganz stark mit der Welt und politischen Themen auseinandersetzen. Wir haben einen Klimawandel, der politisch ignoriert wird. Es gibt ganz schreckliche Kriege auf der Welt. Wir haben eine AfD, die immer mehr Zuspruch bekommt und eine Politik, die dem nichts entgegenzusetzen hat, außer die Asylgesetze zu verschärfen und Seenotrettung zu kriminalisieren. Sich mit dieser schrecklichen Realität auseinanderzusetzen, hat auf dem Album zwei verschiedene Seiten. Zum einen eine ganz melancholische, weltschmerzliche Seite, zum anderen aber auch das Motto „Lasst uns nicht die Hoffnung verlieren, lasst uns auf die Straße gehen und die Welt verändern“. Diese Facetten gibt es – und zusätzlich noch eine neue, sehr persönliche Seite mit Songs wie „Fragen“, „Für immer wach“ oder auch unserer Single „Boys Do Cry“, in der ich ganz viele biografische Erlebnisse wie den Tod meines Vaters, mein Aufwachsen in einer männerdominierten Gesellschaft, mein Unbehagen mit Geschlechtsidentität und dem Patriarchat, verarbeitet habe. Die Frage „Wann hast du das letzte Mal geweint?“ ist eine ganz zentrale Aussage von „Boys Do Cry“. Solche Themen werden auf „Liebe auf Eis“ auch behandelt. Insgesamt fasst das den Kern gut zusammen.

Mit eurem vierten Album wird euch die bisher größte Aufmerksamkeit zuteil. Spürt ihr einen anderen Druck beim Songwriting und bei den Aufnahmen, oder konntet ihr euch davon frei machen?

Gute Songs entstehen, wenn man dabei gar nicht an die Zuhörer*innen denkt, sondern ganz ehrlich und tief in sich selber gräbt. Zuerst ganz persönlich und dann mit dem Rest der Band. Wenn man Songs schreibt, die für ein Publikum gedacht sind, entstehen meiner Meinung nach keine ehrlichen Songs. Für uns ist es etwas unglaublich Schönes, ein großes Publikum zu haben und so viele Menschen zu erreichen. Für den Prozess der Albumproduktion sollte das aber keine Rolle spielen.

In eurer Instagram-Bio bezeichnet ihr euch als „Sommerband“ – wie hart waren die letzten Monate für euch?

Der Titel „Sommerband“ ist mit einem kleinen Augenzwinkern versehen. Nach außen sieht vieles von uns nach super guter Laune aus, was teilweise natürlich auch stimmt. Es übersieht aber, dass wir facettenreicher sind und auch sehr melancholische Songs haben. Berliner Winter sind natürlich hart, die Sonne ist selten zu sehen. Aber jetzt geht es ja in den Frühling und damit kommt unser neues Album.

Ihr habt mehrere Sessions mit anderen Künstler*innen wie Mola, ok.danke.tschüss, Trille, Enno Bunger und zuletzt auch mit Raum27 aufgenommen. Was passiert in den Sessions und wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Die Idee für die Wohnzimmer-Sessions, die bei unserem Saxophonisten Lars zu Hause stattfinden, ist relativ spontan entstanden. Wir hatten Lust, uns mit anderen Musiker*innen zu treffen und gemeinsam Musik zu machen. Die Pflanzen aus den Videos sind unser echtes Bühnendesign auf Tour – viele davon sind Plastikpflanzen, auch wenn ich jetzt vielleicht so manche Illusion zerstöre. Für mich persönlich sind die Sessions ein großes Geschenk, weil wir die Gelegenheit haben, viele verschiedene Musiker*innen intensiv kennenzulernen. Sonst sieht man sich eher oberflächlich auf Festivals, trinkt vielleicht mal ein Bier zusammen, aber ist doch viel in der eigenen Crew unterwegs. Zusammen Musik zu machen bedeutet, in eine andere Welt einzutauchen, das ist etwas ganz Besonderes. Alle haben andere Perspektiven auf Musik – für manche geht es nur um die Texte, für andere sind zweite Stimmen oder Bewegungsabläufe total wichtig. Es gibt ganz große Unterschiede und dabei ist es extrem schön zu sehen, dass alle trotzdem ähnliche Themen haben. Es gibt viel, was uns zusammenschweißt.

In Bremen habt ihr zweimal in den Pusdorf Studios, beim Open Campus und zuletzt im Irgendwo gespielt, jetzt wurde euer Konzert in den Schlachthof hochverlegt. Welche Erinnerungen habt ihr an die letzten Konzerte und was verbindet ihr mit der Stadt?

Ich verbinde mit Bremen genau das Gegenteil der ja oft erwähnten „nordischen Kühle“ – eine ganz besondere Herzlichkeit, mit der wir jedes Mal von Veranstaltern und vom Publikum empfangen wurden. In Bremen haben uns die KulturKraken als Veranstalter genau dieses Gefühl gegeben. Alleine in Bremen haben wir so eine Reise hinter uns, von kleinen Läden bis zur jetzt größten Show im Schlachthof. Auf so einer großen Bühne stehen zu können, macht uns sehr glücklich.

Am 24. April treten Il Civetto mit ihrem neuen Album im Bremer Kulturzentrum Schlachthof auf. Tickets für das Konzert gibt es im Vorverkauf.

 


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