Der Samstag beim Hurriane Festival: Ein Song reicht (nicht), Duo-Action und Secret-Gig

Twenty One Pilots überragen als Headliner, Papa Roach und Natasha Bedingfield katapultieren die Besucher*innen zurück in die 2000er und Leoniden übernehmen in einer Umbaupause die Wild Coast Stage.

Foto: Jörg Kröger

Scheeßel. Am längsten Tag des Hurricane Festivals und gleichzeitig fast längsten Tag des Jahres gab es gestern 14 Stunden lang Musik aus verschiedenen Stilrichtungen auf vier Bühnen. Bei teilweise extremer Hitze und knallender Sonne, gibt es über 30 Auftritte von nationalen Newcomern bis zu internationalen Headlinern zu erleben. Nachdem die Sonnenstrahlen und Gitarrenklänge jede Menge Glücksgefühle freisetzen, mündet der Tag abends in schöne und spektakuläre Headliner-Auftritte. Unser Tag im Live-Blog von Malte Löhmann und Marcel Kloth.

12:30 Uhr: Als erster Act auf der River Stage spielt heute die junge Newcomer-Rockband Latin Greek. Den bisher größten Auftritt ihrer Bandgeschichte meistern sie motiviert mit Coolness und Lockerheit. Mit frischen, modernen Indie-Klängen und Vintage-Vibes klingt die fünfköpfige Band gleichzeitig nostalgisch und frisch. Eine ganz stimmungsvolle, angenehme halbe Stunde, der Platz vor der Bühne wird im Laufe des Sets ebenfalls immer voller, die Leute klatschen und tanzen mit – die erste Reihe steht ohnehin geschlossen, die wartet in der Mittagshitze nämlich schon auf Headliner Florence + The Machine am späten Abend.

13:30 Uhr: Namentlich nah dran und auch musikalisch nicht weit weg von der heutigen Headlinerin sind Florence Road als zweiter Act des Tages auf der River Stage. Die vierköpfige Indie- und Alternative-Rock-Gruppe aus Irland liefert ein energisches Set ab. Dringliche und treibende Drums, melancholische Gitarren und ausdrucksstarke Vocals sind das Fundament für Songs, die im Laufe der Dreiviertelstunde ihre ganze Kraft entfalten. Ein tanzbarer wie nachdenklicher Auftritt, der Kraft schenkt und Akkus auflädt.

13:30 Uhr: Zu früher Stunde ist es leider noch nicht allzu voll vor der Wild Coast Stage im Zelt. Doch der Performance der hier nun auftretenden Indie-Rockband Picture Parlour tut das keinen Abbruch. Frontfrau Katherine Parlour singt jeden Song inbrünstig und die Gitarrenriffs von Ella Risi sorgen ein ums andere Mal für Gänsehaut. Statt der eigentlich angekündigten 45 Minuten ist nach einer halben Stunde Schluss, die es dafür aber in sich hatte. Energetisch und musikalisch bis hierhin einer der stärksten Auftritte des Wochenendes.

14:15 Uhr: Bei Destroy Boys wird schon früh am Tag der Staub vor der Forest Stage aufgewirbelt. Gitarristin Violet lässt sich von einer Knöchelverletzung nicht aufhalten und nimmt, an Krücken gehend, für ein paar Songs den Platz von Sängerin Alexia ein, die sich gleich zu Beginn des Auftritts mit einem Statement gegen die politischen Zustände in ihrer Heimat, der USA, positioniert und zudem schnell klar macht, dass Übergriffigkeit bei Konzerten ihrer Band nicht geduldet wird.

15:30 Uhr: Wer All Time Low als One-Hit-Wonder abgestempelt hat, wird nun vor der Forest Stage eines besseren belehrt. Es folgen 60 Minuten sehr eingängiger Pop-Punk, die aber natürlich in dem Nummer-1-Hit „Dear Maria, Count Me In“ münden müssen. Gitarrist Jack kann aufgrund einer Armverletzung nicht dabei sein, wird aber gebührend vertreten. Ihm widmet Sänger Alex den Song „Lost In Stereo“, der Jack zufolge eigentlich aus der Setlist gestrichen gehöre, da zu häufig gespielt. Glücklicherweise hat Alex sich aber durchgesetzt.

16:00 Uhr: Auch 22 Jahre nach der bekanntesten Single „Unwritten“ von Natasha Bedingfield erfährt der Song ungebrochenen Zuspruch, nur zuletzt auch durch TikTok bei Leuten, die zum Release noch gar nicht geboren waren. Auch wenn dieser Song maßgeblich dafür verantwortlich sein dürfte, dass der Platz in der knallenden Nachmittagssonne rappelvoll ist, wäre es falsch, die britische Sängerin und ihre Band nur darauf zu reduzieren. Was hier eine Stunde lang geboten wird, ist feiner Pop-Rock mit sehr souligem Einschlag, gesanglich wie musikalisch stark. Erneut ein Konzert an diesem Wochenende mit großem Nostalgie-Faktor mit Musik, die Erinnerungen weckt. Auch Songs wie „Soulmate“ und „These Words“ und können die meisten Zuschauer*innen mitsingen. Sogar „Zombie“ findet seinen Weg ins Set – nach „Linger“ von Royel Otis gestern schon das zweite Cranberries-Cover an diesem Wochenende. „Unwritten“ ist dann schließlich wie erwartet das große Finale des Sets.

17:45 Uhr: Nachdem 2023 pünktlich zum Kaffkiez-Start mit „Himmelblau“ der stärkste Regen der letzten Jahre vom Himmel kam, passt der heutige Opener „Die Sonne scheint“ sehr viel besser zu den Witterungsbedingungen. Bei strahlendem Sonnenschein dauert es nur wenige Takte, bis der ganze Platz springt. Vor dem Set haben sie etliche Schals verteilt, die beim dritten Song kollektiv als Ventilatoren eingesetzt werden. Pianist Johannes Gottwald wagt sich zu „Mitte 20“ sogar mitten ins Publikum. Ebenso nah an ihren Fans waren sie schon vormittags für ein Konzert auf dem Campingplatz. Die Indie-Pop-Band aus Bayern schafft insgesamt entspannte, schöne, gute Unterhaltung, eine lockere, leichte Stunde.

18:45 Uhr: Achtung, Secret Gig! Leoniden haben kürzlich ihre neue Single „I Still Feel“ samt sehenswertem Musikvideo veröffentlicht sowie Album und Tour angekündigt. In der Umbaupause in der Wild Coast Stage stehen sie erst sehr kurzfristig bekanntgegeben auf einer kleiner Bühne mittig am FOH. Rumgesprochen hat es sich aber! Das Zelt ist voll, die Stimmung schwitzig-intensiv, positiv aufgeheizt. Die fünfköpfige Band spielt ein halbstündiges Power-Set, ein Best-Of und die neue Single. Gitarrist Lennart geht mit seinem Instrument crowdsurfen, überall springen die Fans. Zum abschließenden „L.O.V.E“ bildet sich ein riesiger Circle Pit einmal um den gesamten FOH durch das ganze Zelt. Ein intensives Special, das in Erinnerung bleibt!

18:45 Uhr: Perfekter Slot für Nothing But Thieves! Am frühen Abend auf der Hauptbühne hören und sehen Zehntausende die britischen Alternative-Rocker. Einigermaßen regelmäßig sind sie auf dem Hurricane zu Gast, dieser Auftritt ist der mit Abstand größte. Absolut beeindruckend, wie perfekt Sänger Conor Mason alle Tonhöhen bedient und trifft, während die Band um ihn herum ein astreines Rock-Set abliefert. Die neue Single „Evolution“ vom kommenden Album kehrt nach dem sehr futuristischen und elektronischen „Dead Club City“ wieder mehr zu den Wurzeln zurück – gefeiert wird hier aber beides gleichermaßen. Ein ganz stilsicherer und passend inszeniertes Konzert.

20:30 Uhr: Mit großzügigem Feuer- und Nebel-Einsatz legen Papa Roach als erster Headliner des Tages los. Die kalifornische Nu-Metal-Combo mischt Rap mit Rock und hymnischen Mitsing-Refrains. Härte trifft auf Eingängigkeit, eine Soundexplosion trägt sich über die Menschenmassen vor der Hauptbühne. Laute und energetische Musik für eine Crowd, die voll da ist. Mit ihren Songs passt die Band einfach perfekt zum Festival. Eine ideale Kombination! Und natürlich: „Last Resort“ wurde zum Hymne einer ganzen Generation und ist der Song, den hier wohl fast jeder mit Papa Roach verbindet. Es wird nicht so sehr darauf „gewartet“, wie bei anderen Acts an diesem Wochenende, aber es ist schon ein Unterschied in der Stimmung zu merken, als der Song zum Abschluss des 75-minütigen Sets erklingt.

20:45 Uhr: Verhältnismäßig gemächlich füllt sich der Platz vor der Mountain Stage, bevor Edwin Rosen hier 60 Minuten lang Hit auf Hit spielt. Das Bühnenbild ist eines der aufwändigeren an diesem Wochenende: Wir sehen, was aussieht wie ein verlassener Ort, der von der Natur zurückerobert wird. Pflanzen ranken sich über eine Bushaltestelle, Bauzäune und diverse Betonelemente. Der New Wave-Sänger ist wie gewohnt alleine auf der Bühne, bedient Synthesizer und spielt Bass. Es ist eine Freude zu beobachten, mit welcher Leidenschaft, Demut und Dankbarkeit er an diesen Auftritt herangeht. Auch eine gewisse Nervosität ist dem gebürtigen Stuttgarter ob des prominenten Slots anzumerken, was die Person Edwin Rosen umso authentischer macht. Erleichterung kommt aber schnell auf, da die Crowd mittlerweile zahlreich geworden ist. Neben dem Auftritt auf dem Southside Festival ist es 2026 das einzige Konzert von Edwin Rosen in Deutschland.

21:45 Uhr: Einen mystischen und ganz besonderen Auftritt gibt es bei Florence + The Machine zu erleben. Schon beim Betreten der Bühne wirkt Frontfrau Florence Welch in ihrem roten Gewand wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Begleitet von sphärischen Bandklängen und vier Tänzerinnen entfaltet sich eine Show voller Symbolik und Emotionen. Das 75-minütige Konzert ist für viele Fans eine fast spirituelle Erfahrung. Barfuß bewegt sich Florence bis in die erste Reihe, berührt ihre Fans sanft und löst damit emotionale Momente aus. Zerbrechlich und kraftvoll zugleich zieht sie das Publikum mit bloßen Gesten in ihren Bann. Immer wieder werden Rituale passend zum aktuellen Album-Kontext Teil der Inszenierung. Beim „Sommersonnenwende“-Ritual fordert sie die Menge auf, sich sozusagen zu „opfern“, in diesem Kontext sich gegenseitig auf die Schultern zu nehmen. Die Klanglandschaften von Florence + The Machine sind gleichermaßen energetisch wie emotional. Als Florence aufgrund der außergewöhnlichen Publikumsreaktionen spontan die Setliste ändert und einen selten gespielten Song präsentiert, entsteht ein besonders intimer Moment. Tausende Handylichter und Feuerzeuge tauchen das Gelände in warmes Licht. Unter dem Abendhimmel verschmelzen Musik, Mystik und die Energie der Menge zu einem Erlebnis von großer Kraft.

22:45 Uhr: Reduktion kann so riesig sein! Twenty One Pilots verzichten auf große Bühnenaufbauten, winkeln Schlagzeug sowie Klavier und Synthesizer seitlich an und lassen ihre Performance und ihre Musik komplett für sich sprechen. Tyler Joseph und Josh Dun erzeugen einen gewaltigen Sound, einnehmend und durchdringend. Stilistisch werden unzählige Genres gemischt, Alternative-Rock tritt auf Rap-Passagen und elektronische Elemente. In der lauen Festivalnacht spielen Pyro-Elemente eine wichtige Rolle, zu „Jumpsuit“ wird erst die den Rest des Konzerts brennende Fackel entflammt, dann zünden Feuer und kleine Explosionen über die gesamte Bühnenbreite. Bei „Heavydirtysoul“ wird dies sogar nochmal übertroffen, als Sänger Tyler zwischen den Flammen auf dem Boden liegend singt. Zum folgenden „Drum Show“ bekommt Drummer Josh seinen großen Auftritt, klettert die seitlichen Bühnenaufbauten hoch und performt oben auf einem Podest an einem zweiten Drumset hoch oben über den Köpfen den zweiten Teil des Songs. Zum „Rawfear“ bleibt er noch oben, während Tyler auf dem Publikum getragen wird, später singt dieser auf einem Podest am FOH. Twenty One Pilots sind unermüdlich in Bewegung und lassen sich auch dem Ende des Sets nochmal auf den Händen tragen, während sie performen. Vor dem White Stripes-Cover von „Seven Nation Army“ sorgt die Video-Einblendung: „I am Jack White and I give Tyler and Josh permission to do this song“ für einige Lacher. Eine perfekte Gesamtinszenierung.

 


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