Letzte Nacht in Soho – Fiona Mozley, btb 2026

Im Herzen Londons treffen Arm und Reich, Außenseiter und Oberschicht aufeinander. Fiona Mozley verwebt in Letzte Nacht in Soho zahlreiche Schicksale zu einem Gesellschaftsporträt über Gentrifizierung, Feminismus und soziale Ungleichheit.

Soho gilt als kosmopolitischer Stadtteil Londons, bekannt für seine lebendige Musik- und Kulturszene, seine vielfältige Gastronomie und sein buntes Nachtleben. Hier treiben sich Türsteher, Barbesitzer, Obdachlose, Drogenabhängige, Prostituierte und Schauspieler herum. Die Häuser, in denen sie leben und arbeiten, gehören meistens anderen. Sie bilden das Gegenstück zu den Bewohnern Sohos aus der Mittel- und Oberschicht: Anwälte, (neu)reiche Erbinnen, Polizisten und Fotografen. Der angesehene Teil der Gesellschaft, der in Letzte Nacht in Soho allerdings den verdorbenen verkörpert. Und irgendwie laufen sie sich in Soho alle über den Weg und sind miteinander verbunden. Ob sie wollen oder nicht.

Mitten in Soho steht ein Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem sich ein Bordell befindet. Die Prostituierten leben und arbeiten dort mehr oder weniger unabhängig. Das Haus gehört einer jungen russischen Erbin, die es abreißen lassen möchte, um Platz für Luxuswohnungen zu schaffen. Am Ende hilft das Schicksal nach. Für diesen Teil der Handlung hat sich die Autorin von realen Ereignissen rund um den Brand des Grenfell Towers inspirieren lassen.

Fiona Mozley zeichnet ein Sittenbild der britischen Gesellschaft und greift dabei spielerisch Themen wie Feminismus, Rage Bait und Gentrifizierung auf. Leider gibt es auf den fast 400 Seiten zu viele Protagonisten. Für ihre Einführung benötigt Mozley fast ein Drittel des gesamten Romans. Erst nach und nach begegnen sich die Figuren, bis schließlich das Unglück passiert. Wie alles zusammenhängt, erfahren die Lesenden erst am Ende. Das ist durchaus reizvoll, macht es aber schwer, bei der Vielzahl an Figuren den Überblick zu behalten und eine engere Bindung zu ihnen aufzubauen.

Die Autorin Fiona Mozley wurde 1988 in Hackney bei London geboren. Sie studierte Geschichte am King’s College in Cambridge und lebte anschließend in Buenos Aires und London. Ihr erster Roman Elmet stand unter anderem auf der Longlist für den Women’s Prize for Fiction und auf der Shortlist des Booker Prize. Außerdem gewann er den Somerset Maugham Award.

Ganz überzeugen kann Letzte Nacht in Soho in der letzten Konsequenz nicht. Zwar laufen die verschiedenen Handlungsstränge am Ende logisch zusammen, doch wirkt ihre Verknüpfung trotz allem ein wenig willkürlich. Auch die Figuren bleiben auf Distanz. Mozley entwirft ein interessantes Sittenbild der britischen Gesellschaft und greift relevante Themen auf, schafft es aber nicht immer, diese mit einer packenden Geschichte zu verbinden. So bleibt ein Roman, dessen gesellschaftlicher Blick durchaus überzeugt, der emotional jedoch nicht immer die Verbindung herstellen konnte.

Der Roman könnte trotzdem für Lesende interessant sein, die vielschichtige Gesellschaftsporträts mögen und sich für Themen wie Gentrifizierung, Feminismus und soziale Ungleichheit interessieren. Wer Freude an einem großen Figurenensemble hat und sich nicht unbedingt emotional mit den Protagonisten verbunden fühlen muss, dürfte an Mozleys Blick auf die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten Londons Gefallen finden.

 


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