Tourauftakt mit Herz und Haltung
Jupiter Jones verbinden in der Music Hall Worpswede neue Songs und alte Favoriten mit klaren Statements und viel Spielfreude.

Worpswede. Zum Auftakt der Tour mit ihrem neuen Album „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“, haben Jupiter Jones am Freitag in der ausverkauften Music Hall Worpswede gespielt. Bereits zwei Tage vor dem Konzert hat sich die Band hier eingerichtet, um für die kommenden Shows zu proben. Dass ausgerechnet Worpswede dafür gewählt wurde, passt zur engen Verbindung: Für Jupiter Jones gehört die Music Hall zu den besten Adressen in Musik-Deutschland. Schon 2024 haben Nicholas Müller, Sascha Eigner und Nina Müller hier auf der Akustik-Tour als Trio gespielt.
Diesmal ist die Bühne voller, die Band zu fünft unterwegs. Verglichen mit den kommenden Venues der Tour wirkt die ausverkaufte Music Hall angenehm und familiär mit enger Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Entsprechend gut passt dieser Ort zu einer Band, die an diesem Abend vor allem eines ausstrahlt: Lust darauf, gemeinsam Musik zu machen. Jupiter Jones wirken wie eine hervorragend eingespielte Gruppe von Freunden, die sich auch nach fast 25 Jahren Bandgeschichte noch aneinander und am gemeinsamen Spielen erfreut. Frischen Wind bringen dabei auch die drei Live-Mitglieder*innen um Nicholas Müller und Sascha Eigner, die wiederum beide von Beginn an dabei sind.
Im Zentrum des Abends steht klar das Ende Juli erschienene Album „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“. Neun der 13 Songs schaffen es ins Set, darunter gleich zu Beginn „Torpedo Mobile“ und „Champagnerempfang satt“. Jupiter Jones bewegen sich souverän durch unterschiedliche Phasen ihrer Geschichte und lassen dabei jene Mischung erkennen, die die Band so prägt: Pop und Rock, Emotionalität und Haltung, Eingängigkeit und Kante. Über allem liegt Nicholas Müllers Stimme. Kräftig, rau und ausdrucksstark ist sie das unverwechselbare Zentrum des Bandsounds. Gerade live entfaltet sie jene Mischung aus Verletzlichkeit und Wucht, die selbst in vertrauten Songs noch für Gänsehautmomente sorgt.
Eine immer wichtigere Rolle übernimmt Nina Müller. Schon beim Akustik-Konzert 2024 war sie als Teil der Band und solo im Vorprogramm dabei, inzwischen ist sie aus der Live-Besetzung kaum noch wegzudenken. Sie spielt Keyboard, stellenweise Gitarre und übernimmt in „Euren Töchtern geht es gut“ sogar die beiden ursprünglich von Liser und Finna beigesteuerten Rap-Strophen. An diesem Abend wirkt sie damit endgültig wie die Allzweckwaffe der Band.
Gerade dieser Song zeigt, wie selbstverständlich Jupiter Jones persönliche und gesellschaftliche Themen nebeneinanderstellen. „Euren Töchtern geht es gut“ richtet sich gegen patriarchale Strukturen und spielt auf die Stadtbild-Aussage von Friedrich Merz an. Noch deutlicher wird Nicholas Müller in einer längeren Ansage gegen Faschismus und über die Gefahr, aus Unzufriedenheit mit politischen Zuständen den falschen Kräften hinterherzulaufen. Wenige Wochen nach dem Album hat die Band bereits den neuen Song „Faschopartei“ nachgelegt, der in der Mitte des Sets präsentiert wird. Neben solchen politischen Momenten stehen direkt persönliche Songs wie „Älter als die Steine“, geschrieben für Nicholas Müllers Tochter, oder das ruhige Liebeslied „Mein Viel und dein Vielleicht“, das reduziert als Trio gespielt wird.
Dass es nach sieben Alben mit Nicholas Müller am Gesang und fast einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte zunehmend schwierig wird, ältere Stücke in einer Setlist unterzubringen, löst die Band ganz spielerisch. Ein großer Plastikwürfel trägt verschiedene ältere Songtitel und darf im letzten Konzertdrittel über den nächsten Song entscheiden. In Worpswede ist es Fan Paula, die den Würfel auf die Bühne wirft, heraus kommt „Das Jahr, in dem ich schlief“.
Auch der Support-Act passt in das Bild eines persönlichen Tourauftakts. Swan Songs aus Münster werden von Nicholas Müller selbst angekündigt. Die vierköpfige Indie-Punk-Band ist mit ihm befreundet, ihre Bassistin obendrein seine Vermieterin. Musikalisch eröffnen Swan Songs den Abend mit englischsprachigen Songs, hohem Tempo, kräftiger Stimme und einer Mischung aus eingängigen und rauen, lauten Passagen. Für Fans der frühen Jupiter-Jones-Alben dürfte das gut funktioniert haben, wer vor allem wegen der bekannteren Radiosongs gekommen ist, musste sich auf einen deutlichen Kontrast einstellen.
Spätestens bei „Still“ verdichtet sich dann noch einmal, warum Jupiter Jones bis heute eine besondere Stellung zwischen Punk-Herkunft und großer Popgeste einnehmen. Der Song ist weiterhin der emotionale Über-Hit der Band, ohne dass der Abend auf ihn zulaufen musste. Der eigentliche Schlusspunkt ist ohnehin ein anderer. Für „Immer noch (Auf das Leben!)“ verlassen Nicholas Müller, Sascha Eigner und Bassist Herbert die Bühne und spielen zunächst mitten im Publikum. Gerade Herbert fällt den gesamten Abend durch seine lebendige Spielfreude auf. Für den letzten Part kehren die drei schließlich zurück, die Band steht wieder zu fünft auf der Bühne, und aus dem kleinen Moment mitten im Saal wird ein großes gemeinsames Finale.
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