Anekdotenreiche Werkschau

Marcus Wiebusch hat zum Auftakt seiner „Songs & Stories“-Solotour in der ausverkauften Music Hall Worpswede gespielt.

Marcus Wiebusch

Worpswede. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Marcus Wiebusch auf den Bühnen des Landes unterwegs. Bekannt ist er vor allem als Frontmann von Kettcar und Mitbegründer des Labels Grand Hotel van Cleef – doch auch seine vier Alben mit …But Alive sowie sein Soloalbum und Solotape haben große Spuren in der deutschsprachigen Musikwelt hinterlassen. Nachdem er im Januar beim Beach Motel van Cleef nach langer Zeit wieder alleine auf der Bühne stand, folgte nun die „Songs & Stories“-Solotour. Ein besonderer, andersartiger Abend – mit vielen Stücken, die sonst selten oder nie im Rampenlicht stehen.

Es war der erste von vier Soloabenden – gedacht als „Warm-Up“, wie Marcus Wiebusch zu Beginn sagt. Denkste – obwohl der Wahl-Hamburger noch nie etwas vom Künstlerdorf gehört hat, ist es die größte Show der Tour geworden, die Music Hall ist ausverkauft. Zunächst ein paar Worte zum Ablauf: Die Setliste sei erst traurig, dann verzweifelt, dann depressiv – ein Aufbau, der in Musikerkreisen „als riskant gelte“. Auch eine anschließende „Schussfahrt in die gute Laune“, …But Alive-Songs in Originalgeschwindigkeit sowie Hintergründe und Perspektiven werden versprochen.

Mit Akustik-Gitarre beginnt Marcus Wiebusch mit dem Solo-Song „Nur einmal rächen“ aus 2014 und gibt so einen ersten Einblick in die Songauswahl. Klar, von allen sechs Kettcar-Album haben es Stücke in sein Soloprogramm geschafft. Aber heute eben nicht „Landungsbrücken raus“ oder „Deiche“ sondern ganz andere, bemerkenswerte Stücke, die seit Jahrzehnten nicht mehr ihren Weg auf eine Bühne gefunden haben. Außerdem: Über dreißig Jahre alte Songs vom „Hippiekacke“-Solotape, denen teilweise auch heute eine Aktualität nicht abzusprechen ist, Stücke seiner zurecht legendär gehandelten Band …But Alive, die in nur acht Jahren Bestehen ein bis heute spürbares Vermächtnis hinterlassen hat und eben einige Nummern seines Soloalbums „Konfetti“.

„Am Tisch“ erzählt von einer alten Freundschaft, die nach vielen Jahren erneut zusammenfindet – Perspektivwechsel inklusive. Apropos: „Balkon gegenüber“ trägt Marcus Wiebusch inklusive der später hinzugefügten und nur selten live gespielten zweiten Strophe vor – und das war noch nicht alles. Der Kettcar-Song bekommt eine dritte, instrumentale, mit Loop-Station aufgebaute Strophe – die dritte Perspektive der Hausfrau vom Ende der Straße. Die von alldem nichts mitbekommt – und wenn sie es wüsste, es wäre ihr egal. Die keine Zeit hat für „befindlichkeitsfixierten Heulsusenschrott“ wegen eigener Probleme, Inflation, steigender Mieten, Unterrichtsausfall – und wenn sie vom Typen vom Balkon gegenüber wüsste, sie würde denken, „reißt euch zusammen“.

In „Weit draußen“ singt Marcus Wiebusch über das Schicksal einer jungen Mutter mit einem kranken Kind. „Zeig mir einen Helden, und ich schreib dir eine Tragödie“, sagt er – laut seiner Aussage sein stärkster, jemals geschriebener Text. Immer wieder erlaubt er Einblicke in sein Schaffen. Etwa, wenn er von der letzten …But Alive-Platte spricht, deren Streicher und Elektronik damals viele Menschen in der Punkszene vor den Kopf gestoßen haben. Heute gibt’s dazu sogar Rap-Passagen und immer wieder eine Loop-Station.

Zwischen Songs wie „Ein Brief meines 20-jährigen Ichs“, „48 Stunden“ oder „Wir waren eine Gang“ streut Wiebusch Anekdoten ein. Etwa über das in den 90ern auf Tour mit nur einem Versuch pro Song aufgenommene „Hippiekacke“-Tape. Obwohl er nicht nostalgisch sei, versetze ihn „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“ zurück in die Zeit zwischen 1999 und 2002 – einer Zeit „ohne Liebe und finanzielle Mittel“. Das politische Moment fehlt nicht, ist aber subtil gesetzt: „Politisch zu sein heißt, Forderungen zu stellen, dass das Leben der Menschen besser wird.“ Trotz all des Gewichts in Themen und Texten lässt sich Wiebusch auch den Humor nicht nehmen. Mit seiner Art, Geschichten zu erzählen, zieht er den ganzen Raum in seinen Bann.

Mit „Sommer ’89“ endet die Werkschau. Naja, fast. Die zwischendurch gestreute Anekdote von Oasis, die in den 90er-Jahren Arenen füllten, und am Ende ihren größten Hit „Wonderwall“ nur vom Band laufen ließen, wird im subtilsten Gag des Abends wieder aufgegriffen. In Worpswede gibt es drei Zugaben, großen Applaus, Verbeugung, Saallicht. Und während die Besucher*innen nach draußen strömen, läuft im Hintergrund das vorher nicht gespielte „Balu“. So ein Publikum muss man sich auch erstmal erarbeiten.

Die Setliste des Abends:

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Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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