Rock’n’Roll ist nicht fürs Sitzen gemacht

Chuck Ragan schreit sich die Seele aus dem Leib, das Publikum applaudiert höflich – und bleibt sitzen. Erst spät kommt Bewegung in den Saal.

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Chuck Ragan im Schlachthof. Foto: pfa

Gegen schlechte Laune hilft in der Regel ein Konzert. Gründe dafür gab es am Sonntag zur Genüge. Im Kulturzentrum Schlachthof war davon allerdings nur wenig zu spüren. Ein kurzer Austausch über das Wahlergebnis, Einigkeit darüber, dass die Zeichen von der Politik immer noch nicht verstanden wurden – dann überwog die Vorfreude auf Chuck Ragan.

Die Ankündigung des Konzerts im Schlachthof überraschte dennoch. Die letzten Konzerte fanden vor einigen Jahren noch im Kulturzentrum Lagerhaus statt. Dort waren sie immerhin ausverkauft – in einem pickepackevollen Lagerhaus. Schweiß tropfte von der Decke, es wurde gesungen, getanzt, gejohlt und sich in den Armen gelegen. Vielleicht gab es sogar Paare, die neun Monate nach dem Chuck-Ragan-Konzert 2015 im Lagerhaus ein Kind bekommen haben. Ganz eventuell. Zehn Jahre ist das jetzt her.

Der Schlachthof ergibt allerdings Sinn, wenn es sich um ein bestuhltes Konzert handelt. Am Ende des Abends kann schon mal festgehalten werden – so viel sei an dieser Stelle verraten: Rock’n’Roll ist nicht zum Sitzen gedacht.

Das lag keineswegs an Chuck Ragan. Der war vom ersten Moment an mit Leib und Seele da. Als Erstes erinnerte er sich an ein gemeinsames Konzert seiner Hauptband Hot Water Music mit Leatherface auf der Bühne des Clubs. Wahrscheinlich waren damals schon ein paar aus dem Publikum anwesend. Es dürfte sein letzter Auftritt im Schlachthof bis Sonntag gewesen sein. Über zwanzig Jahre ist das her.

In dieser Zeit hat sich Chucks (Punk-)Band Hot Water Music aufgelöst und wiedergefunden. Die Pause nutzte der Sänger, Gitarrist und Songschreiber für sein deutlich von Folk inspiriertes Solowerk. Dieses stand am Sonntag im Schlachthof im Mittelpunkt und wurde nur punktuell mit Songs seiner Band ergänzt – inklusive des Deep Cuts „Old Rules“. Der Song ist mittlerweile ebenfalls über zwanzig Jahre alt und gehört trotzdem noch nicht zu den ganz alten Stücken der Band. Außerdem lockerte ein Song von Brian Fallon das Set auf. Dessen neues Soloalbum erscheint in dieser Woche.

So sehr sich Chuck Ragan aber auch anstrengte und sich die Seele aus dem Leib schrie: Über weite Strecken des Sets bekam er außer sehr höflichem Applaus kaum eine Reaktion. Dabei wurden über weite Strecken ältere Songs vorgetragen und Songs des letzten Albums „Love & Lore“ ausgespart. Einzig am Bühnenrand zwischen Tribüne und Bar tanzte immer mal wieder jemand. Erst im letzten Drittel des Sets kam Bewegung auf. Bei „Meet You In The Middle“ und besonders bei „Do You Pray“ wurde schließlich deutlich mehr mitgegangen – bis hin zu Standing Ovations.

Ende gut, alles gut? Fast. Zum Abschluss entließ Chuck Ragan das Publikum noch mit „For Broken Ears“ in eine laue Sommernacht. Die Laune war jedenfalls besser als ein paar Stunden zuvor.

Es bleibt trotzdem die Erkenntnis: Rock’n’Roll ist nicht fürs Sitzen gemacht. Schön war es trotzdem!

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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