Men in Love – Irvine Welsh, Kunstmann 2026
Irvine Welsh hat es nochmal getan. Nach einem Prequel- und mehreren Sequel-Romanen erscheint mit „Men in Love“ nun ein weiteres Werk rund um die (neuen) Helden aus Trainspotting.

Es ist nicht verkehrt, Men in Love als Liebesroman zu bezeichnen. Wenn auch als Liebesroman der etwas anderen Art. Sex und Drogen haben in Welshs Werken immer eine große Rolle gespielt. Daran hat sich auch bei Men in Love fast nichts geändert. Wenigstens auf Drogen – Alkohol ausgenommen – verzichten die Protagonisten dieses Mal. Immerhin sind sie seit dem Drogendeal in London, mit dem das Hauptwerk Trainspotting endete, erwachsener geworden. Sex spielt in ihrem Leben allerdings weiterhin eine große Rolle. Doch nun schleichen sich Gefühle bei Daniel „Spud“ Murphy, Simon „Sick Boy“ Williamson und Mark „Rents“ Renton ein. Begbie scheint dagegen allerdings immun zu sein.
Zeitlich spielt Men in Love von Ende der 1980er- bis Anfang der 1990er-Jahre und schließt damit die Lücke zwischen Trainspotting und dem Roman Porno. Eine Zeit also, in der es keine technischen Hilfsmittel gab, um ein Date zu organisieren. Menschen trafen sich an U-Bahn-Stationen, bei Treffen ehemaliger Drogenabhängiger oder in Clubs. Um sich zu verlieben, musste die Wohnung verlassen werden.
Renton hat es nach Amsterdam verschlagen und schlägt sich dort die Nächte in den neu entstehenden Technoclubs um die Ohren. Begbie sitzt noch im Knast, kommt aber bald frei und will sich an Renton rächen, weil dieser ihn in Trainspotting abgezogen hat. Spud, der alles richtig machen will, lebt mit seiner Freundin Ali zusammen, befürchtet allerdings, dass sie weiterhin in Sick Boy verliebt ist. Den hat es nach London verschlagen, wo er den Grundstein für seine Karriere im Pornobusiness legt und sich in Amanda verliebt.
Ansonsten sind sie allesamt die Alten geblieben. Sie sind noch immer arrogant und selbstbewusst – außer Spud vielleicht –, von Neid zerfressen und nun, mit Ausnahme von Begbie, auch verliebt.
Erzählt wird die Geschichte auf deutlich über 500 Seiten aus verschiedenen Perspektiven. Sick Boy bekommt dabei vom Autor die meiste Aufmerksamkeit. Doch auch alle Haupt- und einige Nebenfiguren dürfen kapitelweise aus ihrer eigenen Perspektive die Geschehnisse schildern. Die Sprache ist gewohnt hart und direkt.
Zum ersten Mal findet sich bei einem Roman von Welsh am Ende des Buches ein kurzer Disclaimer, der darauf hinweist, dass die verwendete Sprache Zeit und Milieu widerspiegelt. Das offenbart allerdings gleichzeitig einen kleinen Schwachpunkt: An einigen Stellen tauchen moderne Begriffe auf, die im Jahr 1989 vermutlich noch nicht verwendet wurden. Das soll jedoch nur eine kleine Kritik am Rande bleiben, denn den Lesespaß mindert es kaum.
Und dieser Lesespaß entsteht nicht zuletzt durch die Frage, die Men in Love immer wieder stellt: Was ist Liebe eigentlich – und was bedeutet sie für Menschen, die bislang vor allem nach Lust, Geld, Anerkennung und Macht gesucht haben?
Spud, Begbie, Rents und Sick Boy haben darauf sehr unterschiedliche Antworten. Während Spud tatsächlich nach Nähe und Verbindlichkeit sucht, scheint Sick Boy Liebe zunächst vor allem als weiteres Spiel zu begreifen. Renton wiederum ist längst nicht mehr der junge Mann aus Trainspotting, trägt aber noch immer vieles von dessen Rastlosigkeit mit sich herum. Und Begbie? Der bleibt Begbie.
Vielleicht ist genau das die größte Stärke des Romans: Welsh versucht gar nicht erst, aus seinen Figuren plötzlich bessere Menschen zu machen. Sie sind älter geworden, aber nicht zwangsläufig weiser. Men in Love erzählt deshalb nicht nur davon, dass sich die Helden von einst verlieben. Es erzählt davon, was passiert, wenn Menschen, die ihr Leben lange über Sex, Drogen, Gewalt und Ego definiert haben, plötzlich mit etwas konfrontiert werden, das sich nicht so einfach kontrollieren lässt: echten Gefühlen.
Zeitgleich mit Men in Love veröffentlicht der Verlag ebenfalls Trainspotting.
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