Rachel Khong – Real Americans, Kiepenheuer & Witsch, 2026
Manchmal liegen die Antworten auf Fragen nach dem eigenen Sein und der eigenen Herkunft tief in der Vergangenheit verborgen – nicht nur in der eigenen oder in der der Eltern, sondern noch weiter zurück. Real Americans von Rachel Khong erzählt von Schuld, ihren Ursachen, von Vergebung und vom Versuch, sich selbst zu verstehen.

Lily Chen ist Amerikanerin. Geboren wurde sie in einem Randgebiet von New York City. Ihre Eltern, beide Wissenschaftler, flohen Mitte der 1960er-Jahre vor den Rotgardisten der Kulturrevolution in das „schöne Land“ Amerika – eine Bezeichnung für die Vereinigte Staaten. Die genauen Gründe dafür bleiben zunächst verborgen und werden erst später ausführlicher erzählt.
Die eigentliche Handlung des Romans setzt dreißig Jahre später ein. Es ist Silvester 1999 – das Millennium steht bevor, und die halbe Menschheit fürchtet, dass die Datumsumstellung nicht einfach zum nächsten Tag führt, sondern ein Jahrhundert zurückspringt. Natürlich geht alles gut. Auch für Lily, die als unbezahlte Praktikantin in einem Medienunternehmen latenten Rassismus erträgt, an diesem Abend jedoch Matthew kennenlernt, den Millionenerben eines Pharmaunternehmens. Zwischen dem armen Mädchen und dem reichen Jungen entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die in manchen Momenten etwas unglaubwürdig wirkt und aus der schließlich der Sohn Nick hervorgeht.
Um den mittlerweile 16-jährigen Nick geht es im zweiten Teil des Romans. Lily und Nick sind kurz nach seiner Geburt von New York City auf eine einsame Insel auf der anderen Seite des Kontinents gezogen. Zu Matthew besteht zunächst kein Kontakt, was sich im Laufe der Geschichte jedoch ändert. Der Schreibstil verändert sich in diesem Abschnitt: Es wird flüssiger, dichter und ausführlicher erzählt. Rachel Khong nutzt unterschiedliche stilistische Mittel, um ihren Hauptfiguren eine eigene Stimme zu geben. Bis zu diesem Punkt bleiben viele Entscheidungen Lilys unklar. Erst Nicks Nachforschungen bringen nach und nach Licht in seine eigene Vergangenheit, und langsam beginnt er, sich selbst besser zu verstehen.
Hin und wieder entsteht das Gefühl, dass die Geschichte von Rachel Khong etwas zu ausführlich erzählt wird. Zumal die Autorin die Gefühle von Nick und Lily nicht immer vollständig ausformuliert, sondern sie gelegentlich eher als Behauptung im Raum stehen lässt. An manchen Stellen hätte eine Straffung oder der Verzicht auf einen Aspekt dem Text gutgetan. Am Ende des Romans – nach dem dritten Teil, wenn sich der Schreibstil erneut verändert – ergibt dieses erzählerische Verfahren jedoch Sinn. Das Weiterlesen lohnt sich deshalb auf jeden Fall.
Nicks Großmutter Mei/May erzählt den Lesenden schließlich von ihrem Leben: von ihrem Aufwachsen in der neugegründeten Volksrepublik China, den schweren Zeiten in den 1950er-Jahren, dem Großen Sprung nach vorn, den Hungersnöten und schließlich den Schrecken der Kulturrevolution. Nach der Landverschickung, bei der die jungen Studierenden in der Stadt das harte, aber ehrliche Bauernleben erlernen sollten, musste Mei/May sich zwischen ihrem Traum, etwas Weltveränderndes zu schaffen, und ihrer großen Liebe Ping entscheiden. Ein Leben für die Wissenschaft war in diesem China weder darstellbar noch vorstellbar. Zu schwer wogen die Schmerzen, die ein brutales, von Männern geführtes Regime über ihr Leben gebracht hatte.
Um weiter forschen zu können, ging sie mit Charles nach Amerika. Dort fanden ihr Ehrgeiz und ihr Talent volle Entfaltung und die Unterstützung von Investoren. Doch Fortschritt gelingt nicht über Nacht: Mit einem Investor trifft sie einen folgenschweren Entschluss, der das Leben mehrerer Menschen über Generationen hinweg prägen wird.
Rachel Khong gelingt es hervorragend, in den drei Teilen ihres Romans die Beweggründe – aber auch die daraus resultierenden Unsicherheiten und Schmerzen – von Lily, Nick und Mei/May begreifbar zu machen. Die drei Protagonist:innen hatten nach ihrem Empfinden keine andere Wahl, als so zu handeln, wie sie es taten. Ihre Gründe waren – anders als zunächst vermutet – nie egoistischer Natur. Im Gegenteil. Dennoch belasteten ihre Entscheidungen das Leben der jeweils folgenden Generation und vielleicht auch die nächste. Das macht Real Americans wahrlich zu einem amerikanischen Familienroman – allerdings der etwas anderen Art.
Einerseits wirft die Autorin einen kritischen Blick auf die jüngere chinesische Geschichte, die den Ausgangspunkt der Handlung bildet. Gleichzeitig reicht die Geschichte bis in die Gegenwart und darüber hinaus, sodass sie theoretisch nicht abgeschlossen ist. Leichtfüßig verwebt sie neben dem Kernthema auch Fragen nach Identität und Zugehörigkeit: Wer ist Amerikaner:in – und warum? Aber auch Zugehörigkeit innerhalb einer Gruppe sowie Ausgrenzung aus unterschiedlichen Gründen werden thematisiert.
Real Americans ist ein einfühlsamer, vielschichtiger Familienroman, der über Generationen hinweg die Folgen von Entscheidungen, kultureller Prägung und persönlichen Ambitionen aufzeigt. Rachel Khong gelingt es, die Figuren tiefgründig zu zeichnen, ihre Beweggründe verständlich zu machen und gleichzeitig gesellschaftliche Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Ausgrenzung zu verhandeln. Trotz gelegentlich ausgedehnter Passagen bleibt der Roman fesselnd, berührend und hinterlässt ein nachhaltiges Bild der komplexen Verflechtungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart – ein Werk, das zum Nachdenken über Familie, Herkunft und persönliche Verantwortung anregt.
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