Der Samstag beim Hurricane Festival: Von euphorischer Begeisterung und akustischer Enttäuschung

Sam Fender und Electric Callboy begeistern, während The Prodigy hinter den Erwartungen zurückbleiben und es bei Zartmann akustische Probleme gibt.

Foto: Jörg Kröger

Scheeßel. Am längsten Tag des Hurricane Festivals und gleichzeitig längsten Tag des Jahres gab es gestern 14 Stunden lang Musik aus verschiedenen Stilrichtungen auf vier Bühnen. Bei teilweise extremer Hitze und knallender Sonne, steht die Luft als Staubwolke über dem Eichenring, wertvolle Schattenplätze sind rar. Wer sich vom Camp zum Infield aufrafft, hat die Wahl aus über 30 Auftritten von nationalen Newcomern bis zu internationalen Headlinern. Unser Tag im Live-Blog von Malte Löhmann und Marcel Kloth.

12:00 Uhr: Marlo Grosshardt auf der Forest Stage: Marlo Grosshardt habe ich bisher lediglich als den Typen wahrgenommen, der mit seinem Oma-Song viral gegangen ist. Weit gefehlt! Denn der Singer-Songwriter aus Hamburg hat noch einiges mehr in petto. Seine Live-Inszenierung ist geprägt von Grosshardts rauer Stimme, Acoustic-Gitarren und sogar einem Cello und erinnert musikalisch an Größen wie Kaffkiez und Faber. Ein riesiger QR-Code zu seinem E-Mail-Newsletter auf der Leinwand hinter der Bühne als Protest gegen die großen Social-Media-Plattformen fügt sich nahtlos in diesen von politischen Texten geprägten Auftritt ein.

12:30 Uhr: Scheiba auf der River Stage: Weiter geht‘s mit den Gewinnern des von SofaConcerts veranstalteten Contests. Scheiba aus Darmstadt sieht man die Freude über diesen unverhofften Auftritt auf einem der größten Musikfestivals Deutschlands an. Sie kommen mit einer gewaltigen Energie auf die zweitgrößte Bühne des Hurricane Festivals und bringen mit ihrer stimmungsvollen Musik nicht nur Freunde und Familie, die sich im ersten Pit vor der Bühne versammelt haben, zum Tanzen. Das hat richtig Spaß gemacht!

13:00 Uhr: Circa Waves auf der Forest Stage: Das Indie-Rock-Quartett aus Liverpool versprüht gute Laune und Energie in der prallen Mittagssonne. Mit mitreißenden Indie-Hymnen, lauten Post-Punk-Riffs und der typischen UK-Coolness ausgestattet, ist es überraschend, dass die vier Jungs immer noch etwas unter dem Radar schwimmen und nicht so bekannt sind wie ähnliche Acts wie The Kooks oder Two Door Cinema Club. Die Live-Qualität dafür hätten sie allemal! Das letzte Song „T-Shirt-Weather“ setzt die Fans in Bewegung und steht mehr als sinnbildlich für die Temperaturen

13:30 Uhr: Steiner & Madlaina auf der Wild Coast Stage: Kontrastprogramm! Während auf der River Stage Nova Twins die E-Gitarren zum Glühen bringen, stehen Steiner & Madlaina auf der Wild Coast Stage und spielen Folk. Zu dieser frühen Stunde ist es im Zelt bis zur Technik schon angenehm voll und das nicht nur wegen der Hitze, die sich draußen ankündigt.

14:15 Uhr: Irie Révoltés auf der Forest Stage: Irie Révoltés sind wieder da! 2017 hat die Heidelberger Band das letzte Mal auf dem Hurricane gespielt und sich im gleichen Jahr auch aus der Musikszene verabschiedet. Doch im letzten Jahr haben sie sich plötzlich zurückgemeldet und stehen an diesem Samstagnachmittag endlich wieder vor uns – auf der Hauptbühne des Hurricane Festivals 2025.

Der Auftritt beginnt mit einem kurzen Intro, gebastelt aus dem beliebten Song „Antifaschist“. Die ersten beiden vollständig gespielten Songs sind allerdings die nicht minder bekannten „Allez!“ und „Il est là“. Ein Konzert von Iries Révoltés wäre auch ohne zusätzliche Ansagen bereits eine politische Veranstaltung. Dennoch bleiben diese nicht aus, im Publikum werden die Fäuste erhoben und für die Performance eines gesamten Songs ist ein Banner von Sea-Watch mit dem Aufdruck „Menschenrechte haben keine Außengrenzen“ auf der Bühne zu sehen. Zu Beginn des letzten Drittels ist die Stimmung dann auf dem Höhepunkt, als „Antifaschist“ nun in voller länge gespielt und vom Publikum lautstark mitgesungen wird. Was für ein Comeback!

14:45 Uhr: The Murder Capital auf der Wild Coast Stage: Unsere Tipps fürs Hurricane haben wohl leider zu wenig Leute gelesen. Bei The Murder Capital ist es im Zelt leider nicht wirklich voll. Dabei ziehen die fünf Jungs aus Irland eine ziemlich geile Show ab. Wenig Licht, Sonnenbrillen und feinster Post-Punk – mehr braucht es nicht. In der Mitte des Sets wird es einmal richtig atmosphärisch, als „Ethel“ performt wird, geschlossen wird der 45-minütige Auftritt mit den drei größten Hits „Can‘t Pretend To Know“, „Don‘t Cling To Life“ und „Words Lost Meaning“. Wer sich diesen Auftritt hat entgehen lassen, ist selber schuld!

15:00 Uhr: Blond auf der River Stage: Mit ihrem brandneuen Album „Ich träum doch nur von Liebe“ spielt das Chemnitzer Indie-Pop-Trio am Nachmittag auf der zweitgrößten Bühne. Musikalisch und thematisch stark, vorgetragen mit aufwendigem Bühnenbild. Freche Pop-Songs in der Nachmittagshitze, trotz der körperlichen Anstrengung wird gesprungen, gefeiert und gemosht. Mit Hingabe wird viel Staub aufgewirbelt zu Songs mit „SB-Kassen-Lover“ und „Ich wär so gern gelenkiger“ – ein kollektives Workout!

15:30 Uhr: Jimmy Eat World auf der Forest Stage: Die langjährig erfolgreiche und immerzu beliebte Alternative-Rock-Gruppe aus Arizona darf ihre Songs in der prallen Sonne vortragen – auf der Schotterfläche ist diese besonders spürbar. Verständlich, dass die Kraft für die ganze große Action unter den Besucher*innen eher ausbleibt – lieber entspannt schauen, vielleicht sogar Schatten suchen und auch mal ein Wasser trinken. Die US-Rocker lassen sich dagegen keinerlei Erschöpfung anmerken und punkten mit Wucht und Enthusiasmus.  Mit den Hymnen der alten Tage bis zu aktuellen Hits spielen Jimmy Eat World ein 60-minütiges Set, an dessen Ende – na klar – natürlich „The Middle“ steht.

16:15 Uhr: 070 Shake auf der River Stage: Mit fünf Minuten Verspätung legt 070 Shake aus New Jersey los. Mit 10 Mio. monatlichen Hörer*innen auf Spotify gehört die Rapperin, die auch poppigere Musik – aber immer mit elektronischen Einflüssen – spielt, definitiv zu einem der bekanntesten Acts, die zu dieser Uhrzeit Platz im Line-up finden. Am Publikum sieht man das allerdings nicht. Vielleicht hat 070 Shake gerade deshalb noch fünf Minuten gewartet, bevor sie die Bühne betreten hat. Spätestens aber, als sie ihren Auftritt 20 Minuten vor Plan beendet, verfestigt sich dieser Eindruck. Manche würden sagen „das ist Punk“, andere würden es als Frechheit bezeichnen. Sucht es euch selber aus.

17:15 Uhr: Zartmann auf der Mountain Stage: Und jährlich grüßt das Murmeltier. Wie in jedem Jahr, schaffen es die Veranstalter*innen des Hurricane Festivals auch 2025 wieder, einen aufstrebenden (wenn nicht gar gehypten) deutschen Indie-Musiker auf die kleine Mountain Stage mit dem schlauchartigen Zugang zu stellen. So wundert es nicht, dass schon mehrere Minuten vor Beginn des Auftritts dichtes Gedränge auch weit ab von der Bühne herrscht.

Eigentlich kein Problem, denn hierfür gibt es im hinteren Bereich vor der Mountain Stage ein weiteres Lautsprecher-Paar sowie einen dritten Bildschirm. Leider sind die Lautsprecher allerdings dermaßen leise eingestellt (wenn sie denn überhaupt eingeschaltet sind), dass hier vom Auftritt Zartmanns nichts zu hören ist. Auf die „Lauter“-Rufe der Crowd findet keine Reaktion statt, dass viele Besucher*innen in Strömen wieder von dannen ziehen. Schade!

19:00 Uhr: Deftones auf der Forest Stage: Grammy-Winners In The House! Mit den Deftones, 1988 in Sacramento (Kalifornien) gegründet, steht die neben Green Day wohl musikhistorisch relevanteste Band des Wochenendes auf der größten Bühne. Mit ihrer experimentellen Art haben sie sich einen bedeutsamen Platz im Alternative-Metal geschaffen und genießen unter Fans Legenden-Status. Die Deftones sind weder aus der Metal-Elite, noch aus der Popkultur der späten 90er und 2000er wegzudenken. Vor einem gewaltigen Bühnenaufbau sprengen sie auch in Scheeßel kraftvoll die Genregrenzen und liefern ein beeindruckendes Set, das langfristig in Erinnerung bleiben wird.

19:45 Uhr: The Wombats auf der River Stage: Ein Garant für gute Laune! Wenn die britische Indie-Rock-Band die Bühne betritt, gibt es nur eins: Tanzen, Springen und Mitsingen bis zum Umfallen – wobei das bei immer noch 28 Grad bitte nicht wörtlich zu nehmen ist. Mit ihrem unverkennbaren Mix aus eingängigen Melodien und einer Prise Melancholie gehören The Wombats seit Jahren zu den absoluten Lieblingen der Festivalbesucher*innen. Zurecht, denn live sind sie eine absolute Wucht: Die Energie auf der Bühne springt sofort auf das Publikum über und erzeugt eine kollektive Energie. Eine große Indie-Party am frühen Abend, bei der die älteren Hits wie so oft etwas mehr gefeiert werden, als die neueren Stücke.

20:45 Uhr: Electric Callboy auf der Forest Stage: Aus der großen weiten Welt, geht es nun nach Castrop-Rauxel – nicht falsch verstehen, von den Kreisen, die Electric Callboy international ziehen, kann so manche im Ausland ansässige Band nur träumen. Nachdem sie vor zwei Wochen noch Surprise-Opener bei Rock am Ring waren, sind sie heute Co-Headliner auf der Hauptbühne. Zwischen Metalcore, Hardcore, Techno und elektronischen Elementen feiern sie eine unbändige Party und das Publikum feiert voller Energie. Electric Callboy haben in den letzten Jahren einen riesigen Sprung gemacht und begeistern mit ihrer einzigartigen Mischung aus harten Breakdowns, elektronischen Beats und einer guten Prise Selbstironie. Der Platz bebt, es ist brechend voll und niemand steht still. Wilde Kostüme, Flammenwerfer, Konfettischlangen. Am Lagerfeuer covern sie mit Piano im ruhigen Setting Linkins Park „Crawling“ – das kann ein paar Wunden aufreißen, da Linkin Park auf der gleichen Bühne im Juni 2017 nur 3,5 Wochen vor dem Tod Chester Benningtons aufgetreten sind. Nach 75 Minuten bleibt zu vermuten: Hier hat gerade ein kommender Headliner gespielt, vielleicht in 2027 oder 2028 – die Wette würde ich sicher eingehen!

22:00 Uhr: Sam Fender auf der River Stage: Endlich ist er da! Nachdem seine Hurricane-Auftritte in der Vergangenheit bereits zweimal abgesagt werden mussten, steht der britische Singer-Songwriter nun endlich mit großer Band auf der Bühne und beschert den Anwesenden die vielleicht schönste Stunde des Festivals. Mit großer, vielseitiger und spielstarker Live-Band trifft er mitten ins Herz – und erzeugt dank textsicherer Hits wie „Getting Started“, „Will We Talk?“ und „People Watching“ auch mehrere Mitsing-Momente. Auch die leisen Augenblicke entfalten ihre volle Wirkung. Live-Musik in Reinform – bei der auch die vorne an der Bühne für den nächsten Act stehenden Flammenwerfer getestet werden, bis es Sam Fender doch etwas zu heiß wird. Gleich mehrere Personen aus anderen Bands, der Musikszene und dem Veranstalter-Team sind im direkten Umfeld vorne im Publikum zu erkennen – hier spielt offenbar ein Liebling vieler Kenner*innen. Ein absolut euphorisches Highlight!

23:00 Uhr: The Prodigy auf der Forest Stage: Die britischen Pioniere der elektronischen Tanzmusik headlinen erneut das Hurricane Festival. Sie ballern ihre prägnanten Elektro-Beats in die Nacht, dazu gibt es wild flackernde Strobolichter, eine spektakuläre Lichtshow und ein Bassgewitter. Mit Laserstrahlen zum Finale endet die Eskalation am Samstagabend – leider 20 Minuten zu früh! Ein wirklicher Headliner-Gig war das nicht – zu sehr ruhen sie sich auf der Band-Historie aus, neu ist schon seit vielen Jahren nichts mehr. Und 20 von 90 Minuten eines komplett geplanten und programmierten Sets nicht zu spielen – das ist leider enttäuschend!

00:30 Uhr: Apache 207 auf der River Stage: Audience-Flow durchgespielt! Nach 01099 strömen die Massen zu Apache 207 – so voll war es hier in zwei ganzen Festivaltagen noch nie! Einen Einlassstopp im vorderen Wellenbrecher hat nichtmal Alligatoah gestern geschafft. Mit seiner Musik vereint der Mannheimer Rapper die unterschiedlichsten Genres wie R’n’B, Eurodance, 80s-Pop und Hip-Hop. Der Zwei-Meter-Mann mit langer Mähne und Sonnenbrille steht aktuell wie kaum ein anderer für die junge deutsche Rap- und Popkultur – das erklärt den nächtlichen Ansturm vor der zweitgrößten Bühne. Auf einem Schiff fährt er durch das Publikum, viele Freunde feiern mit ihm auf der Bühne, für einen ruhigen Zwischenpart wird es kleiner und reduzierter – und am Ende entlässt ein großes Feuerwerk die Besucher*innen in die Nacht.

Seht euch hier unsere Bildergalerie des Tages an:

 


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