Der Sonntag beim Hurricane Festival: Orchester auf der Mainstage, Unwetterwarnung und der größte Headliner
Nach neun Stunden Programm, wird das Gelände aufgrund einer Unwetterwarnung evakuiert. Als das Gewitter vorbeigezogen ist, spielt mit Green Day die größte Band des Wochenendes.

Scheeßel. Das war das 27. Hurricane Festival – nach einem abwechslungsreichen Tag mit drückender Hitze und schließlich einer Unwetter-Evakuierung, endet das Spektakel auf dem Eichenring nach vier Tagen und etwa 80 Konzerten mit einem starken Konzert von Green Day. Vorher steht mit TV-Satiriker Jan Böhmermann und dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld noch ein riesiges Instrumentenensemble auf der Hauptbühne. Die Füße schmerzen, die Ohren klingeln, die Sonne brennt, doch das tut der Euphorie und der friedlichen und ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch. Unser Tag im Live-Blog von Malte Löhmann und Marcel Kloth.
13:00 Uhr: Alenna Rose auf der Wild Coast Stage: Die Bremerin eröffnet mit vierköpfiger Liveband die Zeltbühne und legt direkt mit voller Energie los. Runter in die Menge, mit Fans und Freunden feiern, die früh Anwesenden anheizen. Das macht Spaß und überzeugt auch auf der Bühne, wo mit Leichtigkeit ernste Themen angesprochen werden – Selbstbestimmung, Klimawandel, Gentrifizierung – die Gewinnerin des „Gamechanger“-Contests bringt in ihrem 30-minütigen Auftritt einiges unter. Ungebremste Energie zum Start in den Tag!
14:30 Uhr: Royal Republic auf der Forest Stage: Zunächst zum täglichen Wetterupdate! Es sind zwar 32 Grad und damit noch mehr als gestern, durch gelegentliche Wolken und etwas Wind wirkt es nach subjektivem Empfinden aber erträglich. In der Mittagssonne gibt’s eine geballte Ladung Rock‘n‘Roll. Die Schweden von Royal Republic sind bekannt für ihre ihre explosiven Liveshows und lassen keine Wünsche offen. Alternative-Rock, Funk und unwiderstehliche Hooks – eine wilde Party vor der Mainstage. Hits wie „Full Steam Spacemachine“ „Baby“ und „Tommy-Gun“ gehen direkt in die Beine – immer gespickt mit Humor und guten Ideen – wie z.B. die eingeschobene Gitarrenmelodie von „Stand Up (For The Champions)“, als sich die Fans gerade zum Aufspringen hinknien.
15:00 Uhr: Amyl & The Sniffers auf der River Stage: Jetzt wird’s richtig wild! Die australische Punk- und Garage-Rock-Band feuert rotzige Krawall-Klänge in die Menge. Eine beeindruckende Stimme, ansteckende Energie und ein sehenswertes Live-Erlebnis.
15:45 Uhr: Tom Odell auf der Forest Stage: Nur wenige Tage vor Beginn des Hurricane Festivals wird das Geheimnis um den letzten noch offenen Slot im Timetable gelüftet und Tom Odell als Special Guest bekannt gegeben. Begleitet von einer sechsköpfigen, dunkel gekleideten, mit Bläsern und Streichern gespickten Liveband, sitzt der Singer-Songwriter aus England selber den Großteil des nun folgenden Auftritts – gekleidet in einem ebenfalls dunklen Sakko, aus dessen Ärmeln die Schlagärmel eines bunten Hemds herauslugen, auf der Nase eine schwarze Sonnenbrille – an einem schwarzen Flügel.
Tom Odell war bereits im letzten Jahr auf dem Hurricane, damals noch mit dem frisch erschienenen Album „Black Friday“ im Gepäck. Dieses Jahr dann zuerst der Festival-Sommer, bevor im September das mittlerweile siebte Studioalbum „A Wonderful Life“ erscheint, mit dem Odell im Herbst auf Tour geht. Überraschenderweise wird die zuerst erschiene Single des genannten Albums „Don’t Let Me Go“ an diesem Nachmittag nicht performt, dafür aber der unreleaste Song „Can Old Lovers Ever Just Be Friends?“, der zudem heute zum allerersten Mal live gespielt wird.
Ansonsten ist die Setlist ein buntes Potpourri aus dem 12-jährigen Schaffen Tom Odells. Highlights sind die beiden Balladen „Heal“ und „Best Day Of My Life“ in der Mitte des Sets, geschlossen wird mit „Black Friday“ und natürlich „Another Love“. Das Publikum beweist insbesondere bei der Performance des letztens Songs besondere Sensibilität, nachdem dieser ruhige und emotionale Song im letzten Jahr durch zu lautes Mitgrölen in meinen Augen nicht genossen werden konnte. Tom Odell ist einer dieser Künstler, die man sich problemlos angucken kann, auch wenn man keinen einzigen Song kennt. Musikalisch für mich einer der hochwertigsten Acts im diesjährigen Line-Up.
16:30 Uhr: Parcels auf der River Stage: Die perfekte Band zu dieser Uhrzeit! Die fünf Australier spielen unglaublich entspannten, tanzbaren und entschleunigenden Elektro-Pop. In der Nachmittagssonne versprühen sie gute Laune, reihen Indie-Riffs aneinander und kombinieren Disco-Sound mit coolen Jazz-Ausflügen. Das ist einfach nur leichtgängig und macht Spaß! In einem ruhigen Moment setzen sie die Besucher*innen auf den Boden und die Band auf die Bühnenkante. Augen schließen und genießen!
18:15 Uhr: Nina Chuba auf der River Stage: Nach zwei Konzerten im Pier2 in Bremen und einem Auftritt auf dem Hurricane, die ich in den letzten zwei Jahren bereits besuchen durfte, habe ich erst nach dem Auftritt in diesem Jahr das Gefühl, dass Nina Chuba sich live gefunden hat. Zugegeben: Gesanglich wird hier immer noch ordentlich nachgeholfen, doch was die Choreografien, die Interaktion mit dem Publikum und natürlich auch die Liveband angeht, hat mir dieser Auftritt bisher am besten gefallen.
Positiv ins Gewicht fallen hier auch die zuletzt erschienenen Songs wie „Wenn das Liebe ist“, die insgesamt rockiger ausfallen. Hier reiht sich auch „Rage Girl“ ein, der erst an diesem Freitag erscheinen wird und zu dem Nina Chuba und die Frauen aus ihrer Liveband einen Tanz vor roter Pyrotechnik aufführen. In der Mitte des Sets kommt Chapo102, der früher am Tag mit den 102 Boyz auf der Mountain Stage aufgetreten ist, zu „Ich hass dich“ auf die Bühne. Für die Zugabe hat Nina Chuba sich „Wildberry Lillet“, „Waldbrand“ und „Fliegen“ aufgehoben.
19:30 Uhr: Jan Böhmermann & Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld auf der Forest Stage: Nach Alenna Rose und Raum27 schon der dritte Act aus Bremen – so viel gab’s in 27 Hurricane-Ausgaben noch nie. Der ungewöhnlichste Headliner seit langem, mit dem TV-Satiriker und seinem Orchester hat zur Bekanntgabe wohl niemand gerechnet. Dabei laufen die gemeinsamem Konzerttouren gut und entsprechend steht die Combo mit der Spitze des Line-Ups. Als das Banner mit der Aufschrift „Böhmermann ist Schuld“ in Optik des BILD-Logos fällt, fährt Jan Böhmermann mit E-Scooter, Regenjacke und Fahrradhelm auf die Bühne. „Wir sind gekommen, um euch zu politisieren“ – politische Songs und Ansagen für Zehntausende Menschen. Musikalisch vielseitig und inhaltlich pointiert – das Orchester um Lorenz Rhode ist musikalisch absolut hochklassig und bekommt immer wieder Räume für ausgiebige Solo-Parts geboten.
Es gibt Songs von großen Problemen wie wiedererstarkendem Faschismus bis zu kleinen Sorgen wie plötzlich endenden Fahrradwegen auf die Ohren. Auch als sein Pseudonym POL1Z1STENS0HN spielt Jan Böhmermann mehrere Songs, gleichzeitig erinnert er damit daran, dass das Grundgesetz auch für die Polizei und den Bundesinnenminister gibt. Den bekanntesten Song „Ich hab‘ Polizei“ dichtet er mit Seitenhieben in Richtung Alexander Dobrindt um. Völlig aus dem Nichts kommt der Gastauftritt von Merlin Sandmeyer aka. Ladendetektiv Jonas Schulze aus „Die Discounter“ – „Party in Billstedt“ kann hier fast jede*r mitsingen. Ein spontanes Highlight! Nur von Akustik-Gitarre begleitet, singt Böhmermann dagegen den Song „Licht an“ – ein 2017 veröffentlichter Titel nach dem Motto „keiner hat etwas gewusst, keiner hat etwas gesehen“. Die 75-minütige Show ist eine der vielseitigsten des Wochenendes, gleichzeitig ein Grenzgang aus Musik, Humor und Politik! Wer eine Bühne bekommt, sollte sie nutzen. Politik gehört in meinen Augen in die Musik genau wie ins Stadion. Stadionreif ist bekanntlich auch die Hurricane-Hauptbühne – und auf dieser gab‘s als Headliner heute ein Orchester. An diesen Auftritt wird man sich noch lange erinnern! Als der letzte Song „Vegesack“ gerade beginnt, muss das Festival aufgrund einer Unwetterwarnung leider unterbrochen werden.
21:00 Uhr: Das gesamte Gelände wird evakuiert und alle Besucher*innen aufgefordert, sich in ihre Autos zu begeben. Das Konzert von SDP wird kurz nach Beginn unterbrochen. Niemand darf sich mehr im Infield aufhalten. Eine halbe Stunde später beginnt es heftig zu regnen, blitzen und donnern. Über die App und Social Media Kanäle hält Veranstalter FKP Scorpio alle auf dem Laufenden. Stand jetzt sollen die Konzerte von SDP und Green Day stattfinden bzw. fortgesetzt werden.
22:00 Uhr: Zeit für den Blick auf einige Zahlen: Auf der Pressekonferenz am Nachmittag informierten die Veranstalter über einen bis dato völlig reibungslosen Verlauf des Festivals. Pro Tag seien insgesamt rund 65.000 Besucher*innen auf dem Gelände gewesen – das Hurricane-Festival ist damit eine der größten deutschen Open-Air-Musikveranstaltungen. Ausverkauft war die Veranstaltung anders als in vielen Vorjahren diesmal aber nicht, für bis zu 78.000 Fans wäre pro Tag Platz gewesen. Auch der Sanitätsdienst und die Polizei sprachen von einem Verlauf ohne größere Vorkommnisse. Mit 36 Transporten ins Krankenhaus gab es trotz der Hitze weniger Fahrten als im Vorjahr. Die Polizei musste sich hauptsächlich mit Taschendiebstählen beschäftigen – bei einer Veranstaltung dieser Größe leider erwartbar.
22:50 Uhr: Nach ausgezeichnetem Krisenmanagement, informiert FKP Scorpio über die anstehende Fortsetzung des Festivals. SDP, Green Day und Bennett werden auftreten!
23:50 Uhr: Green Day auf der Forest Stage: Durch die gewitterbedingte Verschiebung des Auftritts müssen Green Day ihren Auftritt von 2:10h auf 1:40h kürzen. Die zehn Minuten für das Intro, in dem Queens „Bohemian Rhapsody“ in voller Länge läuft und ein rosa Hase der Menge im Anschluss zu „Blitzkrieg Bop“ von The Ramones ordentlich einheizt, wollte sich die Band aus Kalifornien wohl nicht nehmen lassen, ebenso wenig wie die (meiner Meinung nach etwas zu abgedroschen und lang ausgefallenen) Interaktionen mit dem Publikum. Welche Songs dafür aus der Setlist geflogen sind, bleibt reine Spekulation.
Drummer Tré Cool sitzt etwas erhoben vor einer Wand aus LEDs und beleuchteten Marshall-Amps, über der eine LED-Leinwand prangt, auf einem Podest, das im gleichen Stil wie die Wand dahinter verkleidet ist. Die Farben der LEDs ändern sich je Song und orientieren sich an den entsprechenden Alben. So erstrahlt die Bühne zum Beispiel in Rot bei Songs von „American Idiot“ oder in Pink bei Songs vom zuletzt erschienenen Album „Saviors“. Zusammen mit „Dookie“ sind das auch die Schwerpunkt-Alben, von denen heute Songs performt werden, ergänzt um Hits wie „21 Guns“, „Minority“ oder „Good Riddance“, der als allerletzter Song ausschließlich von Sänger Billy Joe Armstrong und seiner Akustik-Gitarre gespielt wird. Anschließend verabschiedet sich Cool noch vom Publikum, indem er seinen Drumstick-Eimer in sein Set-Up schleudert, welches er bereits im Finale des Songs „Bobby Sox“ zerlegt hatte.
Performance-technisch hat dieser Auftritt alles, was man sich von einem Headliner dieser Größe erhofft. Feuerwerk, Flammen und Konfetti werden in einer Tour gezündet, während des ersten Sets ist auf der Bühne die Hand mit der Granate in Herzform, die auf dem Cover von „American Idiot“ abgebildet ist, als riesiger Ballon zu finden und bei der Performance von „When I Come Around“ wirft ein Zeppelin ebenfalls aufgeblasene Bomben mit „Dookie“-Aufschrift, die eingefleischten Fans vom „Dookie“-Cover bekannt sein dürften, über dem ersten Pit ab. Mit einer neu hinzugedichteten Zeile rechnen Green Day dann noch bei „American Idiot“ mit Amerika als „War Nation“ ab, was sich an diesem Tag, an die USA dem Krieg von Israel und Iran beigetreten sind, nochmal krasser anfühlt. Der Auftritt endet mit dem offiziellen Abschluss-Feuerwerk des Hurricane Festivals.
Seht euch hier unsere Bildergalerie des Tages an:
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