Der Freitag beim Hurricane Festival: Headliner mit Orchester und ein zerstörtes Großraumbüro

Vielseitige Headliner wie AnnenMayKantereit, Alligatoah und Biffy Clyro, aber auch Überraschungen wie Djo prägen den ersten großen Hurricane-Tag, insgesamt gibt es bei sonnigem Wetter ein breites musikalisches Spektrum zu entdecken.

Biffy Clyro (Foto: Jörg Kröger)

Scheeßel. Nationale und internationale Headliner, Crossover mit Überstunden und entschleunigende Klänge am Nachmittag. Die Besucher*innen des Hurricane Festivals hatten nach der Warm-Up-Party am Donnerstag gestern die Auswahl aus fast 25 Konzerten auf vier Bühnen. Wir waren bei einigen Auftritten dabei und haben viele Eindrücke aufgeschnappt. Texte von Malte Löhmann und Marcel Kloth.

15:00 Uhr: #HurricaneSwimTeam auf der Forest Stage: Standesgemäß und inzwischen auch traditionell darf das #HurricaneSwimTeam das Hurricane Festival offiziell eröffnen – auch wenn es angesichts der Wetteraussichten dieses Jahr wohl nicht viel zu schwimmen gibt. Fünf Mitarbeiter von Veranstalter FKP Scorpio inkl. Festivalchef Stephan Thanscheidt spielen 30 Minuten lang humorvolle Eigenkompositionen und umgedichtete Coverversionen. Die im Regenjahr 2016 spontan zusammengestellte Crew hat inzwischen sogar einige über die Jahre zu kleinen Klassikern gereifte Songs im Gepäck – „lass‘ uns scheeßeln geh‘n“!

15:30 Uhr: Paris Paloma auf der River Stage: Der erste Auftritt auf der River Stage gehört in diesem Jahr der englischen Singer-Songwriterin Paris Paloma. Ihr Sound irgendwo zwischen Indie-Pop und -Folk eignet sich ausgezeichnet für einen ruhigen Start in diesen sonnigen Freitag. Vor der River Stage versammeln sich zu dieser frühen Stunde bereits einige Menschen, die spätestens zum größten Hit – der Feminismus-Hymne „Labour“ – ausgelassen tanzen und mitsingen.

16:00 Uhr: Querbeat auf der Forest Stage: Der Garant für gute Laune und Partystimmung steht anschließend mit der Kölner Karnevalsband Querbeat auf der Hauptbühne. Lautstarker Brasspop lässt keinen Fuß still stehen und die eingängigen Texte lassen sich auch von jenen mitgrölen, die Querbeat hier heute erstmals erleben. Zum ersten und sicherlich nicht letzten Mal an diesem Wochenende erhebt sich vor der Forest Stage eine riesige Staubfolge aus dem Moshpit.

16:00 Uhr: Lagwagon auf der Mountain Stage: Jetzt sind alle Bühnen eröffnet! Die kalifornische Punkrock-Band ist seit 35 Jahren aktiv und steht für 90er-Skatepunk – zum Glück nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Hurricanes, während sich das Line-Up eher in Richtung jüngerer Pop-Solo-Künstler*innen wie Nina Chuba, Zartmann und Berq verschiebt. Schnelle Drums, Gitarrenohrfeigen und sattelfeste Hooks schallen ins Publikum, das hier im Schnitt vermutlich ein paar Jahre älter ist als der durchschnittliche Hurricane-Besucher in 2025. Ein musikalischer Throwback in Zeiten, in denen das Hurricane Mitte der 90er gegründet wurde.

16:30 Uhr: Kate Nash auf der River Stage: Weiter geht es mit dem nächsten inhaltlich starken FLINTA*-Act auf der River Stage: Kate Nash steht mit Gitarristin, Bassistin und Drummerin auf der blauen Bühne. Und ähnlich wie Vorgängerin Paris Paloma beendet auch Nash ihr Set mit ihrem bekanntesten Hit. „Foundations“ stellt das furiose Finale dieses 45-minütigen Auftritts dar, das in einem Solo der Gitarristin mündet, die schlussendlich gemeinsam mit Nash auf dem Boden der blauen Bühne liegt.

17:15 Uhr: Olli Schulz & Band auf der Forest Stage: Relativ spontan wurde der Hamburger Singer-Songwriter mit seiner Band bestätigt – und in der späten Nachmittagssonne passt es perfekt! Ein schönes, entspanntes Indie-Rock-Set mit ehrlichen Texten und vielen Geschichten des Liedermachers zwischen den Songs. So beispielsweise die Anekdote, dass er Ende der 90er selber als Stagehand hier in Scheeßel gearbeitet hat. Heute steht er bereits das dritte Mal selber auf der Bühne. Mit Akustik-Gitarre trägt er Musik vor, die nicht auf die große Geste setzt, sondern direkt ins Herz zielt. Eine entspannte, entschleunigende Stunde und ein Plädoyer für die Bedeutung von Musik als Kunstform!

18:00 Uhr: Djo auf der River Stage: Die Überraschung des Tages ist für mich definitiv Djo. Dass Joe Keery, der vor allem als Schauspieler der Serie „Stranger Things“ bekannt ist, gute Musik produziert, war kein Geheimnis – über 20 Mio. monatliche Hörer*innen auf Spotify und der absolute Top-Hit „End Of Beginning“ sprechen für sich. Doch dass seine Musik – psychedelischer Pop, der vor allem von verzerrten oder mehreren Stimmen und elektronischen Spielereien lebt – auch live funktioniert, war für mich alles andere als garantiert.

Doch genau das bringen Keery und seine sechsköpfige Liveband zu Stande. Keery selbst spielt Gitarre und Klavier und wird von einem weiteren Gitarristen, einem Bassisten, einem Drummer sowie einem Keyboarder auch durch Backing Vocals unterstützt. Und weil ein Schlagzeug nicht reicht, wird die Band von einem zweiten Drummer komplettiert. Außerdem sind wirklich überall auf der Bühne diverse Mikrofone, Keys und Synthesizer zu finden, die sich für diesen gleichzeitig nostalgischen sowie futuristischen Sound verantwortlich zeichnen.

Das Highlight des Auftritts ist natürlich die Performance des Welthits „End Of Beginning“, geschlossen wird das Set allerdings mit dem mit Abstand rockigsten Song, der das musikalische Können der Band noch einmal hervorragend unter Beweis stellt. Mir hat Keery mit dieser Performance gezeigt, dass er mehr ist als ein Schauspieler, der nebenbei seine Bekanntheit für eine Karriere als Musiker ausnutzt. Dafür hat ja auch schon sein Künstlername gesprochen, der nicht sofort in Verbindung mit seinem Klarnamen gebracht wird. Djo ist ein eigenständiger Künstler, der sich seinen Erfolg als Musiker komplett verdient hat.

19:00 Uhr: Von Wegen Lisbeth auf der Forest Stage: Erneut nach 2022 darf die Berliner Indie-Pop-Gruppe auf der größten Bühne auftreten, obwohl Gitarrist Doz sich unter der Woche die Hüfte gebrochen hat und Ersatzmann Nick sich innerhalb von nur zwei Tagen das Set draufgeschafft hat. Unter einer riesigen Discokugel spielen sie zu zunächst ein langes Intro, bevor sie mit „Wieso“ einsteigen. Schon nach 15 Minuten passiert, worauf viele Fans wohl auch angesichts der ausgedehnten Herbst-Tour gehofft haben: Ein brandneues Stück wird vorgetragen – „schick’ mir ne Karte vom Mars“. Als Abwechslung zu Gitarre, Schlagzeug, Bass weben Von Wegen Lisbeth auch mal mit Regenbogenachttästler und japanischem Omnichord tanzbarste Indie-Melodien für die – ähnlich wie bei Olli Schulz – auch hier eher ruhigen und entschleunigenden Momente. Da der Gebietsschutz des Festivals jetzt gefallen ist, kündigen sie auf der Bühne abschließend Tourkonzerte in Bremen, Hannover und Leer an.

19:45 Uhr: Girl In Red auf der River Stage: Abendessen im Speckgürtel der River Stage, im Hintergrund läuft unaufgeregter Indie-Pop der norwegischen Singer-Songwriterin Girl In Red. Die „queere Ikone“ reiht sich perfekt in das Programm der River Stage an diesem Nachmittag ein: verträumt, queer, viral.

20:45 Uhr: Biffy Clyro auf der Forest Stage: Biffy Fuckin‘ Clyro are back! Nach mehrjähriger Pause ist Mitte Juni die neue Single „A Little Love“ erschienen, mit dem die Schotten ihr Set direkt eröffnen. Die live fünfköpfige agierende Gruppe wird ihrem Ruf als eine der besten Live-Bands überhaupt vollends gerecht. Unglaublich druckvolle Momente reihen sich an Mitsing-Parts, krachende Gitarrenriffs an Balladen. Ein energetisches Live-Erlebnis, das Tausende Fans kollektiv miteinander teilen. Für mehrere Songs wird die Live-Performance um zwei Geigen bereichert. In einem atmosphärischen Halbkreis aus gut 30 senkrecht stehenden Lichtbalken mit Nebeleffekten setzen sie ihre Musik in das immer passende Setting. Mit jedem Song und jedem Akkord entfesseln Biffy Clyro einen hypnotisierenden Strudel aus Emotionen – ein absolutes Highlight des Wochenendes!

21:45 Uhr: Rise Against auf der River Stage: Erster Rock-Act auf der River Stage! Und was ist das Rezept für einen echten Punk-Rock-Auftritt? Richtig, schrammelige Gitarren, Megaphone und ganz viel Feuer. Lediglich für ein paar Songs wird es ruhig, als Rise Against-Sänger Tim McIlrath alleine mit Gitarre performt. Danach geht’s dann lautstark weiter, Hits wie „Satellite“ und „Savior“ werden von der Bühne geschmettert. Durch die Crowd vor der River Stage gibt es mittlerweile kaum noch ein Durchkommen.

23:00 Uhr: AnnenMayKantereit auf der Forest Stage: Ganz alleine mit Akustik-Gitarre startet Henning May vor einem großen, schwarzen Vorhang. Kurz danach öffnet sich dieser und die drei namensgebenden Musiker und Bassistin Sophie kommen zum Vorschein. Nach 2016 und 2019 sind sie das dritte Mal auf dem Hurricane eingeladen, erstmals als Headliner. Gitarrist Christopher Annen bedient schon beim dritten Song „Wohin du gehst“ die Mundharmonika, Sänger Henning May beim vierten Titel „Marie“ die Ukulele, beim fünften Song „Du bist anders“ gibt es Trompeten, Saxophon und Posaune – trotz des zunächst überschaubaren Setups ist viel Abwechslung im Auftritt. Es kommt sogar bei zahlreichen Stücken vor, dass bis zu zehn Musiker*innen fast als ein kleines Orchester gemeinsam auf der Bühne stehen. Zum Anspruch eines Headliners auf einem Festival dieser Größe muss es in meinen Augen gehören, sich etwas Besonderes auszudenken – und diesem Anspruch werden AnnenMayKantereit gerecht! Nach der Hälfte des Sets stehen sie als Trio auf einer B-Stage inmitten des Publikum und spielen akustisch „Ozean“. Zurück auf der Mainstage gibt es selbst langjährig bekannte Songs wie „21, 22, 23“ im Orchester-Gewand. Als erste Zugabe singt Henning May „Barfuß am Klavier“ solo am Piano. Zu „Tommi“ schließt sich langsam der Vorhang, sie kündigen eine Tour für das nächste Jahr an und spielen zum Abschluss noch „Ausgehen“ – ein letztes Mal ausgelassen feiern! Wenn Sänger Henning May mit seiner besonderen Stimme in seinen Bann zieht und das gesamte Publikum lauthals mitsingt, schafft er einen der prägenden Headliner-Momente dieses Jahres.

00:30 Uhr: Alligatoah auf der River Stage: Feierabend? Noch nicht ganz! Wobei Alligatoah schon „Out Of Office“ ist. Gespickt mit theatralischen und schauspielerischen Einlagen, zerlegt er eine Bürokulisse und überzeugt mit einer perfekt inszenierten Show. Absolute Leichtigkeit, aber jeder Ton und jede Bewegung sitzt. Musikalisch hat Alligatoah eine Rock-Album herausgebracht und bewegt sich als Grenzgänger zwischen den Genres. Hip-Hop trifft Nu-Metal und die Trümmer des Büros werden zur experimentellen Spielwiese – hier machen Überstunden bis 2 Uhr nachts richtig Spaß!

Seht euch hier unsere Bildergalerie des Tages an:

 


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