Fair-Weather-Fest: „Weil wir an die Idee glauben“
Zum ersten Mal gibt es das Fair-Weather-Fest im Bremer Viertel. Im Interview sprechen die Veranstalter über das Club-Festival mit dem Schwerpunkt Punk, Emo und Hardcore

Bremen. Einfach mal machen: Die Lieblingsbands buchen. Die Lieblingsclubs anfragen. Und dazu die Kneipe, den Skaterladen, den Tätowierer und den Plattendealer des Vertrauens für die Idee gewinnen. Viel Aufwand, Herzblut und Engagement aufbringen und immer weiter an der Idee arbeiten. Und dann steht es: das Fair-Weather-Fest im Bremer Viertel. Yannic Arens, Laurin Rutgers, Claas Reiners und Christopher Hollmann haben das einfach mal gemacht. Warum, wieso und was das alles soll, darauf geben die Veranstalter des Fair-Weather-Fests (Freitag und Samstag, 6. und 7. Juni) im Interview Antworten.
Kurz mal vorweg: Wer seid ihr, was macht ihr und was prädestiniert euch, ein Club-Festival zu veranstalten?
Claas: Wir sind im Kern vier Leute, drei spielen in Bands, einer nicht und wir gehen alle gerne auf Konzerte. Uns prädestiniert nichts mehr oder weniger als andere Menschen in der Punkszene, so etwas zu tun. Wir sind von einem großen DIY-Spirit getrieben und wollen Bands und Besuchenden einfach ein tolles Wochenende ermöglichen. Und klar, wir wollen natürlich selber ein paar unserer Lieblingsbands sehen.
Vor gut einem Jahr seid ihr beim Pizzaessen auf die Idee gekommen, ein Festival zu veranstalten. Wie ging es dann weiter? Also wie geht man so eine Aufgabe an, wenn man das noch nicht gemacht hat?
Laurin: Wir haben uns auf ein Datum geeinigt, alle Venues gebucht und allen unseren Freund*innen in Bands gesagt, sie müssen vorbeikommen. Glücklicherweise hatten damals so gut wie alle noch Zeit und sind jetzt Teil des Line-Ups, was uns sehr freut. Nach und nach kam dann alles mit der Ankündigung und Bewerbung ins Rollen, jetzt kümmern wir uns vor allem um die Personalsituation (Shoutout jetzt schon mal an alle unsere Helfer*innen – ohne die wäre das ganze nicht machbar!), technische Vorbereitung mit den Venues und Bands und so weiter.
Viele Clubs machen nach und nach die Türen dicht, kleine Festivals können wirtschaftlich kaum überleben und Rock’n’Roll ist doch sowieso tot. Warum macht ihr jetzt ein Clubfestival? „Punk will never die“ oder was?
Claas: Auch wenn eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantwortet werden sollte, warum nicht? Oder anders gefragt, wann, wenn nicht jetzt? Jammern hilft nicht. Wir veranstalten das Festival auf diese Art, weil wir es so wollen, ohne irgendeinen weitergehenden Hintergedanken. Aber natürlich sind wir sehr an einer gesunden Clubstruktur interessiert. Du bist nicht der Erste, der diese Frage stellt. Wenn wir mit dem Festival den Clubs mehr Aufmerksamkeit geben können, ist das ein netter Nebeneffekt. Aber eben ohne eine Agenda dahinter.
Christopher: Claas sagt’s schon, wir hören die Frage nicht zum ersten Mal. Aber wir brauchen so dringend Orte, an denen wir einfach zusammenkommen und eine super Zeit haben können. Nach der Pandemie wurden Menschen hinterfragt, wenn sie den Mut für ein Gastro-Gewerbe gefasst haben. Heute fragt man uns, ob wir verrückt oder einfach naiv genug sind, uns noch ins Festival-Business zu trauen. Was uns motiviert ist der Wunsch, Räume zu schaffen, in denen Altbekannte und neue Leute ein fantastisches Wochenende feiern können. Das politische Klima und herausfordernde Zeiten für Clubs und Künstler*innen motivieren uns nur noch mehr, ein offensichtlich linkes und DIY-gestemmtes Festival zu starten. Und wir hoffen und merken, dass viele Menschen in diesem Vorhaben an uns glauben und ein Teil davon werden.
Ihr habt 21 Bands (Acts) im Line-Up stehen. Warum sind es diese 21 geworden – also was ist ihr gemeinsamer Nenner?
Yannic: Zu so ziemlich jeder der Bands haben wir einen persönlichen Bezug. Entweder haben wir sie schon einmal veranstaltet, oder wir haben mit ihnen gespielt oder kennen uns über die Szene. Da wir mit dem Festival bereits an allen Enden viel zu tun haben, gönnen wir uns hier die kurzen Wege und die einfacheren Absprachen, welche sich durch persönlichen Kontakt zu den Bands ergeben. Natürlich gibt es aber auch eine musikalische Komponente, die wir nicht außer Acht gelassen haben. Ich denke es ist uns gelungen, ein Programm zusammenzustellen, das zwar eine klare Zielgruppe anspricht, jedoch nie langweilig wird.
Wenn ihr einen Wunsch frei hättet: Welche Band – egal wie groß – hättet ihr gerne dabei?
Laurin: The Weakerthans.
Claas: Unterschreibe ich.
Christopher: Kauft mal fleißig Tickets liebe Leute, damit wir meinen Friends diesen (superguten) Wunsch erfüllen können.
Sei es als Musiker, als Booker oder Veranstalter – ihr steckt selbst bei Bands und Projekten mit drin. Habt ihr euch im Prinzip mit dem Festival nur eine eigene Plattform geschaffen?
Yannic: Das Festival gibt uns natürlich die Möglichkeit, viele Fäden zusammenlaufen zu lassen. Musik machen und Shows veranstalten geht im DIY-Kontext, aus dem wir kommen, sowieso Hand in Hand und mit dem Fair-Weather-Fest können wir unsere Kontakte und Erfahrungen bündeln und etwas entstehen lassen, das hoffentlich mehr ist, als zwei Konzertabende infolge. Es fühlt sich ein bisschen an wie der logische „nächste Schritt“. Dass wir als Veranstaltende dabei teilweise selbst auf der Bühne stehen, ist allerdings kein Teil des Konzepts – das hat sich einfach sehr angeboten!
Mehrere Locations, 21 Bands, Personal, Unterbringung, Security, Marketing, Catering und so weiter. Dann aber ein Ticketpreis von 43 Euro für zwei Tage. Wie genau kann sich so ein Festival wirtschaftlich überhaupt tragen?
Yannic: Wirtschaftlich tragbar heißt in diesem Fall erst einmal, dass wir uns nicht privat verschulden. Wir haben nicht den Anspruch, damit etwas zu verdienen und sind uns bewusst, dass wir (vor allem im ersten Jahr) auch ein gewisses finanzielles Risiko eingehen. Wir haben jedoch entschieden, uns davon nicht abschrecken zu lassen. Weil wir Lust haben, etwas auf die Beine zu stellen und weil wir an die Idee glauben!
Förderung, Sponsoren oder Unterstützer – wie sieht bei euch die Unterstützung von außen aus?
Claas: Sponsoren nein! Förderung ja. Und Unterstützung durch sehr viele helfende Hände, die uns an den zwei Tagen unterstützen werden.
Christopher: Mich hat immer wieder begeistert und angetrieben, mit wie viel Dankbarkeit und Begeisterung uns im Vorfeld begegnet wurde. Seien es Menschen aus den besagten Clubs, Freund*innen, Bands – oder einfach Menschen, denen wir most random einen Flyer in die Hand gedrückt und vom Festival erzählt haben. Neben uns im „Team“ ist das Fair-Weather-Fest schnell ein Ding geworden, dass sich durch viele helfende Hände und freiwillige Unterstützung nach einer großen Festival-Familie anfühlt, die sich allesamt nach diesem gemeinsamen Happening gesehnt hat. Das geht auch nur so, weil wir alle nicht hauptberuflich am Festival werkeln und auch andere Verpflichtungen haben. Aber es macht eben auch ganz stolz, dass sich unsere so einfache Idee so schnell für viele als unterstützenswert etabliert hat.
Warum habt ihr euch für die Clubs Lila Eule, Lagerhaus und Calavera entschieden?
Yannic: Wir wollten von Anfang an ein Festival, das sich mitten im Viertel abspielt. Hier ist schließlich unser Lebensmittelpunkt und hier fühlen wir uns wohl. Und die Kombination aus Lagerhaus und Lila Eule war für uns quasi der Grundstein der Idee. Beide Läden 50 Meter voneinander entfernt und mit der idealen Größe / Kapazität für das, was wir uns vorstellen. Das Lagerhaus als zentraler Anlaufpunkt mit dem Foyer und dem großen Veranstaltungssaal und direkt daneben die legendäre Eule. Das Calavera als dritte Venue ist ebenfalls um die Ecke und bringt, als mit Abstand kleinste Bühne, auch noch eine sehr intime Komponente mit rein! Wir fühlen uns geehrt, das erste Mal überhaupt Bands in den Laden zu bringen. Leider wird es auch vorerst das letzte Mal sein, da das Calavera bald schließen wird.
Mal angenommen, das Festival läuft richtig gut: Wird es dann wiederholt und könnte es noch größer werden? Ein Art Bremer Booze Cruise Festival vielleicht?
Yannic: Das ist der Plan! Ob, beziehungsweise wie viel größer es überhaupt sein soll, wird sich zeigen. Erstmal möchten wir das Fair-Weather-Fest natürlich ein bisschen etablieren. Bei der Vorstellung, so einen kleinen Szene-Melting-Pot in der eigenen Stadt zu haben (und gestalten zu dürfen), wärmt sich jedenfalls mein Herz. Und wir sind vorsichtig optimistisch, dass im zweiten Jahr einiges einfacher zu organisieren sein wird und sich gegebenenfalls auch mehr Leute mit einbringen können und möchten. Mich hat an Bremen schon immer etwas irritiert, dass die Szene gefühlt aus verschiedenen kleineren Blasen besteht und mit dem Festival kann ich (als jemand der „Networking“ eigentlich hasst) hoffentlich einen kleinen Teil dazu beitragen, dass hier etwas zusammenwächst. Das Booze Cruise war natürlich eine Veranstaltung mit ähnlichem Konzept, so richtig inspiriert hat uns (Laurin und mich) allerdings vor allem „The Fest“ in Gainesville, auf dem wir 2023 das Glück hatten, mit Phantom Bay spielen zu dürfen!
Laurin: Wir werden niemals eine Größe wie etablierte Festivals mit großen Bühnen und hohen Gagen werden können. Wollen wir auch nicht! Wir sind und werden non-profit bleiben, versuchen die Preise so niedrig wie möglich zu halten (trotz der heutigen Zeit, in der das fast unmöglich scheint) und wollen ein möglichst niedrigschwelliges Angebot für die Szene und die daraus resultierende Gemeinschaft bereitstellen.
Christopher: Ganz ehrlich: Ein Fair-Weather-Fest-Cruise auf der Sielwallfähre hatte ich schon im Hinterkopf, als wir beim ersten Treffen noch nicht mal die Pizza vor uns hatten. Kauft Tickets, lasst uns gemeinsam eine mega Zeit haben und schauen, wo die Reise noch hingeht!
Das Fair-Weather-Fest findet im Lagerhaus, der Lila Eule und im Calavera statt. Außerdem gibt es Akustik-Konzerte im Eisen, Titus, bei Black Plastic und Aktionen bei Treibeis Tätowierungen. Festivaltickets sind für 39,- Euro erhältlich im Titus Skateshop, bei Black Plastic sowie online über TixForGigs.
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