Goldene Jahre im Schlachthof

Die Hamburger Indie-Institution Tocotronic stellte ihr neues Album „Golden Years“ im Kulturzentrum Schlachthof vor und bettete die neuen Songs in einem Best-Of ein.

Tocotronic

Zugegeben, Tocotronic und ich entfremdeten sich schon vor einer langen Zeit. Das „weiße Album“ zündete dann irgendwann doch. Gleiches galt dann auch für „Kapitulation“. Aber seit drei Jahren sind Tocotronic für mich wieder zurück. Fand ich das 2022er-Album „Nie wieder Krieg“ schon sehr gut, übertrifft das aktuelle Werk „Golden Years“ meine Erwartungen. Am Tag nach der Veröffentlichung textete ich einem Freund: „Golden Years = Golden!“ Er antwortete: „Super Album.“ Und daran hat sich in den Monaten seit Veröffentlichung nichts geändert.

Nun waren Tocotronic zu Gast in Bremen. Wieder im Schlachthof, wie auf der letzten Tour. Dem Album angemessen, gab es keinen Backdrop hinter dem Schlagzeug von Arne Zank, sondern schlicht einen goldenen Vorhang. Oder in diesem Fall passt das Wort „Hinterhang“ vielleicht besser. Zu dramatischer Orchestermusik betrat die Band mit großen Rock’n’Roll-Gesten die Bühne. Und… ja, und dann? Wurde das Publikum begrüßt und versichert, dass es schön ist, wieder zurück zu sein. Alles sehr höflich. Und vor allem gut gelaunt. Sänger Dirk von Lowtzow begann mit den Worten: „Wir möchten beginnen…“, das erste Stück anzukündigen, als jemand aus dem Publikum rief: „mit den alten Liedern!“ Leichtes Gelächter vor und auf der Bühne. Der Ball wurde von von Lowtzow geschickt aufgenommen und gekontert. Tatsächlich mit dem Album-Opener „Der Tod ist nur ein Traum“, welches nahtlos in das gegenteilige Stück „Bleib am Leben“ überging. Wie auf dem Album. Dem doch überwiegend älteren Publikum – die sicherlich nicht mehr Teil einer Jugendbewegung sein könnten – gefiel es.

Diese Frage nach „den alten Liedern“ stellt sich bei Tocotronic ja häufiger. Zumal die Band kürzlich ihr 30-jähriges Jubiläum feierte. Aber welche Phase umfasst „die alten Lieder“ eigentlich? Die ersten drei Alben, die 90er, die ersten zehn Jahre? Alles etwas diffus. Eigentlich ist das Verlangen nach „dem Alten“ ja nur ein Verlangen nach Nostalgie, die eigene Jugend nochmal aufleben lassen. Eins kann Tocotronic sicherlich nicht unterstellt werden: Nostalgie. Bei der Band ging es immer um Entwicklung. Und seien wir mal ehrlich, nicht alle Tocotronic-Stücke sind gut gealtert. Andere dafür aber umso besser. Die Band jedenfalls ließ sich nicht lumpen und spielte Songs aus allen Schaffensphasen und sparte nur – die von mir wenig gemochte – Zeit von 2010 bis 2020 aus. Das „rote Album“, „Die Unendlichkeit“, solche Sachen. Ansonsten war für jede*n etwas dabei. „Bye Bye Berlin“, „Ich hasse es hier“ oder „Ich tauche auf“ – bei dem es während und kurz nach dem Song zu einem kleinen Handgemenge kam – von den letzten Alben. Aber eben auch „Digital ist besser“, „Drüben auf dem Hügel“, „Gegen den Strich“, „Hier leben, nein danke“ – den „Arschlöchern der AfD“ gewidmet oder auch „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“. Bei den Zugaben dann die Hits des „weißen Albums“ und das unvermeidliche „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen.“

Eine auffallend gute Laune bei der Band, ein glänzend und zum Scherzen aufgelegter Dirk von Lowtzow, ein fantastischer Sound und ein insgesamt wohlwollendes und entspanntes Publikum rundeten den Abend ab, der einfach nur ein Adjektiv verdient: SCHÖN!

 


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