Wiedergeburt der „Generation Rock“

Revolverheld veröffentlichen ein kompromissloses Rock-Album - nur für den Live-Moment. Ihr Auftritt im ausverkauften Modernes ist erstaunlich laut und wild.

Revolverheld

Bremen. Revolverheld haben sich in den letzten 20 Jahren zu einer der größten und kommerziell erfolgreichsten Pop-Rock-Bands des Landes entwickelt. Mit sanfter und eingängiger Musik treten sie in den größten Hallen auf, werden vielfach im Radio gespielt und haben neben treuen Fans dafür auch Kritiker. Was die Band um den in Bremen geborenen und in Worpswede aufgewachsenen Frontsänger Johannes Strate sich aber immer beibehalten hat: eine politische korrekte Einstellung, für die sie ihre Reichweite nutzen, außerdem eine angenehm humorvolle Selbstironie.

Ende 2022 gingen die Wege von Revolverheld und ihrem Label auseinander. Die vierköpfige Gruppe beschloss, eine eigene Plattenfirma zu gründen und sich auf ihre Wurzeln zu besinnen. Wie hätte das allererste Album ohne den Deal bei einem Major-Label geklungen? Die harte Rockmusik, die natürlich nicht bei der breiten Masse ankommt und deshalb abgeschmettert wurde? So ist „R/H/1“ entstanden – ein Album nur für den Live-Moment, für das Revolverheld auf alle gängigen Mechanismen des Musikindustrie verzichtet. Keine Single vorab, kein Radio, kein Streaming hinterher: Ein Album nur und ausschließlich für die kleinen Clubs, wie zu Beginn ihrer Karriere. So stehen Revolverheld mit kompromissloser Rockmusik zum Tourauftakt auf der Bühne des längst ausverkauften Modernes.

Die Band, die dort ohne Voract pünktlich um 20 Uhr die Bühne betritt, hat wenig bis gar nichts gemein mit den aus TV und Radio bekannten Revolverheld. Sänger Johannes Strate berichtet von seiner Nervosität vor dem Auftritt, schließlich sei es ein Experiment, eine Premiere. Niemand im Raum kennt die Songs von „R/H/1“ – außer der Band und ihrem Team. Dem Publikum ist dies natürlich anzumerken, es verhält sich eher beobachtend bei den zwölf neuen Stücken. Die komplett in schwarz gekleidete Band präsentiert darauf harte Riffs und Background-Screams, stellenweise ist es näher an Stoner-Rock und Metal als an Pop und Rock. Klingt komisch, ist aber tatsächlich so.

„R/H/1“ sei die Platte, die sich immer machen wollten, berichtet Strate. Für die letzten zwei Jahrzehnte seien sie unglaublich dankbar, jetzt ist ihnen aber die Lust auf etwas Neues anzumerken. Das Album sei kein neues Kapitel, sondern ein ganz neues Buch. Etwas musste raus, das bisher nie raus konnte und im bisherigen Revolverheld-Kosmos keinen Platz hatte. Für den 43-jährigen Sänger und Gitarristen ist es eine Premiere in vertrauter Umgebung. Als Kind der Region hatte er seine ersten Auftritte 2002 in der Lila Eule und berichtet von Shows im Jugendzentrum Rotenburg/Wümme, bei denen das Publikum ausschließlich aus den anderen Bands bestand. Damals hat er am Ostertorsteinweg gewohnt, war Stammgast im Litfass, dienstags im Tower, donnerstags in der Eule und samstags zur Tanznacht im Modernes. Dann kam ein größeres Booking, ein riesiger Plattendeal und der bisherige Stil wurde zu kantig. „Schreibt nochmal ein paar Singles“ sei sein Lieblingssatz aus der kommerziellen Hochphase.

Alle zwölf Titel von „R/H/1“ finden ihren Platz in der Setliste. Dazwischen gesellen sich ältere und bekanntere Stücke wie „Das kann uns keiner nehmen“ und „Ich lass für dich das Licht an“ in neuen, rockigen Arrangements. Diese können von den anwesenden Fans mitgesungen werden und sind wichtig für die Stimmung im Saal. Für die wenigsten ist es das erste Revolverheld-Konzert, die meisten waren schon bei Shows, wie z.B. 2010 hier im Modernes oder zuletzt 2016 und 2019 in der ÖVB-Arena. Es solches Experiment lässt sich nur mit einer treuen Anhängerschaft durchführen, die bereit ist, sich auf den neuen Stil einzulassen und vor allem fast 80€ für eine Clubshow zu bezahlen, bei der die überwiegende Anzahl an Songs gänzlich unbekannt ist. Dafür gibt es immerhin noch ein exklusives Album-Bundle, bestehend aus CD, Vinyl und Download-Code, verpackt in einem speziell gestalteten Fan-Beutel.

Der einzig ruhige Moment des Abends ist die Ballade „Halt dich an mir fest“, die Johannes an Gitarre und Kris an Bass und Piano zu zweit performen. Danach geht’s direkt in fünfköpfiger Bandbesetzung weiter, ein Highlight ist das Medley aus vier älteren Stücken vom 2005er-Debütalbum. Als ersten Song veröffentlichten Revolverheld damals „Generation Rock“ – am heutigen Abend durften sie dies vielleicht zum allerersten Mal gänzlich unbeschwert ausleben.

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:


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