Strandgut fürs Herz
In wunderschöner Atmosphäre direkt an der Nordsee, fand von Freitag bis Sonntag das bereits elfte Watt En Schlick Fest in Dangast statt.

Dangast. Es ist ein Kompliment für ein Festival, wenn die Besucher*innen direkt zur Öffnung des Geländes zum Merchandise strömen und sich mit T-Shirts, Pullovern und sonstigen Kleidungsstücken eindecken. Das Watt En Schlick ist ein besonderer Festivalentwurf, ein Lieblingsort, ein Urlaub für die ganze Familie. Direkt am Strand gelegen, verbindet es in Dangast nun bereits im elften Jahr Musik, Natur und Kunst. Der Ruf als eines der schönsten deutschen Festivals eilt ihnen längst voraus, und der sofortige Ausverkauf aller Tickets nach Vorverkaufsstart für das Folgejahr hat sich zur schönen Tradition entwickelt.
Fernab von Alltagssorgen und ohne die Unbehaglichkeiten der großen Mainstream-Festivals, vereint das Watt En Schlick unterschiedlichste Menschen, die friedlich zusammenkommen und gemeinsam Kultur erleben. Am Strand sieht man Freunde und Familien auf Decken, Kinder spielen im Wasser oder im Schlick und die Besucher*innen ziehen Kraft aus den drei Tagen. Auf der Strandbühne blicken die Bands während ihres Auftritts hinaus auf die Nordsee im Jadebusen. Direkt am Wasser und im Einklang der Tiden stehen die Fans oft barfuß im Sand, alles ist detailreich und liebevoll arrangiert.
Der berühmte Rhabarberkuchen des Kurhauses am Rande des Geländes wird auch direkt am Strand neben Kaffeespezialitäten verkauft und kann genossen werden, während auf den vier Bühnen Bands, Solokünstler*innen und Autor*innen auftreten. Direkt am Wattenmeer gibt es neben der Hauptbühne das je nach Ebbe oder Flut im Wasser schwimmende oder auf Watt stehende Floß am Rande des Geländes und mittendrin die mit vielen Helfer*innen aus Holz gebaute Palette von Flowin Immo. Die vierte Bühne „La Mer“ steht an der Promenade und ist nach dem Unwetter im letzten Jahr nun ein seitlich geöffnetes Zirkuszelt, sie wechselt das Programm mit der Hauptbühne ab.
Freitag: Springflut, Tradition und ein spannendes, abwechslungsreiches Programm
Tradition verpflichtet – und so eröffnen auch in diesem Jahr Moop Mama den Festivalfreitag auf der Hauptbühne. Seit gut einem Jahr ist Sängerin Älice fester Teil des Kollektivs, und spätestens seit dem ersten gemeinsamen Songrelease „Blechdach“ im Juni wirkt das Zusammenspiel so eingespielt, als hätte es nie anders geklungen. Während die Sonne sich langsam durch die Wolken kämpft, macht die Band mit Bläserdruck und Rap-Dynamik kurzen Prozess mit der Restträgheit des Anreisemorgens. Das Publikum? Früh da, laut, in Bewegung – besser kann ein Auftakt nicht laufen. Anschließend sorgen Iedereen im Zwei-Mast-Zelt „La Mer“ für die erste Überraschung des Tages. Das niederländische Duo bringt mit seiner Mischung aus Garage, Indie und Punkrock selbst die kritischsten frühen Besucher*innen zum Tanzen. Dass das Zelt im Laufe des Auftritts immer voller wird, spricht für sich. Wer sich darauf einlässt, wird mit verschwitzter Ekstase belohnt.
Vor der Hauptbühne ist danach Zeit zum Verschnaufen: Die Sterne bringen Hamburger Schule ans Wattenmeer. In aller Ruhe und mit dem Erfahrungsschatz aus über drei Jahrzehnten spielte sich die Band um Frank Spilker durch ein Set, das zwischen Melancholie, Witz und Gesellschaftskritik pendelt. Ein musikalisches Runterkommen – aber eines mit Haltung. Das Meer im Rücken, der Wind im Gesicht, dazu Songs wie „Universal Tellerwäscher“ – das Watt En Schlick von seiner besten Seite.
Am späten Nachmittag setzt eine Springflut das Festivalgelände am Strand kurzzeitig unter Wasser, die Palette ist komplett eingeschlossen und das Programm verschiebt sich somit etwas – eine gute Gelegenheit, das Spektakel von der Steinmauer aus zu beobachten oder das Gastroangebot einmal auszuchecken. Weiter geht es mit der großartigen Mine, die einen der besten Auftritte des Wochenendes absolviert. So kunstvolle Popmusik ist eine Besonderheit in der aktuellen Musikwelt – zwei Schlagzeuge, Theremin, Keys, Gitarren und natürlich die talentierten Musiker*innen dahinter sorgen für einen fantastischen Sound. Dabei blicken sie am vollen Strand nicht nur auf das Meer, sondern auch auf ein Meer aus Menschen – mit Wasser, Schafen und Deich ist das Watt En Schlick wohl das Festival mit dem schönsten Ausblick überhaupt.
Auf dem Floß versprüht Oehl am frühen Abend eine ganz besondere, fragile Energie. Akustisch, leise, fast zerbrechlich – zwei Gitarren, zwei Stimmen, viel Gefühl. Während auf anderen Bühnen getanzt oder gerappt wird, ist hier Innehalten angesagt. Dann: Ennio. Mit Drummer und Gitarrist bringt er souverän seine melancholisch-poppigen Songs auf die Bühne. Bei „Kippe“ steht er dagegen allein im Scheinwerferlicht – ein stiller Höhepunkt. Sein Mando-Diao-Cover („Dance With Somebody“) sorgt für eine kollektive Zeitreise ins Jahr 2009 – die Schweden waren damals sein erstes Konzert, jetzt singt er den Song für sein eigenes Festivalpublikum. Eine runde Geschichte!
Juse Ju setzt später im Zelt ein Ausrufezeichen. Wütend, präzise und energetisch rappt er sich durch ein kluges, kraftvolles Set. Mit Freestyle-Passagen, Grönemeyer-Sample („Männer“) und einem Moshpit, der fast explodiert. Vielleicht ein bisschen zu viel Chaos – aber dafür umso mehr Energie. Zum Ausklang stehen Kokoroko auf der Strandbühne. Die britische Afrobeat-Jazz-Fusion-Band spielt instrumental vor dem Abendhimmel. Ein entspannter Abschluss eines ersten Festivaltages, der klanglich schon viel geboten hat.
Samstag: Circle Pit im Wasser, Kopfsprung vom Floß und elektronische Headliner
Verifiziert eröffnet den zweiten Tag auf der Strandbühne, nachdem ihr Auftritt im letzten Jahr wegen eines gecancelten Flugs buchstäblich ins Wasser fiel. Die österreichische Musikerin bringt recht viele und ruhige Songs mit und wird dabei unterstützt von ihrem Produzenten und DJ sowie von ihrem Kumpel Kion aus Wien, mit dem sie drei Songs zusammen vorträgt. Passend ist zudem die Coverversion von Julis „Perfekte Welle“.
Mit Lampe gibt es auf dem Floß einen kurzweiligen und unterhaltsam Auftritt des Alleinunterhalters mit Akustik-Gitarre. Viele kennen Lampe als Stagehand von Madsen oder Support-Act von Olli Schulz – heute singt er über kleine Misserfolge im Alltag und schenkt seinem Song „Weltuntergangsparty“ eine Weltpremiere. Am frühen Nachmittag übernimmt Dominik Hartz die Hauptbühne – deutlich trockener als letztes Jahr, als er im Hagel spielte. Damals trotzten viele Fans dem Wetter und hatten eine fantastische Zeit. Auch diesmal sind die fünf Musiker der Band spielfreudig und nahbar. Mit dem Debütalbum in der Pipeline spielen sie ein dynamisches Set – ein Künstler auf der Schwelle zu Größerem.
Ein Sprung auf die Palette: Steintor Herrenchor locken mit ihrem Retro-Post-Punk ein junges Szenepublikum an. Alle vier Mitglieder sind ungewohnt klar erkennbar – heute stehen sie im strahlenden Sonnenschein statt bei einer ihrer meist völlig eingenebelten Clubshows. Während später die Flut einsetzt, tritt hier der dänische Produzent Dillistone auf. Die Menschen driften fast automatisch entlang der Wasserlinie tanzend näher zusammen. Später übernimmt Erobique – instrumental, begleitet von einem Drummer, zieht er nicht nur das Publikum an Land mit, sondern auch rund 50 Menschen ins Meer. Dort entsteht ein Circle Pit im Wasser – klingt verrückt, ist aber pure Watt-Magie.
Auch Fortuna Ehrenfeld sorgt auf dem jetzt sehr wackeligen Floß für ein denkwürdiges Bild. Das Trio um Martin Bechler zieht trotz androhender Seekrankheit ihr Ding durch, auch das Publikum harrt aus, während das Wasser an den Schienbeinen immer höher kriecht. Dafür sehen sie mit eigenen Augen, wie der Frontmann zum Ende seines Sets im Pyjama kopfüber ins Wasser springt.
Im goldenen Sonnenuntergang bekommen Cari Cari mit lässigem Western-Stil und Musik zwischen Psychedelic-Rock mit Didgeridoo, Americana und Indie-Pop das perfekte Setting. Wie so viele Acts an diesem Tag, ist auch das Trio aus Österreich angereist. Am Strand gibt es abends mit Kiasmos einen elektronischen Headliner. Mit technoidem Sound und durchdachtem Lichtdesign liefern sie eine hypnotische Show. Vor der Bühne ist es allerdings nicht so voll, wie man es zu so einem Zeitslot erwarten dürfte – dafür sind die Klänge dann vielleicht doch etwas zu speziell.
Sonntag: Überraschungen, Orchester und spielstarke Headliner
Der Sonntag startet wie jedes Jahr mit einer festen Größe: der Weltmeisterschaft im Schlickrutschen. Die Wetterbedingungen sind perfekt, die Stimmung ist ausgelassen – und trotz des langen Samstags stehen viele Menschen wieder früh am Strand, um den Athlet*innen zuzujubeln.
Musikalisch übernimmt mittags Das Lumpenpack den Staffelstab. Noch letzte Nacht auf einem Punkfestival in der Eifel, liefern sie mit lockerem, humorvollem Punkstart und augenzwinkernder (Selbst)Ironie ein Set, das Familien mit Kindern (inklusive Ohrschonern) ebenso erreicht wie übernächtigte Festivalbesucher*innen. Es wird getanzt und die angestaute Energie entlädt sich in friedlichen Circle Pits, während das zur Band verstärkte Duo in einem aufblasbaren Ford Fiesta über die Arme des Publikums gleitet. Ein neuer Song über True Crime Podcasts sorgt für Lacher, der Strand ist voll und die Stimmung in der Mittagssonne auf einem Höhepunkt. Sie beenden ihre Stunde mit „Clubs dieser Stadt“ inklusive „Mr. Brightside“-Einschub und dem Abschluss „Die Nacht“.
Am Nachmittag zieht Berq auf der Hauptbühne alle Aufmerksamkeit auf sich. Letztes Jahr noch auf der kleinen Palette, jetzt zu Recht auf dem großen Slot um 16 Uhr. Der junge Künstler, derzeit einer der spannendsten Newcomer Deutschlands, liefert eine dichte, emotional aufgeladene Performance – mit Gitarrist, Cellistin, Bassist, und ihm selber häufig am Piano. Mit emotionaler, starker Stimme verzaubert er die junge Generation. Besonders bewegend ist die Geschichte über seine Großeltern sowie ein reduziertes Schmyt-Cover von „Ich wünschte, du wärst verloren“, das er hier schon im letzten Jahr gespielt hat. Hinten an der Bühne weht ein riesiges weißes Banner mit dem Motiv eines Mädchens mit roter Flagge – visuell angelehnt an seinen bekanntesten Song, der im Set natürlich nicht fehlen darf.
Ein spätes Festivalhighlight schenkt Faber am Abend den Anwesenden vor der Strandbühne, auf der eine Kulisse in Form eines halbrunden Amphitheaters geschaffen wurde – ein inszenatorischer Leckerbissen. Das ideale Setting für sein virtuoses, achtköpfiges Orchester, das den Schweizer Sänger spielstark durch sein Set zwischen Wehmut, Wucht und Witz begleitet. In diesem Moment wird das Festival sinnbildlich zur gigantischen Theateraufführung.
Am späten Abend sorgt Paula Hartmann für einen gefeierten Abschluss am Strand – vor zwei Jahren noch auf dem Floß, heute Headlinerin. In einer großen Burg als Kulisse sitzt sie zunächst in schwarz gekleidet mit Kapuze oben auf dem Turm. Mit zurückhaltender Bescheidenheit bietet sie eine hervorragende Show. Sie erzählt die Geschichte, wie die Großeltern eines der Festivalgründer einst ihre Großeltern verkuppelt haben. Sie kamen aus der Gegend um Dangast und leben nicht mehr – heute fühlt es sich für die Sängerin so an, als würden sie zusehen. Gänsehaut garantiert! Nach einem energischen Set mit DJ-Begleitung steigt bei der ersten Zugabe „Sag was“ T-Low als Featuregast ein. Bis zur letzten Minute bleibt dieses Festival voll von Überraschungen.
So endet die elfte Ausgabe des wunderschönen Watt En Schlick Fests. Am folgenden Vormittag gehen die Karten für das Festival im nächsten Jahr in den Vorverkauf und sind erwartungsgemäß sofort vergriffen. Repräsentativer könnte das Feedback zur diesjährigen Veranstaltung nicht ausfallen.
Seht euch hier unsere Bildergalerien des Watt En Schlick Fests an:
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