Mit großem Fußabdruck

Die Nerven haben den Auftakt ihrer zweiten Tour zum neuen Album „Wir waren hier“ im ausverkauften Tower Musikclub gespielt.

Foto: Jörg Kröger

Bremen. Kaum eine deutschsprachige Band hat einen so konstanten und qualitativ hochwertigen Output wie das Stuttgarter Punk-Trio Die Nerven. Im vergangenen September hat die Gruppe bereits ihr sechstes Studioalbum veröffentlicht. Selbst im Vergleich zu den nicht gerade optimistischen Vorgänger-Platten, ist „Wir waren hier“ apokalyptisch und voller Angst, bewegt sich zwischen Wut und Ohnmacht. Diese gnadenlose Stimmung und den düsteren Sound bringen Die Nerven aktuell in die Musikclubs. Der Auftakt der laufenden Konzertreise fand am Mittwoch im ausverkauften Bremer Tower statt.

Während vor der Bühne schon seit Wochen jeder Platz restlos vergriffen ist, steht vor dem Publikum zunächst Claudia Schlutius alleine als Support-Act. Erstmals seit längerer Zeit, steht die Sängerin der Band Lawn Chair solo auf der Bühne und gibt einen Eindruck in ihre Musik. Nur mit elektronischer Gitarre, präsentiert die Sängerin einige Songs der sonst fünfköpfigen Post-Punk- und Indie-Band in reduzierter Version, zusätzlich gibt es neue, unveröffentlichte Musik und ganz eigene Stücke auf die Ohren. Ein experimenteller und alternativer Auftakt in den Konzertabend, der Lust macht, bei Lawn Chair weiter reinzuhören.

Auf die aufgewärmten, eng stehenden Besucher*innen trifft eine Welle aus Druck und Energie, als Die Nerven mit dem Album-Opener „Als ich davonlief“ ihr Set eröffnen. Gitarrist und Sänger Max Rieger, Bassist Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn starten energisch ohne Aufwärmphase in ihre Show. „Auf der Flucht vor der Wirklichkeit, ist mir kein Weg zu weit“ – ihr Sound und ihre Texte sind gnadenlos und dystopisch. Die Angst ist allgegenwärtig, ob in sich aufbauenden Strophen oder packenden Refrains.

„Warum hab‘ ich Angst, aber du nicht?“ fragen Die Nerven im zweiten Titel „Das Glas zerbricht und ich gleich mit“. Lieder vom Ende der Welt und von der arroganten Selbstabschaffung der Menschheit. „Wir nehmen die letzten Stunden, fette Jahre gerne mit.“ Dystopische Endzeitstimmung. Aussicht auf Besserung? Fehlanzeige. Ebenso lässt das Trio seine persönliche Vergangenheit hinter sich. „Ein Hoch auf die Jugend, zum Glück ist sie vorbei.“ – Die Nerven wollen „nie mehr achtzehn sein“. Es sind persönliche wie universell deutbare Eindrücke, die die Stuttgarter ihrem Publikum um die Ohren hauen. Die ersten sechs Stücke sind exakt die ersten sechs Songs des neuen Albums, mehr als die Hälfte des neuen Werkes gibt es zu Beginn nahezu kommentarlos am Stück. Erst danach werden die Fans im Tower begrüßt – das Konzert beginnt zunächst als Full-Album-Show und mündet nach sechs Songs in ein früheres Best-Of.

Für Die Nerven ist es das vierte Konzert in Bremen – das Live-Album „Live in Europa“ aus 2017 ist fast ausschließlich der Bremen-Auftritt der damaligen Tour. Auch auf der jetzigen Reise nehmen sie ein Live-Album auf – extra dafür spielt das Publikum eine gelangweilte Begrüßung und lautes Buhen und Pfeifen nach „Aufgeflogen“ ein. Neben Texten und Musik wird das Konzert geprägt von einem sehr guten Sound, passender Lichtshow mit Schattenspielen zu den instrumentalen Phasen und Wechselgesang zwischen drei starken Charakteren und leidenschaftlichen Musikern. Besonders Kevin Kuhn an den Drums zuzusehen, wäre einen ganz eigenen Abend wert. Voller Einsatz und Hingabe tobt er sich an Schlagzeug und Percussion und all den dazugehörigen Elementen aus. Als das Konzert mit „Frei“ und „Dunst“ endet und die Eindrücke bleiben wird spätestens klar, wie groß die Fußabdrücke sind, die Die Nerven auf der Tower-Bühne hinterlassen haben.

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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