Hurricane-Warm-Up: Zwischen Nostalgie und Moderne

Bei schönem Sommerwetter ist das 28. Hurricane Festival gestern Abend mit der Warm-Up-Party in der Wild Coast Stage gestartet.

Foto: Malte Löhmann

Scheeßel. Das 28. Hurricane Festival ist eröffnet! Begleitet von strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen, gehen vormittags die Tore der Campingplätze auf. Gleichzeitig melden die Veranstalter*innen offiziell: ausverkauft! Nachdem bereits Zehntausende ihre Zelte aufbauen und Camps einrichten, beginnt abends das musikalische Programm in der Wild Coast Stage. Der erste Abend spielt sich komplett in der Zeltbühne ab, bevor das Infield ab heute Nachmittag zur Staubwüste wird. Zunächst schmettert der mehr als 60-köpfige Kiezchor Hansemädchen eine Stunde lang Rockklassiker der 80er, Chartstürmer der 90er und Popnummern der 2000er. Anschließend sorgen die Disco-Zauberer Siegfried & Joy mit Illusion, Interaktionen und ganz viel Selbstironie für magische Momente.

Wie schon in den letzten Jahren, steht die sechsmastige Zeltbühne auf der anderen Seite der gesperrten Landstraße L131 und somit in Sicht- und Hörweite der Campingplätze. Mit Herrenmagazin spielt die erste Band des Tages, während draußen die Schlangen an der Bändchenausgabe einfach nicht kürzer zu werden scheinen. Zehn Jahre nach dem abgesagten Auftritt im Unwetter-Jahr 2016 stehen die vier Hamburger wieder auf der Hurricane-Bühne und verbinden deutschsprachigen Indie-Rock mit Leichtigkeit und Tiefe. Ihr Set startet temporeich mit „Wütende Gespenster“, bevor „In den dunkelsten Stunden“ die ersten großen Mitsing-Momente des Abends erzeugt. Den Refrain von „Lnbrg“ scheinen die frühen Besucher*innen ohnehin alle zu kennen. Die Energie von Herrenmagazin wirkt direkt, die Band baut ihr 60-minütiges Set sehr abwechslungsreich auf und bringt sogar weniger bekannte Stücke wie „Zum Teufel“ unter. Generell wird der Auftritt eher gezielt als beiläufig angesteuert, ein stimmungsvolles Liebhaber-Konzert, das zum Ende sogar noch in die ersten Circle Pits des Festivals mündet.

Im inzwischen sehr vollen Zelt spielt mit Paula Carolina im Anschluss ein junger, angesagter Act, die Sängerin ist mit ihrer Live-Band bereits zum zweiten Mal in Scheeßel zu Gast. Die Künstlerin und Vollblut-Musikerin hat einst ihr Lehramt-Studium geschmissen und präsentiert Rockmusik mit starkem Neue-Deutsche-Welle-Einschlag, dominanten Gitarren und Synth-Elementen. Nach vorne gehende Musik, die den Zeitgeist trifft. Fan Leon wird beim Song „Immatrikulationsbescheinigung“ auf die Bühne geholt und eröffnet den bis dahin größten Moshpit des Abends. Aufgrund eines medizinischen Notfalls wird das Set für 15 Minuten unterbrochen, die Zeit darf aber an den Auftritt rangehängt werden.

Das nennt man mal effizientes Arbeiten. Trotz verkürzter Umbauzeiten geht es pünktlich um 23:00 Uhr mit Juli weiter. Und das Zelt ist proppenvoll. Der Großteil der Festivalbesucher*innen hat das Zelt nach Paula Carolina erst gar nicht verlassen und schon in der Umbaupause kommen noch viele weitere dazu, bis irgendwann nichts mehr geht. So ist auch der Platz vor dem Zelt bis zum Eingang des Festivalgeländes hin gefüllt. Hier wird das Konzert auf der LED-Wand übertragen und die Menge tanzt, jubelt und singt davor, als würde sie unmittelbar vor der Bühne stehen. Spätestens ab dem zweiten Song „Elektrisches Gefühl“ ist die Stimmung bei 100%, bei den Hits des Debütalbums „Es ist Juli“ steigt sie sogar noch ein wenig mehr. Die erste Strophe von „Geile Zeit“ wird noch ein zweites Mal gespielt, damit das Publikum den Song genießen kann, ohne dabei Handyaufnahmen zu machen. Nachdem auch „Perfekte Welle“ gespielt ist, lichtet es sich sowohl vor als auch im Zelt deutlich. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich mit einem Knall von der Bühne zu verabschieden, denn mit der Zugabe „Regen & Meer“ klingt das Set eher langsam und ruhig aus.

Anders als im Übergang von Paula Carolina zu Juli, tauscht das Publikum in der Wild Coast Stage für Disarstar noch einmal nahezu vollständig durch, sodass der Ausgang spontan per Mikrofondurchsage auf die andere Seite des Zeltes verlegt wird, damit die verschiedenen Strömungen nicht aufeinandertreffen. Der Hamburger Rapper findet gewohnt energiereich klare Worte auf kompromisslosen Beats und sagt Ungerechtigkeiten in unserem Leben den Kampf an. Politik und deutliche Ansagen treffen auf Moshpits und Sprechchöre.

Nachdem anschließend mit Buzz Beat Boutique bis in die Morgenstunden gefeiert werden kann, geht es heute ab 15:00 Uhr mit dem Programm auf allen vier Bühnen los. Standesgemäß darf das #HurricaneSwimTeam auf der Forest Stage eröffnen, bevor wenig später u.a. Donots, Bosse und Royel Otis. Headliner des ersten großen Festivaltages sind Kraftklub, Yungblud und The Offspring.

 


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