Es wird wieder zu Gitarren getanzt

Die „Neue, neue deutsche Welle“ reißt einen ganzen Musikclub mit: Temmis und Steintor Herrenchor haben auf Co-Headliner-Tour im Tower gespielt.

Temmis

Bremen. Mit der pauschalen Benennung eines ganzen neuen Genres sollte man grundsätzlich vorsichtig sein. Doch die Ströme und Bewegungen der „neuen neuen deutschen Welle“ sind nicht mehr von der Hand zu weisen. Was im Umfeld des „Diffus“-Magazins erstmals häufiger so betitelt wurde und mit Künstler*innen wie Drangsal und Mia Morgan begann, hat längst größere Kreise gezogen. So ist eine ganze Generation junger Acts und Bands entstanden, die den Sound aus Electronica und Indie-Rock, gepaart mit großer New Wave-Verehrung verbreiten und eine immer größere Anhängerschaft finden. Die Welle ist zum Strom geworden, über die Ufer und Deiche getreten und im positivsten Sinne im Begriff, eine ganze junge Fanszene mitzureißen.

Mit Temmis und Steintor Herrenchor sind quasi zwei „Gründungsmitglieder“ gemeinsam auf fast vollständig ausverkaufter Co-Headliner-Tour, die Reihenfolge auf der Bühne wechselt ebenso wie die Support-Acts als Opener täglich. In Bremen springt für die erste Schicht um 20 Uhr spontan Traumatin ein. Für den jungen Solokünstler mit effektverzerrtem Gesang ist es das zweite Konzert in seiner Heimatstadt. Die Fans in den ersten beiden Reihen können vieles mitsingen, Traumatin ist für sie kein Unbekannter, zumal er sich in den musikalischen Stil des Abends nahtlos einfügt. In seinem basslastigen, 25-minütigen Eröffnungsprogramm spielt er als One-Man-Show seine Backing Tracks auf dem Laptop ab und wird für seinen bekanntesten Song „Nur zu weit“ schon im Intro bejubelt.

Temmis hauen in ihrem Intro wiederum direkt in die Gitarren und Drums und legen mit „Wenn du da bist“ als Eisbrecher vor springenden Fans im fast ausverkauften Tower los. Es wird wieder zu Gitarren getanzt und zu Synthie-Klängen gesungen: Anders als viele Acts des Genres, sind Temmis als vierköpfige Gruppe unterwegs und spielen die ungewöhnliche Fusion aus Band-Sound und technoiden Elementen. Die Gruppe strahlt mit einem Stern als Leuchtelement im Hintergrund eine Magie aus und bringt ihre Fans mit stampfenden Beats und breitem, musikalischem Spektrum zum Tanzen. Während ihre ältesten Stücke gerade erst zwei Jahre draußen sind, testen Temmis live auch neue Songs und kombinieren prägnante Einflüsse mit dem vollwertigen Sound einer Rockband. Die aktuelle Single „Alles brennt“ trägt Sänger Roman mit Akkordeon in der Hand vor, während „Arterien“ oder der zweite Teil von „Verloren wie ich“ elektronisch und tanzbar sind. Mit musikalischer Detailverliebtheit und emotionalen Texten sind Temmis präsent und spielstark, es macht einfach unglaublich viel Spaß, ihnen auf der Bühne zuzusehen. Mit ihrer bewährten Zugabe, dem übersetzten Cover „Raucherpause“ von The Chats, beenden die Wahl-Hamburger ihr Set am vorletzten, gemeinsamen Tourabend.

Hinter Steintor Herrenchor steckt, anders als der Name womöglich vermuten lässt, kein großer, männlich besetzter Chor, sondern ein junges Trio aus der Stadt mit dem aus Bremer Sicht maximal zweitbesten Steintor: Hannover. Die drei Jungs aus der niedersächsischen Landeshauptstadt sind weniger Rockband und mehr im dunklen, schwer elektronischen Post-Punk unterwegs. Im ganz dichten, eingefärbten Nebel ist es musikalisch kraftvoll und düster, während ihre Gesichter nicht zu erkennen sind. Mit einer Straßenlaterne als Bühnenbild und schimmerndem Lichtelement schaffen sie es, die bei Temmis aufgekommene Stimmung zu halten und auf ganz individuelle Art weiterzuführen.

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:


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