Der Sonntag beim Deichbrand Festival: Orchester, Emotionen und Kontroversen

Wilde Moshpits, spontane Überraschungen und Italo-Schlager - ein würdiger Abschluss beim Deichbrand Festival 2025.

Heisskalt (Foto: jk)

Cuxhaven/Nordholz. Der vierte und letzte Tag auf dem Deichbrand Festival startet – und die rund 60.000 Besucher*innen des ausverkauften Events starten ins große Finale. Viele von ihnen tun das mit gemischten Gefühlen: Die Beine sind schwer, die Stimme heiser, aber die Vorfreude auf ein letztes musikalisches Feuerwerk überwiegt. Schon früh am Vormittag herrscht emsige Betriebsamkeit auf den Campingplätzen: Zelte werden eingerollt, Müllsäcke gestopft und Pavillons zerlegt. Gerüchte über mögliche, letztlich glücklicherweise ausbleibende Gewitter am Abend machen die Runde, und so wollen viele noch vor der Dunkelheit die Heimreise antreten.

Wer einen Blick in die Statistiken des diesjährigen Vorverkaufs wirft, sieht: Der/die durchschnittliche Deichbrand-Besucher*in ist 26,3 Jahre alt. Mit einem Frauenanteil von 54 Prozent überwiegt leicht das weibliche Publikum. Nur je zwei Prozent der Gäste sind minderjährig oder über 55 – der größte Teil (43 Prozent) bewegt sich im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Die meisten Besucher*innen sind Arbeitnehmer*innen (63 Prozent).

Frühsport, Akustik-Punk und krachende Rockshow

Pünktlich zur Mittagszeit zieht es Zehntausende vor die Water Stage. Das Frühsport-Special hat sich in den letzten Jahren als beliebtes Ritual etabliert, und heute übernehmen Culcha Candela den energiegeladenen Auftakt. Nachdem sie im Vorjahr das Palastzelt bis zur Überfüllung ausgelastet hatten, dürfen sie diesmal unter freiem Himmel zeigen, was sie können. Mit einer wilden Mischung aus Hip-Hop, Reggae, Dancehall und Pop werfen sie Klassiker wie „Monsta“ oder „Hamma“ ins Publikum. Es wird getanzt, gesungen, gelacht. Ein besseres Rezept gegen den Zeltabbau-Blues gibt es kaum.

Mit ähnlich viel Humor, aber deutlich mehr Poesie geht es mit den Monsters Of Liedermaching weiter. Das sechsköpfige Akustik-Kollektiv bringt mit seinen Gitarren, Reimen und spitzfindigen Pointen einen angenehm entschleunigenden Gegenpol zum Vormittagsrave.

Dann wird es laut – und zwar so richtig. Endlich! Heisskalt übernehmen die Water Stage und liefern eine Show, die als eines der persönlichen Highlights des Festivals in Erinnerung bleiben wird. Die Band, die letztes Jahr nach längerer Pause mit dem Album „Vom Tun und Lassen“ zurückgekehrt ist, zeigt sich spielstark, mit der brachialen Energie von „Mit Worten und Granaten“ bringen sie die Menge in der Mittagssonne zum Kochen. Eine Besonderheit: „Wiederhaben“, ein eher unbekannter Song, der Fans mit seiner Intensität begeistert. Bassistin Lola Schrode war übrigens bereits am Vortag mit Das Lumpenpack zu sehen. Sänger Matthias Bloech stürzt sich mit Mikrofon in den Moshpit, während Backliner Daniel kurzerhand für einen Song Gitarre spielt. Mit dem älteren Fan-Liebling „Hallo“ verabschieden sich Heisskalt – und hinterlassen eine vibrierende, erschöpfte, aber zutiefst bewegte Crowd.

Von Schwedenpunk bis Newcomer-Nostalgie

Auf der Fire Stage liefern Millencolin ihren schwedischen Punkrock in gewohnt melodischer Manier ab. Seit über 30 Jahren tourt die Band durch die Welt, und heute versetzen sie das Publikum unter strahlender Nachmittagssonne und vor einer Wand aus Verstärkern in die 2000er zurück.

Weniger laut, aber nicht weniger eindrucksvoll wird es anschließend auf der Newcomer-Bühne New Port. Leuchtstoff treten dort auf – es ist erst ihr viertes Live-Konzert überhaupt. Die Band, die mit ihrer Demo-Single „Einfach sein“ 2021 über vier Millionen Streams generierte, blieb lange ein Mysterium: keine Konzerte, kaum Infos. Anfang 2025 erschien dann überraschend das Debütalbum „Flüchtig“. Ihr Sound: eine Indie-Mischung aus urbaner Melancholie, hymnischen Refrains und dezent eingesetzter Trompete. Beim neuen, noch unveröffentlichten Song „Fliegen“ steht Sänger Hans ganz alleine mit Gitarre auf der Bühne – ein leiser, eindringlicher Moment. Leuchtstoff wirken, als hätten sie ihre eigene Identität nun gefunden. Der Nachmittag bekommt mit ihnen eine verträumte Note.

Bühnenjubiläum der Leoniden und spontaner Gastauftritt

„Konzert Nummer 500!“ – die Indie-Rocker der Leoniden aus Kiel feiern ihr Bühnenjubiläum mit einem Feuerwerk der Energie. Schon beim ersten Song haben sie das Publikum in der Hand. Sänger Jakob springt früh in den Moshpit, später sitzt er zwischen den Fans am Klavier und zaubert ein Cover-Medley. Percussion-Soli werden auf der Bühne begonnen und später im Publikum beendet – Crowdsurfing inklusive.

Neben der musikalischen Wucht ist es auch der Humor und die Lockerheit, der die Leoniden so besonders macht. Auf Instagram betreibt die Band einen der charmantesten Bandaccounts der Republik, häufig lassen sie dort Requisiten von Festivals wie Banner, Pflanzen oder Teppiche aus den Garderoben mitgehen und verkaufen diese im Bandshop für einen guten Zweck. Heute gibt’s deshalb am Merchandise-Stand ein „Leoniden-Starterset“ mit u.a. Sturmhaube und Bolzenschneider.

Als Überraschung taucht Raum27-Sänger Tristan auf der Bühne auf und covert mit Jakob „Call Me Maybe“. Kein Deichbrand ohne Raum27 – wenn schon nicht als offizieller Act, dann eben als spontaner Gastauftritt. Die Fans danken es mit Jubelstürmen. Glückliche Gesichter überall.

Ein Orchester und humorvolle Fiktion

Der frühe Abend gehört Faber. Auf der Water Stage entsteht die eine Art Amphitheater, ein halbrundes, mehrstufiges Bühnenbild rahmt Fabers achtköpfiges Orchester ein. Hier wird das Deichbrand Festival für 75 Minuten zum Musiktheater: Jeder Ton wird live gespielt, nichts kommt vom Band. Das ist an diesem Wochenende keine Selbstverständlichkeit.

Das Orchester unter der Leitung von Goran Koč begleitet den Schweizer Sänger spielstark durch sein Set zwischen Wehmut, Wucht und Witz. Mal laut, mal leise, mal politisch. Zur Zugabe verlässt die Band die Bühne und begibt sich in Teilen mit Faber mitten ins Publikum – akustisch, nahbar, berührend. Es ist ein elegantes, mitreißendes und anspruchsvolles Konzert

Ein paar Schritte weiter beginnt anschließend so langsam das große Finale mit einem Schuss Italo-Glamour. Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys verwandeln die Mainstage in eine mediterrane Parallelwelt. Ihr ironisch aufgeladener Italo-Schlager wird von der Masse frenetisch gefeiert. Songs wie „Bella Napoli“ oder „Quanto Costa“ treffen genau ins Herz des Festivals – humorvoll, ironisch und immer mit Augenzwinkern.

Sie ziehen die Massen an und auch der „Schlagerstrudel“ und die „Wand der Begegnung“ dürfen natürlich nicht fehlen. Ungefähr nach der Hälfte spielen sie den ganz neuen und bisher unveröffentlichten Song „Amore Mio“. Zwischendurch gibt’s im Set sogar eine Cover-Hommage an Oasis: Da „Goodbye Arrivederci“ verdächtig ähnlich wie „Supersonic“ beginnt, wird der Klassier kurzerhand komplett ausgespielt. Wenn man schon keine Tickets für die Oasis-Reunion bekommt, dann wenigstens das.

Große Emotionen und kontroverses Finale

Der letzte Act auf der Water Stage sind BHZ – und sie liefern eine der emotionalsten Performances des Wochenendes. Nach dem tragischen Tod ihres Mitglieds Pablo Grant Anfang 2024 hatte sich die Crew lange Zeit zurückgezogen. Heute stehen sie wieder auf der Bühne – und zeigen, was Hip-Hop bedeuten kann, wenn er mit echter Freundschaft, Verlust und Zusammenhalt aufgeladen ist. Pablos Song „Kleiner Prinz“ läuft zum Schluss, während das Publikum ein Meer aus Handylichtern und „Pablo“-Sprechchöre in den Himmel sendet. Auf der Bühne liegen sich die verbliebenen Mitglieder in den Armen. Es ist ein stiller, starker Abschied.

Abschließend folgt der umstrittene und mit Spannung erwartete Auftritt von US-Rapper Macklemore als letzter Headliner-Gig des Wochenendes. Er betont nach dem ersten Song, dass er hier ist, um mit seiner Band und wirklich allen zehntausenden Besucher*innen eine große Party zu feiern. Ihm sei es wichtig, alle einzubeziehen und allen eine gute Zeit zum Festival-Abschluss zu bereiten. Songs wie „Thrift Shop“ oder „Glorious“ bringen die Menge in Bewegung. Bei „Downtown“ holt er eine Person aus dem Publikum für einen Gesangspart auf die Bühne – leider kommt die eigentlich zu singende Hook trotzdem komplett aus der Konserve. Das Mikrofon wird teilweise gar nicht zum Mund geführt. Warum man als Künstler dieser Größe so einen inszenierten Blödsinn abzieht, ist schleierhaft. Ein bitterer Beigeschmack eines ansonsten stimmungsvollen Auftakts.

Macklemore betont immer wieder, wie wichtig ihm Freiheit und Frieden sind. Vor dem pro-palästinensischen Song „Hind‘s Hall“ trägt er ein eigenes, fast fünfminütiges Statement vor, beginnend mit der Aussage, dass er sich eine probierte Zensur von Seiten der Politik, Sponsoren und weiterer Akteure nicht gefallen lässt und weiterhin für seine Überzeugungen eintritt. Auf den Inhalt werden wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen – erwähnt sei, dass der Vortrag und das Einstehen von Werten im Rahmen der demokratischen Meinungsfreiheit vollkommen legitim ist, eine recht extreme Meinung ohne Erwähnung von anderen Positionen aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Denn Kontextualisierung oder weitere Perspektiven? Fehlanzeige! Genauso klar ist inzwischen natürlich auch, dass Kritik an der rechtsextremen israelischen Regierung nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Harter Stoff zu später Stunde.

Zum Ende hin geht’s wieder mehr um Musik als um Weltpolitik: Sprünge, Konfetti, ausgelassene Gesichter. Ein Dance-Battle mit zwei jungen Frauen aus dem Publikum scheint anders als die vorherige „Gesangseinlage“ echt zu sein. Bei „Can’t Hold Us werden auf dem Feld noch einmal kollektiv alle letzten Energiereserven aktiviert.

Der Abschluss eines vielschichtigen Festivals

Der Sonntag beim Deichbrand Festival 2025 bringt noch einmal alles zusammen, was das Festival ausmacht: Emotionen, Haltung, Spaß, Wahnsinn, Gemeinschaft und große Musikmomente – vom Frühsport bis zum letzten Beat.

Die ersten Bestätigungen und das Datum für das nächste Deichbrand Festival 2026 sind bereits bekannt. Zwischen dem 16. und 19. Juli 2026 werden u.a. Rise Against, Beatsteaks, Sido und SDP auf den Bühnen stehen. Der Vorverkauf startet heute um 18:00 Uhr unter www.deichbrand.de/tickets.

Seht euch hier unsere Bildergalerie des Tages an:

 


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