20 Songs aus 20 Jahren

Madsen haben zum Bandjubiläum ihr Debütalbum in voller Länge sowie einige weitere Stücke im ausverkauften Pier2 gespielt.

Madsen

Bremen. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten sind Madsen aus dem Wendland ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene. Erst im letzten Jahr landete ihr achtes Studioalbum erstmals an der Spitze der Albumscharts. Schon sehr viel länger sind sie aus den Hallen und von den großen Festivalbühnen nicht mehr wegzudenken, begeistern regelmäßig Tausende Fans mit ihrer Musik. Auf dem ersten Teil ihrer Jubiläumstour spielen sie nur in wenigen Städten, darunter auch am vergangenen Freitag im Pier2. Die Besucher*innen in der schnell ausverkauften Halle sehen eine Full-Album-Show und zu Beginn des Abends zunächst, wie Drummer Sascha Madsen die Support-Band höchstpersönlich ansagt.

Den Abend eröffnen darf das Hamburger Duo Roller Derby, bestehend aus Philine Meyer an Synthies und Gesang sowie Manuel Romero an der Gitarre. Live werden sie um einen Drummer zum Trio verstärkt, dieser trägt trotz der Bandherkunft aus der vermeintlich konkurrierenden Hansestadt ein Werder-Trikot mit der Rücknummer 21 von Isak Hansen-Aarøen. Aber das nur als Randnotiz – musikalisch spielen Roller Derby sehr verträumten, atmosphärischen Indie-Pop. Ihre Songs sind viel ruhiger, vor allem aber ist das Auftreten sehr viel introvertierter, als man es von Madsen kennt. Deshalb ist es leider sehr laut im Publikum, die langen Pausen zwischen den Songs erzeugen Stille auf der Bühne, die die Aufmerksamkeit weiter schwinden lässt. Dabei ist der musikalische Vortrag wirklich gelungen – gute Musik, aber hier falsch platziert. Etwas mehr Präsenz und Mut würden den Musiker*innen auf der Bühne guttun, in Clubs könnte ihre Musik in der richtigen Stimmung wirklich gut funktionieren.

Auf ein laut abgespieltes „Mr. Brightside“ zum Ende der Umbaupause folgen „Madsen, Madsen“-Sprechchöre. Kaum hat die sechsköpfige Band um die drei Madsen-Brüder die Bühne betreten, startet ihr Set mit – na klar – „Vielleicht“. Es ist schließlich der erste Titel des nach dem Bandnamen betitelten Debütalbums aus 2005. In voller Länge, in der richtigen Reihenfolge, stehen diese elf Songs jetzt hintereinander auf der Setliste.

So eine Full-Album-Show eines zwei Jahrzehnte alten Albums führt natürlich dazu, dass die Band gleich mehrere Stücke Ewigkeiten nicht mehr live performt hat. So findet das Sänger Sebastian Madsen persönlich sehr wichtige Stück „Unsichtbar“ endlich mal wieder seinen Platz auf der Bühne, bei „Im Dunkeln“ werden die Taschenlampen und Feuerzeuge angeknipst und bei „Immer wieder“ ist ein kleiner Texthänger ob der lange nicht gespielten Nummer schnell verziehen. „Diese Kinder“ sei einer der Lieblingssongs des Gitarristen von Bilderbuch, die einen Tag später hier im Pier2 spielen werden. „Panik“ haben Madsen im Alter von 16 oder 17 Jahren geschrieben, noch mit ihrer Vorgängerband Hoerstuatz. Ihr Punkrock, der damals schon gelegentlich ins hymnenartige ausbrach, war im Prinzip von Anfang an für die großen Bühnen gedacht. Das beste Beispiel für ein solches Stück ist „Die Perfektion“, mit dem sie sich 2005 zum ersten Mal selbst im Radio gehört haben.

Zum 20. Jubiläum der Platte „Madsen“ wurde sie kürzlich neu aufgelegt, sodass der elfte und letzte Song „Wohin“ heute noch nicht den Schlusspunkt des Albums markiert. Im Zuge des Re-Release hat die Band mit „Heute Nacht“ ein weiteres Stück hinzugefügt, dass vor 20 Jahren im Albumkontext aufgenommen wurde, es aber nicht auf die finale Version geschafft hat. Jetzt besteht „Madsen“ aus zwölf Songs und „Heute Nacht“ setzt nach genau einer Stunde den Schlusspunkt unter den Full-Album-Teil des Konzerts.

Nach drei Minuten langer Umbaumusik mit Off-Stimme und „Lass die Musik an“-Orchester aus den Boxen, kommt die Band endlich zurück auf die Bühne. Jetzt kommt der „freie“ Teil des Sets, manche Stücke dankbares Pflichtprogramm, einige Songs überraschend dabei. „Sirenen“, „Kein Mann für eine Nacht“ oder „Nachtbaden“ dürften auf einem Madsen-Konzert natürlich nicht fehlen, aber auch Stücke wie „Auf deinem Balkon“ vom 2020er-Punkalbum werden gespielt. Das vor vier Jahren veröffentlicht Punk-Experiment „Na gut dann nicht“ ist wohl das Album, das dem Debütalbum nach so langer Zeit am ähnlichsten ist. Ganz neu im Set dabei ist „Faust hoch (gegen Faschismus)“ – eine gestenreiche, wichtige Botschaft!

Interaktion mit den Fans gibt es auf einem Madsen-Konzert ohnehin viele. Das textsichere Publikum singt den Refrain von „Du schreibst Geschichte“ einmal ganz alleine, bevor die Band mit dem Song loslegt. Zu Beginn der Zugabe sitzt Sänger Sebastian Madsen plötzlich an den Drums, während sein Bruder Sascha Madsen eine Runde crowdsurfen geht. Was auffällt: Die Band ist durchaus mit ihren Fans „gealtert“ – in Ausbildung oder Studium dürften die wenigsten Anwesenden sein. Madsen sind immerhin auch schon das 13. Mal in Bremen, so sagen sie selber auf der Bühne, und gut die Hälfte dieser Shows haben im heute einmal mehr ausverkauften Pier2 stattgefunden. Neben den vielen 20 Jahre alten Songs ist es obendrein ein nostalgischer Abend: Von den letzten beiden „regulären“ Studioalben „Hollywood“ (2023) und „Lichtjahre“ (2018) steht heute nicht ein einziger Song auf der Setliste.

Was bleibt uns von HB-People abschließend noch zu „Madsen“ zu sagen. Achja, folgende kleine Anekdote aus dem Redaktionsarchiv: Der 1. Juni 2005 muss ein ziemlich besonderer Tag für row-people gewesen sein. Auf der Vorgängerseite unseres Bremer Stadtmagazins erschien zwei Tage nach Release eine Rezension über das Debütalbum von Madsen. Gastautor war damals ein gewisser Thees Uhlmann, Sänger und Gitarrist der Band Tomte aus dem nicht allzu weit entfernten Hemmoor. Er charakterisiert das Album als „die beste Debüt-LP, seitdem ich über Musik schreibe“ – ein Zitat das sehr viele Jahre im Wikipedia-Artikel von Madsen stand. Mit Tomte hat er zu diesem Zeitpunkt bereits drei Alben veröffentlicht, im gleichen Jahr tritt er mit der Hansen Band auf und ein Jahr später sollte mit „Buchstaben über der Stadt“ das heute vielleicht wichtigste Tomte-Album folgen. Bleibt nur die Frage: Wann sehen wir Thees endlich mal wieder im Pier2?

Seht euch hier unsere Konzertfotos an:

 


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