„Die letzten Jahre waren ein gutes Tempo“ – Raum27 im Interview

Auf dem Rocken am Brocken Festival haben wir im August Tristan und Mathis von Raum27 getroffen. Nach ihrem Jahresabschluss im Pier2 erscheint ihr neues Album „27“ und die bisher größte Headline-Tour steht an.

Foto: Christian Wasenmüller

Bremen. Mit ihrem modernen Indie-Pop-Sound und Songs zwischen Euphorie, Melancholie und gesellschaftlicher Relevanz haben sich Raum27 in den vergangenen Jahren eine stetig wachsende Fanbase aufgebaut. Die Band schafft es, persönliche Geschichten mit Themen zu verbinden, die viele junge Menschen beschäftigen, und trifft damit bei ihrem Publikum den Nerv der Zeit. Mit ihrer Mischung aus Haltung und textlichem wie musikalischem Feingefühl haben sie sich in den letzten Jahren einen festen Platz in der deutschsprachigen Musiklandschaft erspielt. Ihre Nähe zu den Fans, ihr offener Austausch auf Social Media und ihre klaren Botschaften machen sie für viele zur Stimme einer Zeit, in der Authentizität mehr zählt als Perfektion. Vor ihrem Auftritt auf dem Rocken am Brocken Festival im August, haben uns Tristan und Mathis einige Fragen beantwortet.

Ihr spielt heute das vierte Mal in sechs Jahren beim Rocken am Brocken. Habt ihr ein Festival, wo ihr vergleichbar oft aufgetreten seid?

Mathis: Spontan fallen mir Deichbrand, Open Flair und Green Juice ein. Da haben wir auch überall schon echt oft gespielt.

Tristan: Aber das Rocken am Brocken ist tatsächlich eines der Festivals, die sehr früh schon an uns geglaubt haben. Wir haben 2021 das erste Mal hier gespielt und das ist eine meiner Kernerinnerungen. Es war eines der Festivals, wo wir das Gefühl hatten, wir spielen jetzt wirklich eine Festivalshow. Die Leute haben gecampt, waren mehrere Tage vor Ort – das war für uns alles noch ganz neu damals.

Was zeichnet das Rocken am Brocken Festival für euch aus und macht es besonders?

Tristan: Es ist vor allem die Atmosphäre hier, die konnte ich heute endlich wieder etwas stärker einfangen. Wir sind hier im Harz ja wirklich umgeben von Wald und Gebirge. Durch das unvorhersehbare Wetter hat es immer etwas Magisches, das macht es für mich hier ganz besonders.

Mathis: Ich glaube, man merkt Festivals immer an, wenn sie nicht in einer Stadt oder an einem einfach zugänglichen Ort sind. Alle Menschen, die jetzt hier sind, haben sich ganz bewusst auf den Weg gemacht und sich mit dem Rocken am Brocken Festival auseinandergesetzt. Bei anderen Festivals gibt es oft viel Laufpublikum oder spontane Entscheidungen, und hier sind die Menschen wirklich ganz bewusst und nicht ohne Grund. Sie hatten ein klares Ziel und freuen sich auf das Wochenende.

Tristan: Diese Festivalgröße ist unsere Lieblingsgröße. Bei 5000er-Festivals haben wir immer das Gefühl, der familiäre Spirit ist voll da und die Leute machen sich Gedanken, wie die Dinge auf dem Festival funktionieren sollen – für die Besuchenden und für die Artists. Das sind meistens die schönsten Festivals von morgens bis abends.

Ihr habt als Band schon immer einen sehr klaren Bezug zu Bremen und Bremerhaven gehabt. Viele Musiker*innen sind irgendwann in der Situation, nach Hamburg, Berlin oder in andere Städte zu ziehen, ihr wohnt beide in Bremen. Was glaubt ihr, warum zieht es andere Künstler*innen in größere Städte und warum euch beide nicht?

Tristan: Ich glaube sogar, wir sind vor allem aus Trotz hiergeblieben.

Mathis: Wir würden lügen, wenn wir sagen, nicht auch kurz in der Lage oder in dem Moment gewesen zu sein, darüber nachzudenken, ob es für uns Sinn ergibt.

Tristan: Es gibt einfach unfassbar viele Faktoren, die man oft gar nicht hauptsächlich auf dem Schirm hat, die Städte wie Hamburg oder Berlin begünstigen. Beispielsweise Transporter oder auch Nightliner mieten ist einfacher an Standorten, die sich um die Musik herum gebildet und auf Artists und Produktionen zugeschnitten haben. Solche Zugänge haben andere Städte wie Bremen nicht. Was Kultur und Kulturförderung angeht, macht Bremen gerade ein paar Schritte, aber es ist einfach zu merken, dass es in anderen Städten schon deutlich länger Thema ist. Gleichzeitig haben wir uns aber auch gedacht, in Berlin wären wir jetzt die wahrscheinlich 20. Indie-Pop/Rock-Band und in Bremen ist es schon etwas Besonderes. Außerdem sind unsere Familien in der Nähe und wir sind so viel unterwegs, dass es dann auch schön ist, aus Bremen den kurzen und schnellen Weg dahin zu haben. Wenn wir jetzt nach Hamburg oder Berlin nach Hause kommen würden und dann noch unsere Eltern besuchen wollen, ist es auch wieder super viel Strecke.

Mathis: Wir sind trotzdem super viel in den genannten Städten, unser Produzent ist z.B. in Berlin. Aber wir freuen uns dann immer, wieder zurück nach Hause fahren zu können.

Euer letztes Album trägt den Titel „Keine Tränen“ und ist gleichzeitig emotional und textlich sehr offen. Habt ihr Themen, über die ihr nicht singen würdet?

Tristan: Es gibt einfach Dinge, die sind nicht so präsent in unseren Leben. Es gibt kein Thema, wo wir so eine Art Verbotsschild drauflegen, aber wir sind jetzt keine Partymäuse, die die Nächte durchfeiern. Also klar, Anfang unserer 20er haben wir auch mal einen über’n Durst getrunken und Party gemacht. Aber das kommt eben nicht mehr wirklich vor und deshalb spielt es auch textlich keine Rolle bei uns.

Mathis: Es kommt immer darauf an, was wir erlebt haben oder noch erleben werden. Das setzt für uns den Rahmen der Dinge, über die wir schreiben.

Fans bei euren Konzerten erzählen oft, dass ihnen eure Songs durch schwierige Phasen oder Zeiten geholfen haben. Das ist natürlich ein schönes Kompliment, erzeugt es im Songwriting manchmal Druck, dem ein Stück weit gerecht zu werden?

Tristan: Das ist bei mir tatsächlich nicht so. Ich glaube, wir teilen oft Erlebnisse und da wird es immer Themen geben, die Menschen miteinander verbinden. In der Hinsicht hat es mich nicht unter Druck gesetzt, aber es hat mich ein bisschen eingeschüchtert, dass es Leute so berührt. Ich finde das total schön und ich habe das Gefühl, so etwas schreibt Songs deutlich mehr Bedeutung zu. Wenn das bei unseren Fans passiert, wird ein Song auch für mich wichtiger und das Thema, das ich behandele und auf mich beziehe, bekommt ebenfalls mehr Bedeutung. Dadurch wiederum gebe ich mir automatisch auch mehr Bedeutung und das ist etwas ganz Schönes, das man sich selber durch seine Fans mehr wertschätzt.

Dieses Jahr seid ihr beim Rocken am Brocken Festival einer der Headliner. Wenn ihr mit den beiden Jungs, die vor einigen Jahren im namensgebenden Musikraum eurer Schule saßen, sprechen könntet – worauf würdet ihr sie im Bezug auf Musik, Musikszene und das Bandleben warnen und worauf würdet ihr sie neugierig machen?

Mathis: Das soll überhaupt nicht eingebildet klingen, aber ich glaube, wir haben schon vieles richtig gemacht. Wo viele manchmal abdriften oder den Fokus verlieren, sind wir immer cool geblieben oder haben ein Gefühl dafür gehabt zu checken, dass alles, was wir tun und das Tempo, das wir vorlegen, nachhaltig ist. Wir waren nie die krassen Überflieger, die zehn Top-Hits in einem Jahr produzieren. Aber es hat sich trotzdem jedes Jahr merklich und wahrnehmbar gesteigert. Wir konnten uns in Ruhe etablieren und ganz viele tolle Erfahrungen erstmal in Ruhe für uns checken. Beispielsweise hier beim Rocken am Brocken konnten wir schon dreimal spielen und sind dementsprechend routiniert und selbstbewusst, wenn wir heute Abend als Co-Headliner auf die Bühne gehen. Das sind alles Dinge, die würde ich niemals ändern oder missen wollen. Die letzten Jahre waren ein gutes Tempo und eine gesunde Entwicklung.

Tristan: Ich glaube, es gibt viele Artists da draußen, die versuchen, mit Musik oder Erfolg und Anerkennung etwas auszugleichen oder zu kompensieren, was sie charakterlich als Defizit haben, und darin Bestätigung suchen. Diese Herangehensweise kann über die Zeit sehr toxisch sein, vor allem, wenn man über Jahre hinweg Musik machen möchte. Man muss einfach früh auf sich achtgeben und auf sich aufpassen, weil viele negative Charaktereigenschaften und Angewohnheiten sich in der Musikindustrie langsam einschleichen können. Ich glaube, wir haben das immer recht früh gecheckt. Zudem kommen wir nicht aus dieser Welt und wollten nie so tief in sie hineintauchen. Deswegen ist Berlin dazu ein ganz guter Vergleich. Wir fahren oft hin und finden es für einen Tag super aufregend mit den Menschen. Aber dann gehen wir auch wieder und zwar meistens dann, wenn die Aftershowparty langsam anfängt zu kippen. Da sitzen wir schon im Zug. Auf jeden Fall würde ich meinem jüngeren Ich noch mit auf den Weg geben, sich nicht ganz so viele Gedanken zu machen. Ein paar waren natürlich auch gesund, aber wenn die Gedanken zu Stress und Zukunftsängsten führen, hätte ich mich gerne davor bewahrt.

Als Musiker*in macht man längst nicht mehr nur Musik. Was würdet ihr grob schätzen, wie ist das Verhältnis zwischen Musik- und Contentproduktion?

Mathis: Der musikalische Anteil ist, wie bei wahrscheinlich allen anderen Bands gerade auch, immer mehr rückläufig. Musik ist leider oft sehr zur Nebensache geworden. Wir versuchen, es immer wieder einzufangen und uns auch phasenweise nur über Musik Gedanken zu machen. Aber wenn wir zusammenrechnen würden, wie viel Zeit wir in Musikvideos und Content für die Social-Media-Kanäle usw. stecken und was dagegen dann 90 Minuten Konzert oder ein Tag im Studio sind, da kann man nicht einmal mehr von Hälfte/Hälfte sprechen.

Tristan: Ich würde noch unterscheiden zwischen dem Faktischen, das Mathis gerade aufgezählt hat, und dem, was wir ihm trotzdem für einen Wert geben. Im Wert überwiegt die Musik natürlich noch deutlich. Ich kenne viele Artists, die gefühlt mehr influencende Personen sind, und sobald sie auf der Bühne stehen, hat man das Gefühl, da fehlt schon noch recht viel Erfahrung und die Bühnenperformance ist vielleicht nur ein Promo-Ding oder eine Nebensache, die dazugehört und ein weiteres Reel erzeugt. Bei uns ist es eher andersrum. Mit Content arbeiten wir darauf hin, wieder auf der Bühne stehen zu können. Solange das der Fall ist, fühlen wir uns damit okay, aber Musik ist der ganz klare Hauptgrund, weshalb die ganzen anderen Dinge existieren.

Über die Jahre habt ihr einige Feature-Songs veröffentlicht, sowohl eigene Songs, als auch als Gäste bei anderen Acts – mit Conny ging es sogar in beide Richtungen. Im letzten Sommer ist „Gezeiten“ mit Soffie erschienen und „Silberfische“ mit Levi Penell ist ein kleiner Fan-Liebling geworden. Habt ihr einen Musiker oder eine Musikerin, mit dem oder der ihr richtig gerne mal für einen Song zusammenarbeiten würdet?

Tristan: Auf jeden Fall! Wir haben ja immer auch Experimente gewagt und einige wilde Feature-Kombinationen gehabt. Deshalb haben wir uns letztes Jahr sehr gefreut, dass Soffie den Song mit uns gemacht hat. Wir haben das Gefühl, damit unser Genre etwas mehr bedient zu haben. Ich habe heute erst darüber nachgedacht, wie geil es wäre, mit Kayla Shyx einen Song zu machen, weil ich ihre Musik gerade richtig gerne mag. Paula Hartmann wäre auch richtig cool! Mit Magda hätte ich auch sehr große Lust darauf. Ich habe auf jeden Fall eine gedankliche Liste mit Traum-Features.

Mathis: Viele Acts machen auch fast nur Features, also von zehn Albumtracks sind acht davon Features. Dort ist es einfach ein Konzept und dahinter steckt ganz viel Netzwerk, was wiederum andere Dinge bewirken soll. Das sehen wir manchmal kritisch, wir sind froh, noch nicht so viel gefeatured zu haben und sagen zu können, dass wir unseren jetzigen Stand aus eigener Kraft erreicht haben, wenn man das als Rückschluss ziehen möchte. Trotzdem ist es natürlich aber auch cool, mit anderen Menschen zu connecten und mit ihnen gemeinsam Musik zu veröffentlichen. Ich habe das Gefühl, wir müssen uns da selbst noch etwas finden.

Im März und April steht eure bisher größte eigene Tour an. Meistens wird so eine Tour ja nicht ins Blaue geplant, was wird denn bis zum Tourstart noch so bei euch passieren?

Tristan: Wir können auf jeden Fall sagen, dass wir in der Vergangenheit sehr viel Musik gemacht haben. Ich frage mich bis heute, wie wir es geschafft haben, das in diesem und letzten Jahr zwischen den ganzen Shows noch terminlich einzupflegen. Aber wir hatten nicht nur Kapazitäten, sondern auch qualitativ sehr hochwertige Wochen, in denen wir uns einschließen und Musik machen konnten.

(Inzwischen haben Raum27 angekündigt, dass am 26. Februar ihr drittes Studioalbum mit dem Titel „27“ erscheinen wird. Die erste Single „Chéri(e) ist am 21. August erschienen. Hier könnt ihr es als CD, Vinyl und in mehreren Bundles vorbestellen.)

Eine abschließende Frage an euch beide: Gibt es eine Eigenschaft am jeweils anderen, die für den Erfolg von Raum27 wichtiger ist, als man von außen vermuten würde?

Tristan: Ich mag an Mathis, dass wir uns in vielen Punkte so gut ergänzen. Mathis’ Ruhe löst in mir auch ganz oft Ruhe aus in Momenten, in denen ich normalerweise komplett an die Decke gehen würde. Mache ich trotzdem noch regelmäßig, aber Mathis federt das immer gut ab und das ist für uns sehr wichtig und maßgeblich verantwortlich für den jetzigen Stand. Wäre die Band ein Soloprojekt von mir, hätte ich es schon nach zwei Jahren gegen die Wand gefahren und vermutlich in eine Burnout-Klinik oder ähnliches gemusst.

Mathis: Tristans Panik und Stress, dass Dinge nicht klappen wiederum, ist auch dafür verantwortlich, dass wir heute hier stehen. Es braucht ja immer etwas Druck und ein bisschen Risiko. Wir können uns nicht darauf ausruhen, was wir schon alles gemacht haben. Tristan hat ein großes Talent darin, immer nach vorne zu gucken. Er weiß jetzt schon nicht mehr, was wir vorletzte Woche gemacht haben und das ist manchmal echt gut. Manchmal müssen wir uns gemeinsam hinsetzen und alles kurz sacken lassen. Aber wir können beide viel arbeiten und wissen schon gut, was wir wollen.

Am 19. Dezember spielen Raum27 ihr großes „Homecoming 2026“ in Bremen im Pier2. Nach der Album-Veröffentlichung am 26. Februar, folgt im März und April ihre bisher größte Headline-Tour mit 17 Terminen in Deutschland und Österreich. Am 22. April treten Raum27 in Oldenburg in der Kulturetage auf. Tickets für alle Konzerte gibt es im Vorverkauf.

 


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